Corona: Rückgang der Fallzahlen durch natürliche Immunität

Studien in anderen Ländern weisen breitere Immunität nach

Ein Anteil von 17,5 Prozent bereits Immuner entspricht auch ungefähr den Ergebnissen von Antikörperstudien in Ländern, in denen regelmäßig entsprechende repräsentative Studien durchgeführt werden. Nach den aktuellen Daten der britischen nationalen Statistikbehörde (Office for National Statistics, ONS) hatten in England Anfang Februar ein Sechstel bis ein Siebtel der Getesteten schon Antikörper, in London sogar 21 Prozent. In der Schweiz wurde die Zahl der Infizierten Anfang des Jahres auf 1,7 Millionen geschätzt, fast 20 Prozent der Gesamtbevölkerung. Ihr Anteil variierte je nach Region zwischen zehn und 25 Prozent.2

In Spanien konnten bereits in der zweiten Novemberhälfte landesweit bei zehn Prozent der Getesteten Antikörper nachgewiesen werden, in Madrid bei 18,6 Prozent. Seither hat sich die Zahl der gemeldeten Fälle im Land noch einmal fast verdoppelt.3

Die Genauigkeit der Tests auf Antikörper ist allerdings sehr unterschiedlich. Sie ist einerseits natürlich abhängig von ihrer Art und Qualität anderseits aber auch vom zeitlichen Abstand der Untersuchung zu einer Infektion. Zwar halten sich gewisse Antikörper gegen das Sars-CoV-2-Virus noch lange nach einer Infektion im Körper ‒ einer aktuellen Studie zufolge über den gesamten bisherigen achtmonatigen Beobachtungszeitraum. Da andere, leichter nachzuweisende Antikörper jedoch mit der Zeit wieder aus dem Blut verschwinden, können gängige Tests eine Infektion nach einigen Monaten oft nicht mehr registrieren. Die Zahl der Infizierten dürfte daher meist deutlich höher liegen, als in den Studien nachgewiesen wurden.

So stellten Forscher der Northwestern University in Chicago, die in einer neuen Studie frühere Tests mit einem besonders empfindlichen Verfahren nachprüften, beispielsweise fest, dass aktuelle kommerzielle Tests etwa 25 Prozent der Menschen mit Antikörpern übersehen.

Der Epidemiologe Klaus Stöhr, lange Jahre Leiter des Global-Influenza-Programms und Sars-Forschungskoordinator der WHO schätzt daher, dass in den USA vielleicht bereits 40 Prozent der Bevölkerung immun sind. Ähnlich sei es wahrscheinlich auch in Schweden und der Schweiz. 4

"Kleine Herdenimmunität" bremst zunehmend die Ausbreitung Wie die Beispiele Madrid und London zeigen, kann der Anteil der bereits immunen Menschen in regionalen Hotspots wesentlich höher sein als im Landesdurchschnitt. In Stockholm lag er im November bereits bei über 30 Prozent. Überdurchschnittlich ist der Anteil auch bei Personengruppen, die durch Art und Häufigkeit ihrer Kontakte ein höheres Risiko haben, wie die Angestellten in Kliniken oder auch Menschen, die in prekären Verhältnissen leben, z.B. in Wohnheimen für sozial Benachteiligte oder Obdachlosenunterkünften.5

Auch mit 30 Prozent ist noch lange keine "Herdenimmunität" erreicht. Der Begriff ist in der Öffentlichkeit stark in Verruf geraten, da er oft mit der Strategie einer ungebremsten Ausbreitung eines Erregers gleichgesetzt wurde. Er beschreibt jedoch nur den Grad an Immunität, den eine Bevölkerung erreicht haben muss, damit sich das Virus nicht mehr ausbreiten kann ‒ unabhängig davon, ob er durch Infektionen oder Impfen erreicht wird.

Sofern keine mögliche Vorimmunität durch andere Coronaviren berücksichtigt wird, gilt dieser Grad als erreicht, wenn 60 bis 70 Prozent immun sind.

Doch auch geringere Anteile von 15 oder 20 Prozent können die weitere Ausbreitung des Virus deutlich bremsen. Diese natürlich erworbene Immunität wird in der aktuellen Debatte völlig ausgeblendet, obwohl sie noch eine ganze Weile gegenüber der zusätzlichen, durch Impfen erreichte, überwiegen wird.

Ausschlaggebend für die Wirkung einer solchen Teilimmunität der Bevölkerung sind nicht die regionalen oder landesweiten Durchschnittswerte, sondern die Prozentsätze in den jeweiligen Hotspots und bei den Bevölkerungsgruppen, die aufgrund ihrer häufigeren täglichen Kontakte stärker zur Ausbreitung beitragen, sich genau deswegen aber auch schon häufiger angesteckt haben. Unter letzteren kann der Anteil leicht mehr als doppelt so hoch liegen wie im regionalen Durchschnitt, in Hotspots kann er dadurch leicht auf über 40 Prozent steigen.