Corona-Impfung: "Die Nerven liegen blank"

AstraZeneca dementiert Absage eines EU-Krisentreffens. Es soll nun doch stattfinden. Auch bei Absprachen mit anderen Herstellen hakt es bei der Transparenz

AstraZeneca habe ein Treffen zur Aussprache mit EU-Vertretern kurzfristig abgesagt, ohne Gründe zu nennen, so die Breaking News heute Mittag. Das Treffen war für heute Abend anberaumt und sollte u.a. die Frage klären, weshalb das Unternehmen der EU die vereinbarte Menge Impfstoff nicht fristgerecht liefern kann. Das Unternehmen dementierte diese Absage umgehend.

Zuvor hatte AstraZeneca den Unterschied zu Großbritannien und anderen Nicht-EU-Ländern, wo die Lieferung schneller funktioniert, damit erklärt, dass dort früher bestellt worden sei.

Es habe auch Anfangsprobleme in Großbritannien gegeben, so AstraZeneca-Chef Pascal Soriot: "Aber der Vertrag mit den Briten wurde drei Monate vor dem mit Brüssel geschlossen. Wir hatten dort drei Monate mehr Zeit, um Pannen zu beheben." Astra-Zeneca habe mit der EU eine "Best effort"-Vereinbarung abgeschlossen.

"Der Grund war, dass Brüssel mehr oder minder zum selben Zeitpunkt beliefert werden wollte wie die Briten - obwohl die drei Monate früher unterzeichnet hatten. Darum haben wir zugesagt, es zu versuchen, uns aber nicht vertraglich verpflichtet."

"Die Nerven liegen blank." An dieser Feststellung des AstraZeneca-Chefs Pascal Soriot ist wenig zu rütteln. Er äußert sie wie die oben erwähnten Aussagen in einem Interview mit der Welt (Zahlschranke). Dort wird er zudem mit dem Vorwurf konfrontiert, dass der Impfstoff seines Unternehmens bei Über-65-Jährigen nur acht Prozent Wirksamkeit habe. Die Frage dazu hat zwei corona-typische Diskussions-Spikes, einen wissenschaftlichen - "Stimmt das?" - und einen politischen: "Vermuten Sie politische Motive?"

Verunsicherung über Wirksamkeit bei Älteren

Die Zahl stimme nicht, so der Franzose, er wisse auch nicht, woher die Zahl der "acht Prozent" komme. Seine Aussagen bestätigen, dass man zum AstraZeneca-Impfstoff nur begrenzte Daten für die Älteren hat. Oxford habe "aus ethischen Gründen in den ersten klinischen Studien" keine älteren Menschen getestet. Priorität hätten "genug Sicherheitsdaten aus der Gruppe der 18- bis 55-Jährigen" gehabt. Aber, so Pascal Soriot:

Wir haben robuste Daten, die die starke Antikörperproduktion bei Älteren gegen das Virus belegen. Letztlich ist entscheidend, dass das Mittel gegen schwere Erkrankung schützt und klinische Behandlung unnötig macht. Manche Länder mögen unseren Impfstoff nur an jüngere Menschen vergeben. Ehrlich, das ist in Ordnung. Es gibt ohnehin nicht genug davon. Selbst wenn Pfizer und Moderna dazukommen.

Pascal Soriot

Dass der AstraZeneca-Impfstoff angeblich nur eine achtprozentige Wirksamkeit bei älteren Menschen habe, wurde zum Beispiel vom Handelsblatt weitergegeben, das sich dabei auf deutsche Koalitionskreise bezog.

Das Bundesgesundheitsministerium versuchte dies inzwischen klarzustellen: Die Info über die 8 Prozent Wirksamkeit sei womöglich durch eine Verwechslung entstanden: In der Wirksamkeitsstudie seien rund acht Prozent der Teilnehmer zwischen 56 und 69 Jahre alt und nur drei bis vier Prozent älter als 70 Jahre.

Im Interview mit der Welt wollte Soriot auf die Frage nach politischen Motiven nicht direkt antworten, er wisse das nicht. Aber auch Masken und Testungen seien schon zum "politischen Werkzeug" geworden. Was bedauernswert sei, da doch jetzt Kooperation wichtig sei, um die Probleme zu lösen.

Geht es nach Medieninformationen, so könnten die Unsicherheiten über die Wirkung des Astra-Zeneca-Impfstoffs politische Folgen haben. Die europäische Arzneimittelbehörde EMA könnte "tatsächlich am Freitag die Impfung mit dem AstraZeneca-Stoff lediglich für Menschen unter 65 Jahren empfehlen" (Spiegel) und der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn könnte sich daraufhin dazu entscheiden, die Impfprioritäten zu ändern - "und die Impfung für jüngere Menschen öffnen".

Rechnungen, die nicht so einfach aufgehen

Es ist viel von Vertrauen die Rede, wenn es um die Bewältigung der Corona-Krise geht. Es wird daran appelliert, die Nerven zu behalten, besonders gilt das für die Impfungen. Bei der derzeitigen Nachrichtenlage ist das nicht immer einfach. Denn es wird einerseits statt Kooperation die Konkurrenz betont, etwa mit den Meldungen, weshalb bestimmte Länder wie die USA, das UK oder Israel sehr viel schneller sind und Deutschland oder die EU hinter den Erwartungen zurückbleiben. Zum anderen zeigt sich, dass es mit den Bestellungen und der Logistik auf eine Art hapert, die immer wieder aufs Neue überraschend ist.

So zeigte sich in den letzten Tagen, wo auf eine Jubelmeldung die nächste Schadensmeldung folgte. So wurden Nachrichten, die von einer Knappheit der bestellten Menge an Impfstoff berichteten, später damit gekontert, dass es sich herausgestellt habe, dass man aus den Ampullen mehr Impfdosen gewinnen könne als zunächst angenommen, nämlich sechs statt fünf. Nun zeigt sich, dass diese Rechnung nicht ganz so einfach aufgeht, weder was den Preis anbelangt noch den Zugewinn an Impfdosen.

BioNTech hatte, wie die Tagesschau berichtet, von Anfang an alle Impfdosen-Behältnisse aus technischen Gründen leicht überfüllt, "damit die vom Hersteller garantierte Menge sicher mit dem Impfbesteck entnommen werden könne". Das Bundesgesundheitsministerium hatte dazu "eine scheinbar gute Idee", so der Bericht: "Unter Verwendung von speziellen Spritzen und Kanülen sei bei sorgfältiger Vorgehensweise die Entnahme von sechs Dosen (statt fünf, Anm. d. A.) grundsätzlich möglich."

Ab sofort könnten pro Ampulle 20 Prozent mehr Menschen geimpft werden, hieß es vom Gesundheitsministerium. Die Antwort von BioNTech/Pfizer machte diese Freude zunichte:

Denn der Impfstoffhersteller kürzte schlichtweg die gelieferte Menge an Impfstoff um 20 Prozent und verwies auf die Verträge, die mit der EU-Kommission für die 27 EU-Staaten ausgehandelt worden waren. Dort sei vereinbart, dass die Bestellungen "immer auf einer Gesamtzahl von Dosen beruht und nicht von Ampullen", so der US-Pharmakonzern Pfizer, der zusammen mit BioNTech den Impfstoff herstellt. "Wir halten unsere Lieferverpflichtungen gegenüber den Staaten ein."

Tagesschau

Kritik an der Transparenz der Verträge

Die Vereinbarungen mit den Unternehmen sind wenig transparent, weshalb auf EU-Ebene mehr Einsicht in die Verträge gefordert wird. Die EU-Kommission müsse den Vertrag mit AstraZeneca offenlegen, forderte die Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Nicola Beer:

Wir haben bislang geschwärzte Entwürfe gesehen. Ich glaube, es kann nicht angehen, (...) dass wir im Grunde genommen überhaupt keine Informationen kriegen, weil an den entscheidenden Stellen - wieviel Dosen werden wann geliefert, zu welchem Preis - alles geschwärzt ist.

Nicola Beer

(Thomas Pany)