Corona: Tourismussaison springt nicht an, Arbeitslosigkeit steigt

Die von den Touristen beliebten Trams fahren nun fast leer durch die Stadt. Foto: Ralf Streck

Für Länder, die stark am Tourismusgeschäft hängen, könnte es dramatischer werden als nach der Finanzkrise. Über die Lage in Portugal und Spanien, wenn die Touristen wegbleiben

Wer sich derzeit auf den Weg in den sonnigen Süden macht, muss sich angesichts der Corona-Maßnahmen auf allerlei Chaos einstellen. Als sich der Autor dieser Zeilen am 1. Juli auf den Weg nach Lissabon gemacht hat, erlebte er allerlei Ungemach und unverständliche Vorgänge bei überforderten Behörden und Fluggesellschaften.

An einem weitgehend verwaisten Flughafen in Bordeaux, der genau an diesem Tag seinen Flugbetrieb wieder aufgenommen hat, herrschte weitgehend Chaos. Darauf müssen sich Reisende in diesem Sommer wohl an verschiedensten Orten einstellen, da der Umgang mit der Situation überforderten Verantwortlichen offenbar große Kopfschmerzen bereitet.

Von drei Terminals in Bordeaux war nur eines geöffnet. Auf den Bordkarten war deshalb von der Fluggesellschaft ein Terminal angegeben, das noch gar nicht wieder in Betrieb genommen worden war. Ein enger Zeitplan kann dann schnell dazu führen, dass der Flieger ohne den Fluggast in die Luft steigt, weil der vielleicht gerade noch auf einer verzweifelten Suche von einem Terminal in das nächste hetzt, wo nun tatsächlich der Flug startet.

Der Fluggast muss sich dabei in durch mit diversen Absperrungen versehene Bereiche zur Sicherheitskontrolle durchschlagen, um sich dort in die Schlange einzureihen. Eine Ausschilderung war praktisch inexistent. Es kann dabei, wie in Bordeaux, unglaublich schwül werden, wenn die Klimaanlage sich bei hochsommerlichen Temperaturen wie noch im Lockdown zu befinden scheint.

Und dann, auch darauf hatte im Vorfeld niemand hingewiesen, stellt man plötzlich fest, dass nach dem Sicherheitscheck auch noch eine Passkontrolle mit weiteren Wartezeiten zu überwinden gilt. Hier stauen sich die Menschen, von einem Sicherheitsabstand von zwei Metern ist nur noch zu träumen. Dicht gedrängt steht man in der Schlange und fragt sich, was es soll, dass im Schengen-Raum zwischen Frankreich und Portugal eine unsinnige Passkontrolle stattfindet.

"Hat sich zwischenzeitlich unbemerkt ein Frexit ereignet?", scherzt ein genervter Fluggast. Von einem Gesundheitscheck dagegen fehlt jede Spur. Bei niemandem wird auch nur stichprobenartig die Temperatur gemessen. Per E-Mail wurden Reisende nur dazu aufgefordert, ihre geplante Reise nicht anzutreten, wenn sie Symptome haben sollten.

Anstehen nach dem Sicherheitscheck vor der absurden Passkontrolle. Foto: Ralf Streck

Am Gate sieht es nicht anders aus. Merkwürdige Prozeduren und viel zu wenig Platz sorgen für eine unangenehme Enge und man blickt in unter Masken schwitzende Gesichter. "Mal schauen, wo wir landen", erklärt ein Franzose nach dem gesammelten Chaos. Denn die Fluggesellschaft vergrößert es noch durch kurzfristige Veränderungen der zugewiesen Sitzplätze, die die Bord-Crew allerdings wieder zurücknimmt.

Der Franzose fragt sich, ob wir tatsächlich in Lissabon ankommen oder doch vielleicht nach Rom gebracht werden. Obwohl das Flugzeug schließlich halbleer den Flug antritt, mit deutlicher Verspätung angesichts des Chaos, sitzen zum Teil drei Menschen eng nebeneinander in einer Reihe, während ganze Reihen unbesetzt bleiben. Eine Logik, oder auch nur der Versuch, im Flieger die Menschen so zu verteilen, um möglichst viel Abstand halten zu können, war jedenfalls nicht zu erkennen.

Portugal kam gut durch die Pandemie

In Portugal, wo die Grenzen für Flugreisende schon gut zwei Wochen zuvor geöffnet wurden, ist man aber offensichtlich deutlich besser vorbereitet. Von Chaos ist hier nichts zu spüren und die Reisenden werden in klar markierten Abständen durch eine Zone geschleust, in der Infrarotkameras die Körpertemperatur an den Flughäfen in Lissabon, Faro, Madeira und Ponta Delgada (Azoren) messen. Entsprechende Kameras wurden schon im März installiert. Und auch diese schnell getroffene Maßnahme trug ebenfalls dazu bei, dass Portugal vergleichsweise gut durch die Pandemie kam. Jetzt soll verhindert werden, dass Infizierte das Virus einschleppen.

Doch auch hier weist schon bei der Ankunft ein leerer Flughafen darauf hin, dass die Tourismussaison bisher wahrlich nicht angesprungen ist. Geschäfte und Bars sind zum Teil auch hier noch geschlossen. Genauere Arbeitslosenzahlen gibt es für Juni noch nicht. Die Zahlen, die das Europäische Statistikamt (Eurostat) mit Blick auf das Nationale Statistikamt (INE) für Mai angibt, führen zudem völlig aufs Glatteis. Demnach soll die Arbeitslosenquote sogar weiter von 6,3% im April auf 5,5% im Mai gefallen sein.

Dass die erwerbstätige Bevölkerung um 1,3% im Vergleich zum Vormonat und 2,2% im Vergleich zu den drei Monaten davor geschrumpft sein soll, weist schon auf eine deutlich gestiegene reale Arbeitslosigkeit hin. Auch das INE geht nach vorläufigen Schätzungen davon aus, dass zwischen Februar und Mai fast 200.000 Stellen im Land verlorengegangen seien, mehr als die Hälfte davon allein im Mai.

Statt Touristenmassen Ruhe im Park für die Anwohner. Foto: Ralf Streck

Das ist angesichts einer Bevölkerung von nur gut 10 Millionen Einwohnern schon eine ganze Menge. Einige Beobachter befürchten allerdings, dass die reale Arbeitslosenquote inzwischen schon auf über 14% explodiert ist.

Angesichts der Tatsache, dass sogar in den Teilen Lissabons, die nicht unter die verschärften Ausgangsbedingungen fallen, noch immer zahlreiche Bar, Restaurants und Geschäfte geschlossen haben, dürfte diese Zahl viel eher der Realität entsprechen, als die Zahlen der Statistiker. Viele, so befürchten die Bewohner, werden wohl auch lange Zeit geschlossen bleiben. Und im Telepolis-Gespräch spricht auch die Chefin des Bloco de Esquerda (Linksblock) von einer "sozialen Katastrophe".

Die müsse seitens der sozialistischen Regierung und von Seiten Europas "so schnell wie möglich und durchgreifend" bekämpft werden, meint Catarina Martins. "Je länger mit einer Reaktion gewartet wird, desto schlimmer wird es werden", sagt Martins. Sie hat vor allem die einfache Bevölkerung im Blick, die schon jetzt besonders zu leiden haben.

Leere Hotels und Restaurants zur Hochsaison

Die Verunsicherung ist ohnehin groß. Der Hotelbeschäftigte Joao fürchtet sich davor, seine Stelle zu verlieren. Das Hotel, in dem er arbeitet, steht fast leer. Im Frühstücksraum "drängeln" sich an zwei Tagen in Folge ganze zwei Personen. "In all den Jahren habe ich so etwas noch nie erlebt", erklärt Joao, "ein fast leeres Hotel in Lissabon und das im Juli." Ein Zimmerwechsel, da das zunächst gebuchte Zimmer zur Straße nach vorne hinausging, war deshalb kein Problem. Allerdings muss der Gast die Treppe nehmen, da der kleine Fahrstuhl nicht benutzt werden darf.

Die Unsicherheit und Ungewissheit in der portugiesischen Hauptstadt sind aber auch darüber gewachsen, dass seit Mittwoch 19 Gemeinden im Großraum von Lissabon wegen verstärkter Infektionszahlen wieder unter verschärftere Ausgangsbeschränkungen gestellt wurden. Davon ist fast die Hälfte der gesamten Bevölkerung betroffen. Erneut darf sie nur zur Arbeit, zum Einkauf und zum Arztbesuch aus dem Haus. Die Hauptstadt wirkt wegen der fehlenden Bevölkerung aus dem Umland noch leerer, es herrscht kein hektisches Treiben auf den Straßen. "Wenn uns das auch hier im Zentrum passiert, können wir einpacken", meint Joao.

Dann war die Krise ab 2008 ein kleiner Witz gegen das, was nun auf Portugal und andere Länder zukommt. Dabei habe man den Gürtel ab 2008 schon deutlich enger schnallen müssen und Reserven aufgebraucht. Wie Joao schwankt auch Íñigo. Einst aus Madrid nach Lissabon umgezogen, hat er sich hier eine Existenz aufgebaut und betreibt in der Nähe des Parlaments eine kleine Kneipe, in der er auch baskische Pintxos anbietet. Wie Joao hat auch er Existenzängste, dass er seinen Laden wegen ausbleibender Touristen vielleicht schließen muss. Andere in der Gegend hätten schon aufgegeben. Ein erneuter Ausbruch der Pandemie, so befürchtet er, könnte das Land ganz tief in einen Abgrund stürzen. "Ich hoffe, dass die Maßnahmen in den 19 Gemeinden wirken", meint Íñigo. "Danke, dass ihr trotz der negativen Meldungen nach Lissabon gekommen seid."

Auch in der Altstadt kein Touri-Gedränge, sondern Bewohner im Gespräch. Foto: Ralf Streck

Was sich auf die portugiesische Ökonomie und auf den Geldbeutel des Kneipiers fatal auswirkt, ist für die wenigen nationalen und internationalen Besucher in der Hauptstadt natürlich eine Wonne. Die Hotels und Pensionen sind weitgehend leer, sie werben mit Angeboten, die Kneipen sind nicht überfüllt und es ist kein Problem, sogar in den sonst von Touristen überfluteten Zonen einen Platz auf einer Terrasse zu finden. Anders als in den Jahren zuvor ist es ruhig. Man kann die Stadt und seine Menschen genießen, wie es in einem normalen Tourismussommer, wenn sich die Massen durch die Gassen schieben, unmöglich ist.

Als Einschränkung bleibt vor allem, dass Cafés und Bars schon um 20 Uhr schließen müssen. Das wird strikt befolgt. Aber zum Abendessen kann man sich auch noch bis 23 Uhr in ein Restaurant oder auf die Terrasse davor begeben, um in Begleitung von bis zu weiteren neun Personen zu speisen und zu trinken. Das sind die wesentlichen Einschränkungen in der portugiesischen Hauptstadt. In anderen Regionen Portugals gibt es auch die nicht.

Allerdings herrscht verschärfte Maskenpflicht, an die sich die Bewohner streng halten. Beim Betreten eines Bahnhofs, Geschäfts oder Hotels muss eine Maske getragen werden. Vergisst man das, wird man sofort – in der gewohnt freundlichen Art – darauf hingewiesen.

Viele schreiben den Sommer ab, bevor er überhaupt begonnen hat

Während die Lage in Portugal schon schlecht ist, ist sie in Spanien dramatisch. Denn das Land geriet in die Coronavirus-Krise mit einer Arbeitslosigkeit von noch immer 14%. Zu Vergleich: In Portugal ist die Arbeitslosigkeit erst in den letzten drei Monaten auf einen ähnlichen Wert hochgegangen. In deutschen Medien wird die reale Situation im Nachbarland Portugals vollends verschleiert, wenn es etwa heißt: "Ministerium verzeichnet nur noch leichten Anstieg seit Lockerungen der Corona-Maßnahmen." So lautete zum Beispiel eine Überschrift zu den neuen Arbeitsmarktdaten aus Madrid, wonach im Juni nur 5.107 weitere Personen sich arbeitslos gemeldet hätten, "eine Zunahme um 0,1 Prozent."

Der britische Guardian diskutiert die Lage deutlich klarer und spricht von einer Zahl von rund 100.000 Jobs, die im Juni verloren gingen. Offiziell sind es schon wieder fast 3,9 Millionen Arbeitslose. Insgesamt werden im Juni etwa 850.000 mehr Arbeitslose gezählt als im gleichen Monat des Vorjahres.

Die Gaststätte von Inigo und seine Köchin. Foto: Ralf Streck

Tatsächlich ist auch die offizielle Zahl von 5.107 fatal, denn sie ist noch schlechter als zu Beginn der Finanzkrise 2008. Denn der Juni ist normalerweise der Monat, der wegen der vielen prekären und befristeten Jobs in der Tourismusindustrie dafür sorgt, dass die Arbeitslosigkeit auch in Krisenjahren sinkt.

In Spanien klammert man sich durch einen besonderen Blick auf Zahlen angeblich lieber an die positiveren Zahlen. So wird berichtet, dass die Zahl der Beitragszahler in der Sozialversicherung im Juni um 68.000 zugelegt habe. Doch real waren es im Durchschnitt 99.000 weniger. Und da am 30. Juni sogar wieder viele der befristeten Verträge ausgelaufen sind, betrug das Minus sogar mehr als 166.000.

Triumphbogen. Foto: Ralf Streck

Es wird somit deutlich, dass in der Tourismusindustrie viele den Sommer schon abschreiben, bevor er überhaupt begonnen hat. Die schließlich vorgezogene Grenzöffnung auf den 21. Juni hat jedenfalls nicht die gewünschten positiven Effekte auf das Hotel- und Gaststättengewerbe gehabt. Das Chaos und die unklare Politik der Regierung finden hier ihr Echo.

Und – das sei hier auch angemerkt – die Arbeitslosenzahlen sind zudem durch das Kurzarbeitergeld (Espediente Temporal de Regulación de Empleo - "Erte") geschönt. Viele Betriebe halten sich mit dem vom Staat finanzierten Kurzarbeitergeld und subventionierten Sozialversicherungsbeiträgen noch über Wasser. Von den etwa 3,4 Millionen Menschen, die zur Spitzenzeit der Pandemie Kurzarbeitergeld erhielten, hat die Hälfte diese Ausnahmesituation noch immer nicht hinter sich lassen können. Auf den Kanarischen Inseln sind es sogar 75%. Darin zeigt sich der enorm schwache Tourismus, der Gebiete besonders herunterzieht, die wie die Kanaren besonders stark am Tourismus hängen.

Die sozialdemokratische Regierung hat sich gerade mit den Gewerkschaften und den Unternehmern auf eine Verlängerung der ERTE bis zum 30. September geeinigt. Man darf davon ausgehen, dass dann im Herbst die Arbeitslosenzahlen massiv steigen, vor allem da dann auch mit einem deutlicheren Wiederaufflammen der Infektionszahlen gerechnet wird. Denn dann dürften sich etliche ERTEs in "EREs" verwandeln, wie die Abkürzung für "Personalfreisetzung" in der spanischen Amtssprache euphemistisch genannt wird. (Ralf Streck)