Corona-Krise Italien: Hochumstrittene Phase 2

Covid-Pass mit Bescheinigung der Immunität wird als Voraussetzung diskutiert, wieder arbeiten zu dürfen

Es zeigt sich eine Entspannung bei der Corona-Epidemie in Italien. Daher werden erste Überlegungen aus der Regierung publik, wie die Wirtschaft wieder in Gang gebracht werden soll, ohne eine zweite Welle zu riskieren.

"Wir planen Phase 2 des Notstands, um einige Maßnahmen zu lockern und zu lernen, mit dem Virus zu leben", kündigte Premierminister Giuseppe Conte im TV an. Seither wird in Italien über die nächste Stufe diskutiert. Als Voraussetzung wird genannt, dass man mit der sogenannten Phase 2 (Fase due) starten könnte, wenn die Zahl der Ansteckungen statistisch bei 0,5 liegt, wenn eine infizierte Person rechnerisch nur noch eine "halbe Person" ansteckt (die Größe wird "r" genannt). Bislang liegt diese Größe noch bei knapp über 1, dass also statistisch eine infizierte Person noch immer mehr als eine weitere Person ansteckt.

Schätzungen gehen davon aus, dass die bisherige Phase 1 noch bis mindestens Anfang Mai dauern wird. Sicher ist, dass der 1. Mai offiziell noch zur Phase 1 gerechnet wird. Es kursiert allerdings auch die Auffassung, dass sich Phase 1 bis in den Juni hinein erstrecken wird. Doch wächst eben auch der wirtschaftliche Druck.

"Wie viel sind wir bereit, im Kampf gegen das Virus auszugeben und zu verlieren? Wie viel Geld, wie viele Arbeitsplätze, wie viele Unternehmen, wie viel Zukunft, wie viele Perspektiven für die nächsten Generationen, für die Kinder, die wir zu Hause eingesperrt halten?", wird etwa in einem Artikel des Corriere della Sera gefragt.

Der Druck hat sicher einen großen Teil dazu beigetragen, dass die Diskussion über die "Phase 2" in der Öffentlichkeit lanciert wurde. Wie sehr damit empfindliches Gelände betreten wird, zeigt sich daran, dass Angelo Borrelli, der Koordinator der Corona-Virus-Krise, kritisiert wurde, weil er über Phase 2 gesprochen hat.

Oppositionspolitiker wie Renzi sehen in der Diskussion eine Möglichkeit, sich zu profilieren. Der ehemalige Ministerpräsident ist in der Publikumsgunst weit abgeschlagen und versucht sich nun mit Forderungen zur Fase due Gehör zu verschaffen. Dazu gehört die Forderung nach einem "Covid Pass", der bis zur New York Times vorgedrungen ist.

Immunitäts-Ausweis

Die Idee dahinter gehört zu den Maßnahmen, die im Zusammenhang mit der Phase 2 im Gespräch sind (ein Maßnahmenkatalog wird aktuell in der Zeitung Corriere della Sera vorgestellt) und in der Regierung erwogen wird. Es geht um eine Bescheinigung, wonach die Person, die dieses Papier hat, "immun" gegen Sars-CoV-2 ist. Mit der Immunität sind noch einige Ungewissheiten und Fragen verknüpft, daher die Anführungszeichen.

Im Szenario, das zu der Phase gehört, können Personen mit dieser Bescheinigung die Quarantäne verlassen und wieder zur Arbeit gehen. Der Vorschlag wird in Italien mit einiger Verve diskutiert, er polarisiert.

Zu den Schwierigkeiten gehört, dass Covid-19 und das Corona-Virus genau in den Gebieten, welche die Wirtschaftsmotoren in Italien sind - die norditalienischen Regionen Venetien und die Lombardei, wie auch Teile des Piemonts - am meisten verbreitet sind, also ist dort besondere Vorsicht geboten.

Anderseits liegt dort auch, worauf etwa der genannte Artikel New York Times hinweist, das beste "Datenmaterial" vor, um genauere Untersuchungen über die Antikörper anzustellen. Als Beispiel wird dort das Dorf Vo' Euganeo in der Provinz Padua erwähnt, wo am 21. Februar dieses Jahres der erste Todesfall in Italien im Zusammenhang mit covid-19 festgestellt wurde.

Zusammen mit Codogno in der Lombardei galt die Gemeinde mit 3.500 Einwohner als wichtigster Infektionsherd in Italien. Beide wie auch andere Gemeinde wurden kurz nach Bekanntwerden des Todesfalls abgeriegelt ("zona rossa").

Eine andere Maßnahme war die Durchführung von flächendeckenden Massentests in Vo'. Bei 95 Prozent der Einwohner wurde ein Rachenabstrich gemacht. Als interessantes Ergebnis wird notiert, "dass 50 bis 75 Prozent der Infizierten keine oder kaum wahrnehmbare Symptome aufwiesen".

Das Labor Italien

Die Untersuchung wurde Ende Februar mit Rachenabstrichen durchgeführt. Nun sollen "agressivere Tests" (New York Times) folgen, gemeint sind Bluttests, die dann Aufschluss über die Entwicklung von Antikörpern geben sollen und dem Zusammenhang zwischen Antikörpern, Genesungsprozess und Immunität nachgehen. Die Fülle des Materials mache den Ort zu einer Art Labor, so Wissenschaftler gegenüber der amerikanischen Zeitung aus New York, das momentan ganz im Griff der Epidemie ist.

So ist auch dort die Neugier groß, wie es in Italien weitergeht, Italien ist das große Labor. Auch dort geht man, wie Experten in Deutschland, davon aus, dass Antikörper nach einer Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus einen Immunschutz bilden, der länger anhält.

Laut einem SZ-Bericht halten hiesige Fachleute einen Immunschutz, der "nach der Infektion ein bis zwei Jahre" anhält, für wahrscheinlich. Als Bezug wird die Erfahrung mit anderen humanen Coronaviren erwähnt. (Thomas Pany)