Corona-Maßnahmen: Psychische Probleme bei Kindern nehmen zu

Durch geschlossene Schulen und Einrichtungen sind viele Kinder im sozialen Lernen zurückgeblieben.Bild: Thomas G. auf Pixabay

Mehrere Studien zeigen: Besonders junge Menschen haben mit den Folgen von Quarantäne und Isolation zu kämpfen. Warum Mediziner mehr Vorsorge fordern.

Kinder und Jugendliche haben in der Corona-Pandemie besonders gelitten. Telepolis hat in den letzten Jahren mehrfach darüber berichtet. Und aktuelle Studien belegen den Befund und die Diskussion unter Medizinern macht deutlich: Quarantäne und soziale Isolation wirken sich auf die psychische Gesundheit aus.

Aktuell findet der Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Berlin statt und am Mittwoch wurden einige Daten zu den psychischen Folgen der Corona-Maßnahmen der Öffentlichkeit vorgestellt. Jugendliche und junge Menschen seien psychisch stärker belastet als ältere, und Frauen sind es öfter als Männer.

"So haben sich beispielsweise mehr junge Menschen und mehr Frauen als Männer während der Lockdowns einsam gefühlt", sagt Hans-Christoph Friederich, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) und Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik am Universitätsklinikum Heidelberg.

Einsamkeit ist ein gesellschaftliches Problem

Einsamkeit war schon vor der Pandemie ein gesellschaftliches Problem, betonte Friederich; rund 14 Prozent der Menschen in Deutschland litten unter länger anhaltender Einsamkeit. Doch in der Pandemie sei das Problem und das Leiden verstärkt worden.

Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Wesen – darauf wies Friederich am Mittwoch hin: Rund 80 Prozent ihrer Wachzeit verbrächten sie normalerweise in Kontakt mit anderen Menschen, sagte er. Daraus folgt: Wird der Drang nach sozialem Umgang eingeschränkt, belastet es die Menschen.

Dass Einsamkeit gesundheitliche Folgen hat, weiß man schon länger. Verschiedene Studien konnten nachweisen, dass Einsamkeit Ursache für Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Depressionen oder Schlafstörungen sein kann. Wer einsam ist, stirbt früher. Die Wahrscheinlichkeit an Demenz zu erkranken, liegt etwa 30 Prozent höher als bei anderen. Ähnlich bei Diabetes. Diese Daten zeigten, so Friederich, dass Einsamkeit gefährlicher sein kann als Alkoholmissbrauch.

Eine aktuelle Studie der TU Dortmund kam nun zu dem Ergebnis, dass die Stimmung und Zufriedenheit mit dem Familienleben bei Grundschülern messbar zurückgegangen sind. Und das unabhängig vom sozialen Hintergrund oder dem Geschlecht.

Soziale Beziehungen und das Kompetenzerleben in der Schule, im Sportverein oder in anderen außerschulischen Einrichtungen sind wichtige Faktoren für das subjektive Wohlbefinden von Kindern. Somit haben Kinder unter den Infektionsschutzmaßnahmen wie Schließungen der Schulen oder der Sportvereine besonders gelitten.

Linda Wirthwein, Co-Autorin der Studie der TU Dortmund

Grundschüler wurden aggressiver

Eine aktuelle Studie zu den Folgen der Corona-Maßnahmen der Bergischen Universität Wuppertal kommt auch zu deutlichen Ergebnissen: Kinder im Grundschulalter waren aggressiver, besonders wenn sie Zukunftsängste entwickelt haben. Außerdem seien Kinder der dritten und vierten Klassen besonders deutlich im sozialen Lernen zurückgeblieben, weil sie in der Coronazeit viele soziale Lernerfahrungen nicht machen konnten.

Eine gesteigerte Aggressivität war nicht das einzige Problem, das man bei Kindern im Grundschulalter feststellen konnte. Bei ihnen seien auch Ängste und depressive Symptome erhöht gewesen. "Viele Grundschulkinder sitzen somit in einem Zustand in den Klassenzimmern, in dem inhaltliches Lernen nur schwer möglich sein dürfte", sagte Studienautor Christian Huber.

Auf dem Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie wurde nun noch einmal betont, dass von den Corona-Maßnahmen jene besonders schwer getroffen wurden, die auch schon zuvor mit einer psychiatrischen Erkrankung zu kämpfen hatten.

Eine aktuelle Übersichtsstudie mit insgesamt 53 Studien und insgesamt 36.485 Betroffenen von Essstörungen zeigte demnach einen starken Anstieg von Angstzuständen, Depressionen und einer Verschlechterung der Essstörung. Die Einweisungen in ein Krankenhaus stiegen demnach um 48 Prozent im Vergleich zu der Zeit vor der Corona-Pandemie.

"Ausschlaggebend war hierbei vor allem die Trias aus Verlust der Tagesstruktur, Rückgang sozialer Beziehungen und der häufig kompensatorisch gesteigerte Konsum von digitalen Medien", so Stephan Herpertz, Präsident des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin und Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bochum.

Der Appell der Mediziner an die Politik: In Zukunft sollen die besonders gefährdeten Gruppen geschützt werden – auch wenn es um Corona-Maßnahmen geht. Friederich betone, dass in Zukunft verstärkt auf Prävention geachtet werden müsse. Schließlich habe die Pandemie nochmal ein Schlaglicht auf bereits lange bestehende Problematiken geworfen:

Die Unterversorgung und die Wartezeiten auf einen Therapieplatz etwa, aber auch kaum beachtete, jedoch sehr relevante gesamtgesellschaftliche Probleme wie Einsamkeit, die auf gesellschaftlicher, kommunaler und individueller Ebene besser adressiert und auch in der Gesundheitsversorgung erfasst werden müssen.

Hans-Christoph Friederich

(Bernd Müller)