Corona-Krise: Uruguay zwischen Darwinismus und Käfighaltung

Leere im Hafenmarkt des Urlaubsorts Punta del Este. Bild: Gaby Weber

Telepolis-Autorin und Dokumentarfilmerin Gaby Weber über die Pandemie in Südamerika. Und einen seltsamen Richtungsschwenk des uruguayischen Präsidenten

Mitte des Jahres geisterte eine Erfolgsmeldung durch die internationale Presse. Uruguay habe in der Corona-Krise den schwedischen Weg eingeschlagen. Obwohl das Land viel testet und sogar einen eigenen Test-Kit entwickelt hat, sind nur wenige Todesfälle durch oder mit Covid zu verzeichnen: nur 65 in insgesamt acht Monaten bei 3,5 Millionen Einwohnern.

Es gab weder Lockdown noch Verbote, und die Schulen blieben weitgehend offen. Trotz dieses Erfolges hat die uruguayische Regierung im Oktober, also im beginnenden Sommer, aus unerfindlichen Gründen ihren liberalen Kurs geändert und schwere wirtschaftliche Konsequenzen in Kauf genommen.

Zwischen den Giganten

Uruguay liegt zwischen Brasilien und Argentinien, die in der Pandemie extreme Wege beschritten haben. Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro hielt und hält Covid nur für eine "kleine Grippe" und ergreift praktisch keine Maßnahmen – unter dem Motto: nur die Schwachen sterben. Darwinismus pur.

Der argentinische Präsident Alberto Fernández hingegen verordnete eine lange und harte Quarantäne - eine Art Käfighaltung. Beide Wege hatten ein fatales Ergebnis, belegen die Statistiken der Corona-Todesfälle. Dort liegen Brasilien und Argentinien fast gleichauf auf dem vierten Platz.

Die Bedingungen in Uruguay waren eigentlich schwierig. Die Menschen leben in Kleinstädten und sind, da die Jugend emigriert, eher älter. Risikogruppe also! Zur Begrüßung umarmt man sich, mit Küsschen auf die Wange, und Mate-Tee wird aus dem gemeinsamen Becher geschlürft.

Am 1. März 2020 war der neue, konservative Präsident Luis Alberto Lacalle Pou von der Nationalen Partei angetreten. 15 Jahre lang hatte das Linksbündnis Frente Amplio, Breite Front, regiert und ein solides öffentliches Gesundheitssystem hinterlassen.

Zwei Wochen später verkündete die WHO die Pandemie und der gerade aus dem Amt geschiedene Ex-Präsident Tabaré Vázquez forderte zusammen mit den Ärzteverbänden einen harten Lockdown samt Strafen. Lacalle Pou ging einen anderen Weg. Er appellierte an die "bewusste Verantwortung der Bürger", empfahl das Tragen von Masken und social distancing und setzte auf homeoffice, wo es ging. Die Schulen wurden vorübergehend geschlossen, aber die Speisesäle verteilten Lebensmittelpakete an die Eltern. Ab Juni wurde der Präsenzunterricht wieder aufgenommen.

Maskenpflicht, leere Geschäfte: Der neue Präsident Lacalle Pou änderte die Strategie. Bild: Gaby Weber

Die Regierung schloss sofort die Grenzen, bis heute dürfen nur Uruguayer und Leute mit einem uruguayischen Personaldokument einreisen. "Wir sind keine Insel, aber die Geographie hat uns geholfen", meint der ehemalige Vize-Gesundheitsminister der Frente Amplio, Miguel Fernández Galeano. Man habe eine 1.100 Kilometer lange Grenze zu Brasilien, aber das weniger besiedelte Südbrasilien wurde von der Pandemie nicht mit derselben Wucht heimgesucht, wie der Rest des Landes. Drei Brücken verbinden das Land mit Argentinien, die seien, wie die Häfen, einfach zu kontrollieren.

Die Leute hielten sich an die Empfehlungen, blieben zu Hause, und bis heute kommt man in Supermärkte, Banken und Busse nur mit Maske. Sogar an der Uferstraße, der Rambla, wird mit Maske gejoggt.

Eigenes Test Kit

Die Universität von Montevideo entwickelte, zusammen mit dem Pasteur-Institut vor Ort, ein eigenes Test-Kit, einen PCR- und einen Schnelltest. Das ermöglichte ein massives, da billiges Testen. Leider werde nur nach Teilen des Genoms gesucht, aber nicht festgestellt, was technisch möglich wäre, ob diese infektiös sind, also ob eine Ansteckungsgefahr vorliege, sagt der Erfinder des Kits. Dafür müsste man sie isolieren und kultivieren. "Das Virus wird in Uruguay nicht kultiviert", so Gonzalo Moratorio, "um die Ansteckung wissenschaftlich zu diagnostizieren, müssten wir kultivieren, was technisch möglich wäre."

Wer einreisen will, muss 72 Stunden vor Abflug einen PCR-Test machen und nach einer Woche Quarantäne einen zweiten vorlegen. Obwohl das Nachweisverfahren Moratorios mit öffentlichen Geldern entwickelt worden war, verdienen private Labors jetzt damit Geld. Dem Virologen hätte eine andere Regelung gefallen, etwa, dass öffentliche Krankenhäuser diese Tests anbieten. Warum dies nicht geschehe? "Das müssen Sie die Entscheidungsträger fragen", sagt er: "Wir sind Wissenschaftler."

In der Presse wurden Moratorio und sein Team hochgelobt, denn dank der eigenen Kits müssen nicht die teuren Tests importiert werden. Trotzdem hat die neue Regierung gerade die Mittel für die Wissenschaft eingefroren. Moratorio: "Das ist doch irgendwie komisch, widersprüchlich. Finden Sie nicht?"

Lacalle Pou nutzte die Gunst der Stunde - die durch die Pandemie hervorgerufene Panik - und legte im Eilverfahren ein Gesetz vor, das Privatisierungen erleichtert und Arbeitnehmerrechte einschränkt. "Es hatte wohl schon fertig in der Schublade gelegen. Die angebliche Dringlichkeit wurde mit Covid begründet, obwohl die 500 Artikel überhaupt nicht auf die Pandemie eingehen", so Fernando Gambera von der Gewerkschaft der Bankangestellten.

Der Gewerkschaftsdachverband bereitet mit sozialen Gruppen dagegen eine Volksabstimmung vor. Im Moment verhandeln sie mit der Frente Amplio, ob sie sich der Kampagne anschließt, obwohl sie im Parlament für die meisten der 500 Artikel gestimmt hatte.

Richtungswechsel im Oktober

Der uruguayische Weg in der Corona-Krise war ohne Zweifel in den ersten Monaten ein Erfolg. Im Oktober jedoch wurde plötzlich die Richtung geändert. Warum, das hatte ich die Regierung gefragt. Leider gab es von dort keine Antwort. Und die von der Regierung eingesetzte Experten-Gruppe (GACH) darf, teilte sie mir mit, nur mit Genehmigung des Präsidialamtes reden. Und die kam nicht.

Stattdessen berichtet das Fernsehen unentwegt von der "unübersichtlichen Situation an der brasilianischen Grenze" und von der "bedrohlichen zweiten Welle in Europa". Doch die Situation im Norden hat sich nicht geändert, auch werden nur wenige Covid-Fälle diagnostiziert. Und inwieweit das winterliche Europa das sommerliche Uruguay beeinflussen könnte, bleibt ein Geheimnis.

Stattdessen wettert der Präsident gegen die jungen Leute, die in Montevideo "Party feiern" wollen. Treffen sich ein paar Jungs mit ihren Trommeln auf einem Platz, kommt die Polizei und versucht, die Gruppe aufzulösen. Wer dem nicht nachkommt, muss mit einer Anzeige rechnen, denn es gibt zwar keinen nationalen Lockdown aber inzwischen eine ganze Reihe von Anweisungen der kommunalen Verwaltungen.

Enrique Viana war Staatsanwalt, ein konservativer Mensch. Jetzt praktiziert er als Anwalt und arbeitet mit den "Ärzten für die Wahrheit" zusammen, die international mit Kritikern der Corona-Maßnahmen vernetzt sind:

"Die Bürger müssen jetzt eidesstattliche Erklärungen unterzeichnen, dass sie sich bei einem positiven Testergebnis in Quarantäne begeben müssen. Und wer gegen diese Quarantäne verstieß, wurde strafrechtlich verfolgt, wegen Bruch seines Eides. Es reichte nicht die Verhängung eines Bußgeldes. Jetzt drohen Vorstrafe und Gefängnis. Das ist nicht verhältnismäßig".

Enrique Viana

Hatten die Uruguayer in den ersten Monaten die Empfehlungen gutgeheißen und befolgt, sind in den letzten Wochen die Zustimmungswerte deutlich gefallen. Kritisiert wird vor allem die Entscheidung Lacalles, die Grenzen geschlossen zu halten. Nicht einmal Argentinier, von denen viele in Uruguay nicht nur ein Bankkonto, sondern auch eine Villa am Strand, in Punta del Este, besitzen, werden einreisen dürfen.

Doch das kleine Land lebt vom Tourismus, dem wichtigsten Wirtschaftszweig. Hotelketten und Restaurants droht der Konkurs. Zehntausende verdingen sich in den Badeorten im Januar und Februar als Kellner und Zimmermädchen. Sie brauchen dieses Geld, um den Rest des Jahres über die Runden zu kommen.

Den Film von Gaby Weber zum Thema finden Sie hier. Der Film ist spendenfinanziert. Paypal: gaby.weber@gmx.net oder Comdirect: IBAN DE53 2004 1155 0192 0743 00 (Gaby Weber)