Corona: Nochmal Notstand in Tschechien und der Slowakei

Grafik: TP

Österreichischer Immunologe: "mehr Normalität wagen"

Tschechien verzeichnete am Montag einen Anstieg der positiv auf das Sars-CoV-2-Virus getesteten Einwohner um 1.287 auf insgesamt 65.313. Gleichzeitig stieg die Zahl der Covid-19-Toten um drei auf 618. Nun hat der tschechische Regierungschef Andrej Babiš angekündigt, dass sein Kabinett heute Nachmittag erneut den Notstand ausrufen soll. Der tschechische Gesundheitsminister Roman Prymula, ein gelernter Epidemologe, bestätigte die anberaumte Sondersitzung und deren Thema. Er sprach von einer "unerfreulichen Lage", die nach "rasanten Maßnahmen" verlange.

"Kein Risiko aus den Nachbarländern"

Stimmt das tschechische Kabinett Prymulas Plan zu, finden zwar die Regional- und Senatswahlen am Freitag und Samstag noch statt - aber ab Montag gelten dann Maßnahmen, über die sich der Regierungschef und der Gesundheitsminister noch weitgehend ausschweigen. Fest steht lediglich, dass es keine erneuten umfangreichen Einreisebeschränkungen geben wird. "Im Augenblick", so Prymula, drohe Tschechien nämlich - anders als von März bis Juni - "kein Risiko aus den Nachbarländern".

Auch der slowakische Ministerpräsident Igor Matovič sprach gestern anhand steigender Positivtestzahlen von einer "extrem gefährlichen Situation", wegen der man "grundlegende und sehr harte Maßnahmen ergreifen" müsse, die ab Donnerstag gelten sollen. Dazu gehört eine täglich um 22 Uhr beginnende Sperrstunde für Gaststätten und eine Maskenpflicht für Weniger-als-zwei-Meter-Abstand-Kontakte mit Personen außerhalb des Haushalts. Sportveranstaltungen, Konzerte und Heilige Messen finden dann vorerst nicht mehr statt. Bei Beerdigungen müssen sich vorher alle lebendigen Teilnehmer auf Sars-CoV-2 testen lassen, bei Hochzeiten ebenso.

Maßnahmenwettbewerb

Auch andere Länder - darunter das Vereinigte Königreich und Österreich - verschärften angesichts steigender Positivtestzahlen ihre zwischenzeitlich schon gelockerten Anti-Corona-Maßnahmen wieder. Günter Weiss, der Direktor der Universitätsklinik für Innere Medizin in Innsbruck, warnt angesichts dieser Entwicklung davor, "täglich auf Fallzahlen zu starren" (deren Aussagekraft er für "hinterfragenswert" hält) und dabei andere Krankheiten ebenso zu vergessen wie die Wirtschaft und die Verhältnismäßigkeit. Dabei sieht er auch eine Eigendynamik am Werk, bei der es jeder "noch besser machen oder noch mehr zeigen will", was dann zu "skurrilen Dingen" führt.

Er plädiert deshalb dafür, "mehr Normalität zu wagen" - auch deshalb, weil man in den Krankenhäusern gerade "weit entfernt von einer drohenden Überlastung" durch Covid-19 sei, da man inzwischen viel mehr Erfahrung mit dem Virus habe und gezielter und kürzer behandeln könne. Nun solle der Fokus wieder stärker auf Menschen mit anderen Krankheiten gerichtet werden, "damit sie die Therapie bekommen, die sie brauchen". Das britische Scientific Advisory Group for Emergencies (SAGE) hatte unlängst sogar die Möglichkeit ins Spiel gebracht, dass die Zahl der Todesfälle durch abgesagte Operationen, späte Krebsdiagnosen und andere Auswirkungen eines langen Lockdowns höher sein könnte als die Zahl der Covid-19-Toten.

Darüber hinaus hofft der Tiroler Infektologe, dass es bald eine Impfung geben wird, "die vor allem jene schütze, die besonders von der Krankheit betroffen sind" - also alte Menschen und solche mit bestimmten Vorerkrankungen. Sein an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai in New York tätiger Landsmann und Kollege Florian Krammer geht sogar davon aus, dass das noch dieses Jahr sein könnte, wie er in einem gestern erschienenen Aufsatz für die Fachzeitschrift Nature darlegt. (Peter Mühlbauer)