Corona-Impfung kann Thrombozyten aktivieren

Sinusvenen. Grafik: P. K. Sasidharan. Lizenz: CC BY 3.0

Forscher an der Universität Greifswald haben in Zusammenarbeit mit dem Paul-Ehrlich-Institut und Kollegen aus Wien und Graz herausgefunden, warum es nach Astrazeneca-Spritzen vermehrt zu Thrombosen kommt

Heute Vormittag erklärte Andreas Greinacher, ein Experte für Thrombozytopenien, Thrombozytopathien und arzneimittelinduzierte Immunreaktionen an der Universität Greifswald, der deutschen und österreichischen Presse, wie sein Team in Zusammenarbeit mit dem Paul-Ehrlich-Institut und Kollegen in Wien und Graz innerhalb weniger Tage und mit noch weniger Schlaf herausfand, warum es bei Personen, die mit dem Corona-Serum von Astrazeneca geimpft wurden, vermehrt zu Hirnvenenthrombosen kam:

In allen der neun Blutproben von Betroffenen, die sie untersuchten, waren Thrombozyten fehlaktiviert. Diese Blutplättchen sorgen nach Verletzungen dafür, dass Blut verklumpt und dass sich Wunden schließen. Warum die Impfung bei manchen Patienten diese Fehlreaktion über den Fcγ-Rezeptor IIa ohne Verletzung auslöst, ist noch unklar. Es könnte Greinacher zufolge beispielsweise an den von Astrazeneca verwendeten Vektorviren liegen, aber auch am Fieber, das nach den Impfungen als reguläre Nebenwirkung auftritt. Deshalb ist auch unklar, ob nicht auch andere Corona-Impfstoffe ein ähnliches Risiko mit sich bringen.

Schwere Kopfschmerzen

Dass so etwas vorkommt, ist dem Greifswalder Medizinprofessor nach aber "ganz selten". Das sehe man daran, dass es in Europa unter Millionen mit AZD1222 Geimpften bislang nur zu 40 bis 50 bekannten Fällen kam. Nun sollten Geimpfte darauf achten, ob sie ab dem vierten Tag nach der Impfung schwere Kopfschmerzen bekommen oder ob plötzlich ein Bein dicker wird. Die Kopfschmerzen sind Anzeichen einer möglichen Hirnvenenthrombose, ein dickeres Bein oder ein muskelkaterähnlicher Schmerz deuten dagegen auf eine Beinvenenthrombose hin. In beiden Fällen sollten die Geimpften umgehend einen Arzt aufsuchen.

Treten die Kopfschmerzen schon zwei bis drei Tage nach der Impfung auf, sind sie Greinacher zufolge kein Alarmsignal, sondern eine normale Nebenwirkung. In allen von ihm untersuchten Fällen wurde der Mechanismus nämlich zwischen dem fünften und dem 14. Tag nach der Impfung aktiviert. Deshalb hofft er auch, dass ab der zweiten Woche nach der Spritze keine Gefahr mehr besteht.

Gegenmittel stoppt zwar den Mechanismus, beseitigt aber die Thromboseschäden nicht

Bestätigt sich der Verdacht einer Thrombose nach einer Impfung, können Ärzte und Krankenhäuser mit einem von den Greifswalder Wissenschaftlern entwickelten Test herausfinden, ob diese tatsächlich durch impfbedingt fehlgeleitete Thrombozyten entstand. Danach können sie intravenöses Immunglobulin (IVIg) verabreichen. Dieses in Krankenhäusern vorrätige Medikament stoppt zwar den Mechanismus, beseitigt aber nicht die bereits durch die Thrombose entstandenen Schäden. Eine präventive Vorabvergabe von IVIg hält Greinacher der Nebenwirkungen wegen trotzdem nicht für sinnvoll.

Auch wenn der grundlegende Mechanismus nun entschlüsselt ist, sind seinen Angaben nach immer noch viele Fragen ungeklärt. Etwa die, warum die bislang bekannt gewordenen Fälle ganz überwiegend Frauen betreffen. Als mögliche Erklärungen nennt er neben einem denkbaren Zusammenhang mit Östrogenen und einer allgemein größeren Häufigkeit von Autoimmunerkrankungen bei Frauen auch die Zusammensetzung der Gruppe der nun mit Astrazeneca Geimpften, die im Gesundheits- und Pflegebereich vor allem weiblich sein könnten. Ebenso unklar ist, warum es bislang vor allem zu Hirn- und weniger zu Beinvenenthrombosen zu kommen scheint.

Das, was er und seine Mitarbeiter und Kollegen bislang herausgefunden haben, will Greinacher in den nächsten Tagen in The Lancet veröffentlichen. Für die Vorabinformation der Kliniken und Medien entschied er sich, damit Ärzte weitere betroffene Patienten schnell behandeln und so vor einer tödlichen Embolie bewahren können. Außerdem bittet er darum, dass Geimpfte und Besorgte davon absehen, sich mit Fragen direkt an sein Institut zu wenden, wo das Telefon nun pausenlos klingle. Auch an E-Mails seinen alleine während der Pressekonferenz via Teams etwa hundert eingegangen. (Peter Mühlbauer)