Corona-Krise: Mehr Umsatz für Online-Handel, schlechte Zeiten für "gesellschaftlichen Flurfunk"

Bild: Pixabay License

Angeblich öffnen die Deutschen ihre Geldbeutel wieder, aber es freut sich nur ein Teil des Einzelhandels. Mehr Kurzarbeitende, Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger deuten auf Fortdauer der Krise

Der Einzelhandel hat sich im Mai belebt, im Augenblicksschnappschuss ähnelt die Belebung sogar dem oft beschworenen "V". Aber die Zahl der Arbeitslosen ist im Juni erneut gestiegen, die Zahl der Kurzarbeitenden ist die höchste jemals ermittelte, und ebenfalls angestiegen ist die Zahl der Hartz-IV-Empfänger: Das ist das Bild zur Lage, das zwei Meldungen des Statistischen Bundesamts (hier und hier) zu Anfang der zweiten Jahreshälfte 2020 machen. Besonderes Augenmerk liegt auf den Auswirkungen der Corona-Krise.

Die deutschen Konsumenten würden seit den frühen Geschäftsöffnungen im Mai "wieder ihre Geldbörsen öffnen", frohlockt ein deutscher Volkswirt in der Financial Times über die Nachricht von der Wende im Einzelhandel. Das Bild führt etwas in die Irre. Da es - unterlegt mit dem Aufmacherbild zum Artikel, das eine belebte Fußgängerzone zeigt - suggeriert, dass viele wieder in Geschäften einkaufen gehen.

Die größten Zuwachsraten im Einzelhandel verzeichnet jedoch, was auch die britische Finanzzeitung prominent herausstellt, der Online-Handel.

Das größte Umsatzplus zum Vorjahresmonat mit real 28,7 % und nominal 28,8 % erzielte der Internet- und Versandhandel. Veränderungsraten dieser Größenordnung sind selbst in dieser sehr dynamischen Branche ungewöhnlich und somit zu einem erheblichen Teil auf einen Sondereinfluss der Corona-Pandemie zurückzuführen.

Statistisches Bundesamt

Mit einigem Abstand folgen die Umsatzzuwächse beim Handel mit Einrichtungsgegenständen, Haushaltsgeräten und Baubedarf (8,6 %) und die Supermärkte und andere große Lebensmittelhändler. Der Einzelhandel mit Lebensmittel, Getränke und Tabakwaren habe real um 4,9 und nominal um 8,4 Prozent mehr umgesetzt. Es zeigt sich bei der näheren Aufschlüsselung, dass Supermärkte, SB-Warenhäuser und Verbrauchermärkte beim Umsatz gegenüber dem vom Lockdown geprägten Vormonat April zugelegt haben, aber nicht der Facheinzelhandel.

Der hat bei den Lebensmitteln im Vergleich zum Vormonat sogar noch weniger umgesetzt (real 6,6 % und nominal 3,0 %). An diese Beobachtung schließt sich eine weitere an, die das Frohlocken des deutschen Volkswirts skeptischer betrachten lässt.

Noch nicht wieder auf dem Vorjahresniveau sind dagegen der Handel mit Textilien, Bekleidung, Schuhe und Lederwaren und der Einzelhandel mit Waren verschiedener Art (zum Beispiel Waren- und Kaufhäuser) mit real -22,6 % beziehungsweise -8,3 % gegenüber dem Vorjahresmonat.

Statistisches Bundesamt

Ein Minuswert von 22,6 Prozent ist keine vernachlässigbare Größe. Sie bestätigt eine Tendenz, die quer zum traditionellen, volkstümlich eingeprägten Bild des Einzelhandels verläuft: Gekauft wird lieber über Internet, außer Möbel und Bausstoffe; die Lebensmittel besorgt man sich im Supermarkt, ansonsten sucht man lieber keine Geschäfte auf.

Das bleibt als Schatten hängen, wenn man die V-Kurve der Jubelmeldung bestaunt, wonach der Umsatz im Einzelhandel im Mai gegenüber April insgesamt "real um 13,9 % und nominal um 13,4 %" höher liegt, was rekordmäßig als "stärkster Umsatzanstieg gegenüber einem Vormonat seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1994" herausgestellt und als Ausgleich der Corona-bedingten Umsatzeinbußen der Vormonate" beschrieben wird.

Vom Erfolg der Lockerungen nach den Geschäftsschließungen bis Mitte April haben nicht alle profitiert, außer dem Niedriglohnsektor, wo diejenigen beschäftigt sind, die die im Internet bestellten Waren zum Kunden bringen.

Der große "Flurfunk"

Wer nicht profitiert hat, sind, so die pessimistisch gefärbte Annahme des Autors, Geschäfte, die sich dadurch auszeichnen, dass es dort viel Kontakt und Gespräche mit Kunden gibt (siehe auch die Zahlen zum Einzelhandel in Verkaufsräumen). Ausgenommen hiervon sind nach eigenen Beobachtungen Wochenmärkte draußen, wo seit Ende April wieder reger Betrieb herrscht. Pessimistisch wertet der Autor dies nicht nur wegen der tragischen, existenzgefährdenden Umsatzeinbußen kleinerer Händler, sondern auch weil Gespräche zwischen Kunden und Händlern ein "Flurfunk" eigener Art sind, der für die Gesellschaft wichtig ist.

Beklagte man zurecht, dass der verordnete breite Rückzug ins Homeoffice die informellen Gespräche zwischen Kollegen vorerst ausgesetzt hat, die für das Miteinander und für den Ideenaustausch wichtig sind, so gilt das auch für den "gesellschaftlichen Flurfunk". Mein jahrelanger Weinhandler war Anhänger der Front national, dennoch konnten wir reden, offen, ohne uns zu verbiegen.

In den sozialen Medien würde sich das Gespräch, das sich ohne kommentierende Blicke, Mimik und Gestik auf bloße Äußerungen reduziert, die auf dahinterstehende Konzepte und Ideologien abgeklopft werden und die Person hingegen verblasst, vermutlich schnell radikalisieren und verhärten.

Das mag möglicherweise als extremes Beispiel empfunden werden, es gibt aber andere Orte, wo man im "gesellschaftlichen Flurfunk" auf noch sehr viel extremere Äußerungen von links wie rechts traf: die Gaststätten. Sieht man die Veränderung der öffentlichen Kommunikation ähnlich pessimistisch wie der Autor dieses Beitrags, so berichten die neuen Arbeitslosenzahlen auch in dieser Hinsicht von keiner guten Entwicklung.

Das Gaststättensterben

Vom Gaststättensterben war schon vor Corona die Rede, die Schließungen und die strengen Auflagen zur Wiederöffnung von Speiselokalen haben dem Gewerbe einen harten, existenzbedrohenden Schlag verpasst, den größtenteils wohl nur die überleben, die eine gute Lobby haben.

Im ausführlichen Monatsbericht der Bundesagentur für Arbeit zur Situation auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt gibt es auf Seite 16 eine Tabelle, die den "Zugang in Arbeitslosigkeit aus Beschäftigung im 1. Arbeitsmarkt nach Wirtschaftszweigen" auflistet. An erster Stelle steht das Gastgewerbe mit einer Zunahme von 35 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

Arbeitsmarkt unter Druck

Das ist freilich nur ein Ausschnitt. In der Gesamtsicht spricht BA-Vorstandschef Detlef Scheele von einem Arbeitsmarkt, der wegen der Corona-Pandemie weiterhin unter Druck steht. Die markanten Eckpunkte lauten, dass die Zahl der Erwerbstätigen im Mai 2020 um 1,1 % gegenüber Mai 2019 abgenommen hat, konkret bedeutet dies, dass etwa eine halbe Million (483 000) Personen weniger erwerbstätig sind als zu gleichen Zeitpunkt im Vorjahr, so die Pressemitteilung des statistischen Bundesamtes. Die dazu gehörige Balkengrafik, die mit 2018 anfängt, verzeichnet ein deutliches Umkippen der Balken auf die Negativseite.

Kommentiert wird das so:

Normalerweise steigt die Erwerbstätigkeit im Mai eines Jahres im Zuge der üblichen Frühjahrsbelebung kräftig an - im Durchschnitt der letzten fünf Jahre in einem Mai um 104 000 Personen. In diesem Jahr ist jedoch - wie bereits im Vormonat April - statt eines Anstiegs ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen.

Statistisches Bundesamt

Die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen ist im Juni, wo üblicherweise eine Abnahme erwartet wird, ebenfalls gestiegen: Um 40.000 auf 2,853 Millionen, die ohne Job sind. Im Vergleich zum Vorjahresmonat sind es 637.000 mehr. Die Arbeitslosenquote steht derzeit bei 6,2 Prozent.

Nicht mit einbezogen sind die Kurzarbeitenden, die den Arbeitsmarkt laut BA-Chef gerade stabilisieren. Für den April zählt man bislang 6,83 Millionen Menschen, die in Deutschland in Kurzarbeit sind - die Zahl kann aber noch nachkorrigiert werden. Auffallend ist der Unterschied zum Vormonat März, wo die Zahl noch bei "nur" 2,49 Millionen lag. Die Zahl der Hartz-IV-Empfänger hat sich gegenüber Juni 2019 um 152.000 erhöht. Im abgelaufenen Monat wurden 4,076 Millionen Empfänger des Arbeitslosengeldes II registriert.

Die Abnahme der Erwerbstätigkeit und die Zunahme der Kurzarbeit, der Arbeitslosigkeit und der Hartz-IV-Empfänger sind keine Signale zum Frohlocken über geöffnete Geldbeutel. In den Worten der Volkswirtin Frederike Spiecker sind Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit "nicht nur ein 'Krisenindikator', sondern 'Krisenverstärker'":

"Menschen, die in Kurzarbeit oder arbeitslos sind, verfügen über ein geringeres Einkommen. Sie werden daher weniger Konsumgüter nachfragen und das 'drückt auf die Binnennachfrage.' Darüber hinaus werden Menschen aus Sorge um ihre Arbeitsstelle mehr sparen und bereit sein, auf Lohn zu verzichten."

Hier gibt es augenscheinlich keine V-Kurve. (Thomas Pany)