Corona-Impfung: Russen wollen im Oktober die ersten sein

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Amerikaner Fauci rechnet erst im Laufe des nächsten Jahres mit einer Massenverfügbarkeit

Der russische Gesundheitsminister Michail Muraschko hat am Wochenende bekannt gegeben, dass das staatliche russische Forschungsinstitut Gamaleja seine klinischen Versuche mit einem im Mai entwickelten Sars-CoV-2-Serum erfolgreich beendet habe und nun einen Zulassungsantrag stellen werde. Darüber, ob ihm stattgegeben wird, könnten die Behörden noch in diesem Monat entscheiden.

Deshalb plant Muraschko bereits für den Oktober "breitere Impfungen". Dabei sollen als erstes jene Berufsgruppen geimpft werden, die für die Bekämpfung der Seuche am wichtigsten sind: Ärzte und Krankenschwestern. Aber auch Lehrer will man möglichst früh immunisieren.

Briten und Amerikaner werfen Russen und Chinesen Spionage vor

Über Erfolge mit den Impfstofftests hatte der stellvertretende russische Verteidigungsminister Ruslan Zapikow bereits vor zwei Wochen berichtet (vgl. Corona-Impfstoff: Briten, Chinesen und Russen melden Erfolge) - etwa zeitgleich mit einem Forscherteam aus dem englischen Oxford, das die Reaktionen von 1.077 Studienteilnehmern auf einen zusammen mit dem Pharmaunternehmen AstraZeneca entwickelten Vektor-Impfstoff in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet publizierte. Kurz vorher hatte der britische Außenminister Dominic Raab russischen Geheimdiensten via Twitter vorgeworfen, sie stünden hinter "Cyberattacken" auf Personen, die an einem Corona-Impfstoff arbeiten. Die russische Staatsführung hatte diese Anschuldigung zurückgewiesen.

Etwas unschärfer gehalten waren Vorwürfe des amerikanischen Außenministers Mike Pompeo bei der Schließung des chinesischen Konsulat in der texanischen Hauptstadt Houston am 22. Juli. Hier war nur allgemein von einem "Drehkreuz der Spionage und des Diebstahls geistigen Eigentums" sowie von "Geschäftsgeheimnissen der USA" die Rede. Kurz zuvor hatte das US-Justizministerium aber zwei chinesische Staatsbürger angeklagt, denen vorgeworfen wird, mit Unterstützung eines chinesischen Geheimdiensts US-Firmen in den Bundesstaaten Maryland und Massachusetts ausspioniert zu haben, die an Corona-Impfstoffen arbeiten. Die chinesische Staatsführung wies beide Anschuldigungen zurück und schloss im Gegenzug das amerikanische Konsulat in Chengdu.

Fauci zweifelt an "tatsächlichen Tests"

Auch ein chinesisches Forscherteam aus dem Seuchenausbruchszentrum Wuhan hatte vor zwei Wochen im Lancet die Ergebnisse einer Phase-2-Studie veröffentlicht. Die Chinesen probierten einen Impfstoff des chinesischen Unternehmens CanSino an 508 Probanden aus. Auch auf dieses Mittel reagierte der Großteil der Teilnehmer mit der Bildung von Antikörpern und T-Zellen. Die Nebenwirkungen, die die Impfung hervorrief, hielten sich ebenfalls in einem angesichts des Krankheitsrisikos vertretbarem Rahmen. Drei weitere chinesische Unternehmen testen mit Freiwilligen aus der chinesischen Volksbefreiungsarmee, aus Brasilien und aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Anthony Fauci, der Pandemieberater der US-Regierung, meinte trotz dieser Meldungen bei einer Anhörung im US-Kongress am Freitag, er "hoffe, dass die Chinesen und die Russen den Impfstoff tatsächlich testen, bevor sie ihn jemandem verabreichen". Damit wich er der Frage aus, ob die Amerikaner auch in den Genuss eines im Ausland entwickelten Serums kämen, wenn man dort schneller ist. Der süditalienischstämmige Apothekerssohn geht nach eigenen Angaben davon aus, dass ein amerikanischer Impfstoff im Laufe des nächsten Jahres masseneinsatzbereit sein wird.

Amerikanische Forscher vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) und der Biotechnologiefirma Moderna berichteten Mitte Juli im New England Journal of Medicine über eine Impfung mit positiven Immunreaktionen. Hier lag die Zahl der Teilnehmer lediglich bei 45. Auch ihr Impfstoff geht nun in Phase 3 der klinischen Tests. Die Wissenschaftler von NIAID und von Moderna sind aber nicht die einzigen Amerikaner, die sich am Rennen um ein Serum beteiligen. Ein anderes bekanntes US-Unternehmen in diesem Wettbewerb ist Sorrento Therapeutics.

Auf der ganzen Welt suchen Wissenschaftler derzeit in insgesamt 171 Projekten nach Impfstoffen gegen das erst in diesem Jahr bekannt gewordene Sars-CoV-2-Virus. In Deutschland geschieht das unter anderem beim Tübinger Start-Up Prime Vector Technologies (PVT) und bei der Firma Baseclick im bayerischen Neuried. In Österreich arbeiten dazu die Universität Wien und die Firma Viravaxx zusammen. Ein anderes Wiener Unternehmen, Cebina, hat sich die ungarische Universität Pécs zum Partner erkoren, während es das schweizerische Unternehmen Alpha-O Peptides alleine versucht. Weitere Teilnehmer mit guten Erfolgschancen sind die südkoreanische Firma SK Life Science und die indischen Unternehmen Biocon und Seagull. (Peter Mühlbauer)