Corona-Versöhnung – mit kapitalistischen Verhältnissen?

Vereinzelung oder Erlösung vom Mobbing-Stress im Büro? Homeoffice kann im Kapitalismus beides oder nichts davon bedeuten. Foto: Engin_Akyurt auf Pixabay (Public Domain)

Viele Fragen sich gerade, was "nach Corona" Normalität wird - und ob wir unser altes Leben zurück bekommen. Initiativen wie #allesaufdentisch fragen nicht, ob das für alle gut war

Sind wir eigentlich schon im Post-Corona-Zeitalter? Oder sind wir nur in einer weiteren Zwischenphase vor einem neuen Lockdown? Diese Frage müssten sich jetzt viele stellen. Doch sie wird auch deshalb verdrängt. Denn es ist noch längst nicht klar, ob wir im Winter nicht doch noch mal – vielleicht in abgeschwächter Form – erleben, dass zumindest Teilbereiche des öffentlichen Lebens wieder heruntergefahren werden. Doch selbst wenn wir davon verschont bleiben, stellt sich die Frage, was am Ende von den Corona-Lockdowns übrig bleibt. Die österreichische Publizistin Ulrike Guérot gehört zu den wenigen bekannteren Persönlichkeiten, die hier kritisch nachfragen.

Seit Beginn der Pandemie werden die Ziele immer weiter verschoben. Erst ging es um den Schutz der Risikogruppen, nun werden Kontrollinstrumente geschaffen, um Ungeimpfte vom öffentlichen Leben auszuschließen. Wer garantiert, dass damit Schluss ist, wenn die Gefahr gebannt ist?

Ulrike Guérot in einem Gastbeitrag für Die Welt

Wird "2 G" oder "3 G" zum neuen "Normal"?

Guérot stellt offen die wichtige Frage, ob "2 G" oder "3 G" das "neue Normal" wird. Immer mehr gesellschaftliche Bereiche des sozialen und kulturellen Lebens stehen nur noch Geimpften und Genesenen (2 G) sowie vielleicht noch zusätzlich Getesteten (3 G) offen. In anderen Ländern, beispielsweise in Frankreich, ist das noch gravierender. Doch verzichten manche auf Zugfahrten mit dem TGV, weil eine Impfung die Voraussetzung ist. 2 G als neue Normalität? Dass es darüber kaum noch eine Debatte gibt, ist schon erstaunlich, weil noch vor wenigen Wochen darüber diskutiert wurde, ob die Einführung von 2 G nicht verfassungswidrig sei.

Doch hinter der Frage von Guérot schimmert auch die Sehnsucht nach der Rückkehr der gar nicht so guten Zeit von vor Corona durch. Dieses Bestreben zeigt sich auch in der Initiative Corona-Aussöhnung, zu deren Initiatorinnen auch Ulrike Guérot gehört. Schon im Juli ging sie an die Öffentlichkeit mit der Forderung, nach einer großen gesellschaftlichen Aussprache über Corona und die Folgen. Das Ganze hörte sich wie der Vorschlag für eine große Therapie-Sitzung an, bei der die gesamte Gesellschaft auf der Couch Platz nehmen soll. Das zeigt sich an bestimmten Begrifflichkeiten, wie dass "die unterschiedlichen Pandemie-Erfahrungen" in die Debatte eingebracht werden sollen.

Da werden "ganzheitliche Analysen der Corona-Krise" angemahnt, "Lernprozesse" sollen unterstützt werden. Diese Pädagogisierung und Psychologisierung ist auch ein Ausweichen vor der gesellschaftlichen Debatte darüber, was beispielsweise der grenzenlose weltweite Pessimismus im Spätkapitalismus damit zu tun, dass so vehement in aller Welt auf den Corona-Virus reagiert wurde. Dass die Initiatoren der "Corona-Aussöhnung" solche grundlegenden Fragen nicht stellen wollen, macht Guérot in einem Interview auf einer neuen Plattform für Kritik an den Corona-Maßnahmen, die im Netz unter dem Hashtag #allesaufdentisch firmiert, deutlich.

Dort singt Guérot das Hohelied der Selbstverantwortung des Bürgers, klagt über Entmündigung und lehnt ausdrücklich eine Schutzfrist des Staates ab. Da wird auch nicht differenziert zwischen Menschen in unterschiedlichen Klassenverhältnissen. Bei aller Kritik an bestimmten Aspekten der Zero-Covid-Initiative muss dieser zugutegehalten werden, dass sie zumindest theoretisch von Klassenverhältnissen spricht. Sie wendet sich zudem gegen die wirtschaftsliberale Ideologie der Selbstverantwortung der Bürger.

Die aber wird bei Guérot und anderen Beteiligten der Plattform #allesaufdentisch ziemlich kritiklos abgefeiert. Die immer wieder gegen die Initiatoren der "Corona-Aussöhnung" vorgebrachte Kritik, sie würden Corona-Leugner unterstützen, ist aber genauso falsch, wie es schon der Totalverriss der Aktion #allesdichtmachen Ende April war. Damals hatten 50 Schauspieler, die nun zum Teil auch an #allesaufdentisch beteiligt sind, satirisch gemeinte Videos zur Corona-Politik veröffentlicht.

In beiden Fällen gibt es Beiträge von sehr unterschiedlicher Qualität, manche sicher auch mit irrationalen Untertönen. Mindestens zwei Schauspielerinnen hatten dabei aber auch gutbürgerliche Kreise auf die Schippe genommen, die zwar brav zu Hause blieben, aber ständig die Dienste von Paketboten und Pizzalieferantinnen in Anspruch nahmen, denen sie wiederum nicht gönnten, auch in deren Freizeit an die frische Luft zu gehen. Beide Initiativen sind wichtige Bestandteile einer öffentlichen Debatte, die geführt werden sollte.

Da kann man, um bei den schon zitierten Beitrag von Guérot zu bleiben, konstatieren, dass sie an vielen Stellen gute Argumente bringt. Sie nennt Beispiele für absurde Regelungen, etwa dass Menschen gezwungen werden können, den Zug zu verlassen, wenn sie in einen leeren Abteil ohne Maske sitzen. Dass sie dort niemanden anstecken können, ist nicht entscheidend. Guérot macht auch noch einmal deutlich, dass sie persönlich für Impfungen eintritt, besteht aber auf deren Freiwilligkeit. Wenn sie sich gegen hypothetische Verdachtsfälle ausspricht und vor einem überhöhten Sicherheitsbedürfnis warnt, das längst nicht nur im Fall des Coronavirus sichtbar wird, macht sie richtige Beobachtungen.

Doch wenn sie dann gefragt wird, woher das erhöhte Sicherheitsbedürfnis kommt, bleibt sie bei hilflosen Erklärungsversuchen und Phrasen wie "Die Demokratie ist keine Vollkaskoversicherung". Am Ende wird sie philosophisch und sinniert über die Einbeziehung des Todes in das Leben. Die Frage, ob dieses Sicherheitsbedürfnis etwas mit den immer prekäreren Lebens- und Arbeitsverhältnissen im Spätkapitalismus zu tun haben könnte, stellt sich weder Guérot, noch fragt danach ihre Interviewerin, die Schauspielerin Nina Proll.

Und wenn das alte Leben gar nicht so gut war?

Wenn aber eine Initiative #allesaufdentisch heißt, sollte auch darüber gesprochen werden, was der Kapitalismus mit den weltweiten Pessimismus und dem erhöhten Sicherheitsbedürfnis zu tun hat. Dann die Forderung "Gib uns unser altes Leben zurück", ist für Menschen verständlich, die vor Corona gut gelebt haben. Diejenigen, die in prekären Jobs geschuftet haben und mit ihrem Lohn kaum über die Runden gekommen sind, sollten sich eher fragen, wie verhindert werden kann, dass der alte kapitalistische Normalzustand wieder unbeschränkt herrscht.

Weil solche Fragen auch bei #allesaufdentisch eben nicht auf den Tisch kommen, bleibt die Initiative systemimmanent. Das wurde durchaus auch schon von den Medien, die die offizielle Corona-Politik verteidigen, registriert. #Allesaufdentisch wird weiterhin kritisiert, aber nicht mit derselben Vehemenz wie die Aktion #allesdichtmachen, die schon in die Nähe der Verfassungsfeindlichkeit gerückt wurde.

Heute wird wahrgenommen, dass ein Großteil der Kritiker enttäuschte Liberale sind, die mit großer Vehemenz die Selbstverantwortung der Bürger beschwören. Was wir auf jeden Fall bräuchten, wäre eine linke Debatte über Corona und die Folgen, die eben nicht das Ziel hat, die Zeit davor schönzureden. Mit dem gerade erschienenen Buch "Corona und linke Kritik(un)fähigkeit" wurde ein bescheidener Versuch dazu unternommen. Es ist keine Konkurrenz zu Initiativen wie #allesaufdentisch, sondern eine kapitalismuskritische Erweiterung.

Der Autor hat mit Anne Seeck und Gerhard Hanloser im Verlag AG Spak das Buch "Corona und linke Kritik(un)fähigkeit" herausgegeben, das vor wenigen Tagen erschienen ist

(Peter Nowak)

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