Corona-Verschwörungsmythen: "Deutschland in der Krise"

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Studie: Wer die Corona-Pandemie für einen Schwindel hält, ist tendenziell weniger an solidarischen Werten interessiert. Es geht allerdings um eine Minderheit innerhalb einer Minderheit

Die Glaubensgemeinschaft derer, die die Corona-Pandemie für einen Schwindel halten, macht in Deutschland einen Anteil von 14,4 Prozent aus. Errechnet hat diesen Anteil eine Studie, die 2.009 repräsentativ ausgewählt Teilnehmer1 befragte. Die aktuell angepasste Gretchenfrage: "Nun sag’, wie hast du’s mit Corona?" der Wissenschaftler lautet wie folgt:

"Die sozialen Medien sind voll von Geschichten, die behaupten, die Corona-Pandemie sei ein einziger Schwindel und die Schutzmaßnahmen eine hysterische Überreaktion. Glauben Sie solche Geschichten?"

Die Frage erscheint auf den ersten Blick weniger passend für ein wissenschaftliches Unterfangen als für eine Umfrage, aber, so betont die Studie, man habe bei der Formulierung Wert auf Eindeutigkeit gelegt. Sie sei "absichtlich sehr eindeutig formuliert". Man wollte damit den Anteil derjenigen, "die die Covid-19-Pandemie für einen Verschwörungsmythos halten", genau abgrenzen.

Damit liefert uns die Studie immerhin eine einigermaßen präzise Größenordnung der Anhänger von Corona-Verschwörungsmythen, wenn man darauf baut, dass "Schwindel" die zentrale Ja/Nein-Bekenntnis-Kategorie bei der Beantwortung der Frage ist. Einschränkend wäre noch hinzuzufügen, dass der Anteil sich mittlerweile verändert haben könnte. Die Online-Befragung fand vom 24. April bis 7. Mai 2020 statt. Seither ist ein knappes Jahr vergangen und das ist in turbulenten Pandemiezeiten eine lange Zeit. Nicht ausgeschlossen also, dass sich der Anteil verändert hat. Die Polarisierungen haben seither nicht abgenommen, so der Eindruck.

Die Studie mit dem Titel "Wer glaubt an Corona-Verschwörungsmythen?", wird vom Think Tank d/part veröffentlicht. Dem geht es in der Hauptsache um "Partizipation und repräsentative Demokratie", man verfolgt das Projekt eines Demokratie-Upgrades.

Dazu wollte man etwas von der Wertehaltung der Corona-Verschwörungsmythen-Anhänger wissen, weil diese ein "tiefergehendes gesellschaftliches Problem" darstellen, wie es in der Studie heißt: "Teile der Bevölkerung leugnen Fakten und sind in Filterblasen isoliert. Somit wird die notwendige kritische Behandlung von politischen Themen in der Öffentlichkeit verhindert, das Vertrauen in demokratische Institutionen unterminiert und gesellschaftliche Solidarität geschwächt."

Das ist keine neue Feststellung und vieles andere, das die Studie zutage bringt, wird wenige Leser überraschen.

Dass Einkommen, Bildung in Form von Schulabschlüssen wie auch der Wohnort, ob Stadtbewohner oder auf dem Land lebend, eine Rolle dabei spielen, ob man eher an einen "Corona-Schwindel" glaubt, wie auch das Vertrauen in die Corona-Politik der Regierung, ist in der größeren Öffentlichkeit längst bekannt. Die Aussagen der Studie, die federführend von den Sozialwissenschaftlern Tobias Spöri und Jan Eichhorn durchgeführt wurde, sind dazu ziemlich eindeutig gehalten - das ist auffallend.

Man stellt dort fest, dass die Glaubensgemeinschaft politisch vor allem rechts angesiedelt ist, dass bestimmte Bundesländer einen höheren Anteil stellen und dass die Informationsquellen der Schwindel-Gläubigen überproportional häufig soziale Netzwerke sind.

Bei einer genauen Betrachtung der Aufteilung nach Bundesländern wird deutlich, dass neben den ostdeutschen Bundesländern Thüringen (26,3%), Sachsen (22,6 %) und Sachsen-Anhalt (21,7 %) auch Baden-Württemberg (20,0%) einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Anhänger*innen von Corona-Verschwörungsmythen aufweist. Am schwächsten verbreitet sind die Mythen hingegen in Hamburg (7,0%), Bayern (9,8%) und Schleswig-Holstein (10,3%) (…)

Der vorliegende Bericht verdeutlicht, dass Verschwörungsmythen deutlich stärker bei jenen Anklang finden, die sich rechts im politischen Spektrum einordnen (rechts 28,0 %, mitte-rechts 17,3 %) als in der politische Mitte (14,7 %) oder als links (links 8,8 %, mitte-links 8,7 %) (…)

Die medial oft kolportierte Behauptung, dass auch Menschen, die sich selbst dem linken Rand zuordnen, vermehrt zu Corona-Verschwörungsmythen neigen, kann durch diese Untersuchung nicht bestätigt werden. (…)

Die Untersuchung zeigt außerdem auf, dass nicht nur das Vertrauen in die Regierung, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Informationen, die die Befragten in den sozialen Medien, im Fernsehen oder in Zeitungen erhalten, relevante Faktoren sind. Knapp die Hälfte derjenigen, die Informationen in den sozialen Medien für glaubwürdiger halten (43,0%), halten die Pandemie für eine Verschwörung.

Menschen, die traditionelle Medien als glaubwürdiger oder gleich glaubwürdig halten, weisen deutlich niedrigere Anteile (6,0 %, bzw. 25,2 %) von Anhänger*innen von Corona-Verschwörungsmythen auf. Die Gruppe, die Informationen von sozialen Medien für glaubwürdiger hält, macht insgesamt zwar nur etwas mehr als sieben Prozent der Bevölkerung in Deutschland aus, verdeutlicht aber eindringlich das Problem der Verbreitung von Fake News und Filterblasen in den sozialen Medien.

"Wer glaubt an Corona-Verschwörungsmythen?"

Als Extra, die über mehr oder weniger bekannte Korrelationen hinausgehen, bietet die Studie zwei Ergebnisse. Einmal, dass die persönliche Betroffenheit durch Corona keine signifikante Rolle bei der Einschätzung spielt, sondern dass die Beurteilung der Regierungspolitik den wichtigeren Faktor abgibt:

Die persönliche Erfahrung mit der Corona-Pandemie spielt keine nennenswerte Rolle beim Glauben an Corona-Verschwörungsmythen. Ganz im Gegenteil dazu ist die Bewertung der nationalen Bekämpfung der Pandemie durch die Regierung von großer Bedeutung. Personen, die das Krisenmanagement der Regierung für schlecht halten, glauben deutlich stärker daran, dass die Pandemie eine Verschwörung sei.

"Wer glaubt an Corona-Verschwörungsmythen?"

Zum anderen wollte die Studie mehr über den Wertehintergrund derjenigen erfahren, die sie als Anhänger der Corona-Verschwörungsmythen identifiziert hat. Dazu haben sich die Wissenschaftler die Haltung zu den Werten "Universalismus und Konformität" herausgegriffen. Die Definitionen lauten wie folgt:

Universalismus ist von der Toleranz und dem Schutz für des Wohlbefindens aller Menschen und der Natur geprägt. Hier stehen Gleichheit, soziale Gerechtigkeit und Weltoffenheit im Vordergrund.

Konformität kennzeichnet hingegen die Unterdrückung von Handlungen und Aktionen, die andere verletzen könnten, ein hohes Maß an Selbstdisziplin und das Ziel, nicht gegen gesellschaftliche Normen und Erwartungen zu verstoßen. Diese Menschen sind bereit, sich selbst dem Gemeinwohl der Gesellschaft unterzuordnen.

"Wer glaubt an Corona-Verschwörungsmythen?"

Auch hier ist das Ergebnis keine wirkliche Überraschung: Den jeweils größte Anteil derjenigen, die ablehnend auf die beiden Grundwerte reagierten, stellt die Studie bei den Anhängerinnen und Anhängern von Corona-Verschwörungsmythen fest.

Es ist aber jeweils nicht die Mehrheit, sondern 38 Prozent ("Ablehnung" plus "starke Ablehnung" zusammengezählt) beim Wert "Universalismus" und zusammengezählte 37 Prozent beim Wert "Konformismus".

Die Studienautoren bewerten dieses Ergebnis so:

Die beiden grundlegenden Wertehaltungen Universalismus und Konformismus zählen, neben dem Vertrauen in die Regierung und den Medien, zu den bedeutsamsten Faktoren dieser Untersuchungen im Hinblick auf den Glauben an Corona-Verschwörungsmythen. Dies legt nahe, dass gesellschaftliche Solidarität und Empathie mit anderen Menschen gerade in der Pandemie auf eine große Probe gestellt werden. Die Pandemie verdeutlicht einerseits wie wichtig gesellschaftliche Solidarität, auch bei der Bewältigung der Pandemie selbst, ist.

"Wer glaubt an Corona-Verschwörungsmythen?"

Das sei ein Indiz dafür, dass in Deutschland Werte, die das Gemeinwohl und den Schutz aller Menschen betonen, "selbst in der Krise sind", heißt es im Schlusskapitel. Man werde die Erkenntnisse durch weitere Befragungen vertiefen. (Thomas Pany)