Corona-Jagd mit Telefax und Aktenumlaufmappe

Telefaxgerät. Foto: Tumi-1983. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wie man in Deutschland Ansteckungsketten nachvollzieht

Das Gesundheitsamt des Landkreises Gütersloh empfängt positive und negative Ergebnisse von Sars-CoV-2-Tests nicht etwa über E-Mails, eine Kommunikationssoftware, oder einen Datenbankzugriff, sondern über ein Telefaxgerät. Dessen Auswurf geben Mitarbeiter des Gesundheitsamtes dann händisch unter anderem in eine Access-Datenbank ein, die sich das Gesundheitsamt selbst zurechtgeschneidert hat.

Verboten

Dabei sind die Gütersloher unter den etwa 400 Gesundheitsämtern in Deutschland keineswegs alleine: Den Informationen des FDP-Bundestagsabgeordneten Hagen Reinhold nach arbeiten aktuell mehr als drei Viertel so. Eine Ursache dafür ist, dass der Gesetzgeber eine Weitergabe von Gesundheitsdaten mit handelsüblicher Software selbst dann nicht erlaubt, wenn dies stark verschlüsselt geschieht.

Will man vom Fax Abschied nehmen, darf man ausschließlich die Software benutzen, die der Gesetzgeber genehmigt hat. So eine Genehmigung geht jedoch nicht in allen Fällen mit einem einwandfreien Funktionieren und ausgesprochener Benutzerfreundlichkeit einher. An manchen der Schnittstellen zwischen Staat und Software kann man sich sogar des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass Anbieter, die hier teilweise zum Zug kamen, in einer etwas idealeren Marktsituation mit Nachfragern, die ihr eigenes Geld ausgeben, und Käufern, die selbst mit der Software arbeiten müssen, nicht an ihre Aufträge gelangt wären.

Demis und Sormas

Die Systeme, die die Politik den Gesundheitsämtern und Laboren derzeit als legale Alternativen zum Faxgerät und zur Aktenumlaufsmappe anpreist, heißen "Demis" und "Sormas". Demis steht für "Deutsches Elektronisches Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz" und wurde "vom Robert Koch-Institut und dem Bundesgesundheitsministerium in Kooperation mit der Gematik und Fraunhofer FOKUS umgesetzt". Der 2005 gegründeten Gematik hatte man vorher die Digitalisierung der Infrastruktur für das reguläre Gesundheitswesen überlassen, die eher schleppend vonstatten ging und nicht ausschließlich zufriedene Benutzer hinterließ. Das könnte dazu beigetragen haben, dass sich nach der Präsentation der Software im Sommer nicht alle Labore und Ärzte um Demis rissen. Nun hat man die Anbindung daran im Dritten Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite gesetzlich bis zum 1. Januar angeordnet.

Das Nachverfolgen der Kontakte eines Positivgetesteten mit der vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung zur Ebola-Eindämmung in Afrika entwickelten Software Sormas ("Surveillance Outbreak Response Management and Analysis System") wird an diesem Stichtag nur in Bayern Pflicht. Vorher setzte man dort auf die Eigenentwicklung "BaySIM", die zwar an 35 Gesundheitsämtern installiert, aber außerhalb von Schulungen nicht benutzt wurde. Dazu, warum das geschah, möchte sich bei stichprobenartig angefragten Gesundheitsämtern niemand äußern.

So bleibt offen, ob die Faxe dort eher als Notbehelf genutzt werden, weil man mit den erlaubten Alternativen dazu noch mehr Arbeit hat - oder ob dabei auch eine kulturelle Grundstimmung eine Rolle spielt, die sich in den letzten 40 Jahren als nationale Besonderheit in Deutschland herauskristallisiert, wo die Grünen in ihrem Parteiprogramm 1987 "Widerstand gegen [Informations- und Kommunkiations]-Techniken", "Boykottmaßnahmen gegen Erzeugnisse der IuK-Industrie", "Keine Informatisierung [sic] der Gesellschaft", "Keine Digitalisierung des Fernsprechnetzes", "Keine Dienste- und Netzintegration im Fernsprechnetz (ISDN)", "Keine Glasfaserverkabelung (Breitband-ISDN)", einen "Stopp des Kabel- und Satellitenfernsehens" und die "Entwicklung […] nicht-technologischer Alternativen" forderten. (Peter Mühlbauer)