Corona durch die DIVI-Brille betrachtet

Symbolbild:Oles kanebckuu/Pexels

Keinen Bock mehr auf Coronazahlen? - Teil 5

Vor wenigen Wochen sah es so aus, als hätte sich die Entwicklung bei den Positiv-Getesteten-Zahlen von der Entwicklung der Corona-Sterbezahlen nahezu abgekoppelt. Während ab Mitte Juli die Positivtests anstiegen, gab es bei den Todesfällen bis weit in den September hinein kaum eine Veränderung. Dann stieg die Zahl der Corona-Toten (wenn auch auf sehr niedrigem Niveau) wieder an.

Ist damit die Entspannungsphase bezüglich schwerer Covid-19-Fälle bis auf Weiteres beendet? Sind die verschiedenen Kennzahlen der Corona-Statistik derzeit so eng verschränkt, dass eine Verdopplung der Positivtests eine Verdopplung der schweren Krankheitsfälle nach sich zieht?

Im Folgenden möchte ich die statistische Entwicklung bei den Covid-19-Intensivpatienten in den Blick nehmen und an eine Messlatte erinnern, die zu Unrecht etwas aus dem Blick geraten ist: das Kriterium der Gesundheitssystem-Auslastung. Entsprechende Daten zur Intensivbetten-Belegung sind in hoher Qualität verfügbar: über das DIVI-Intensivregister.

Das DIVI-Intensivregister - eine unterschätzte Datenquelle

Als im Frühjahr die Angst vor einer Überlastung der Intensivstationen groß war, wurde vom RKI und von weiteren Organisationen eine Datenbank zur Intensivbetten-Belegung - mit Fokus auf Covid-19-Patienten - gestartet. Alle etwa 1.300 intensivbettenführenden Kliniken sind zur täglichen Meldung an dieses sogenannte DIVI-Intensivregister verpflichtet. Bei Engpässen ist sofort einsehbar, welche Behandlungskapazitäten wo zur Verfügung stehen.

Auch können Behörden und Ministerien in Echtzeit die aktuelle sowie die zu erwartende Versorgungssituation regional aufgeschlüsselt überblicken (z. B. über das DIVI-Dashboard).

Obwohl das DIVI-Register in Sachen Meldeverlässlichkeit und Daten-Vergleichbarkeit für die Einschätzung der tatsächlichen Bedrohungssituation die derzeit validesten Informationen liefert, werden Intensivpatienten-Zahlen in der breiten Öffentlichkeit nur nachrangig kommuniziert. DIVI erfasst, ohne behördliche Umwege, eine vierfach größere Betroffenengruppe als die Sterbestatistik und ist somit für bundesweite Risikoanalysen die aussagekräftigere Datenquelle.

Auslastung der Intensivstationen mit Covid-19-Patienten

• Im Rekordmonat April waren knapp 3.000 ITS-Betten (ITS: Intensivstation) mit Covid-19-Patentienten belegt. Auch weil man zahlreiche Intensivplätze vorsorglich freigehalten hatte, bedeutete dies keine Überlastung des deutschen Kliniksystems. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht waren zahlreiche Intensivstationen monatelang deutlich unterbelegt.

• Der Anteil der Covid-19-Intensivpatienten an der Gesamt-ITS-Belegung lag Mitte April bei 16 %. Am 19. Oktober betrug die Covid-19-Quote auf deutschen Intensivstationen 4 %.

• 851 Intensivbetten sind derzeit mit Coronafällen belegt, 9.400 sind als frei gemeldet (Tagesreport, 19. 10.).

Zusätzlich steht eine 7-Tage-Notfallreserve bereit: Innerhalb einer Woche können weitere 12.300 Intensivbetten zur Verfügung gestellt werden. Die ungeklärte Frage ist jedoch: Welches Personal soll diese Betten betreuen?

Wir haben bislang also eine überschaubare Situation - auch wenn man berücksichtigt, dass nicht jeder freie ITS-Platz beliebig mit Covid-19-Patienten aufgefüllt werden kann (Ansteckungsgefahr; Problematik der Patientenverteilung; Kapazitäten für invasive Beatmung und ECMO).

Über 100 neue Covid-19-Intensivpatienten pro Tag

Das DIVI-Intensivregister liefert leider nur die Gesamtzahl der aktuell belegten Plätze. Angaben, wie viele Patienten an welchem Tag in eine ITS eingeliefert werden, sind den Tagesberichten nicht zu entnehmen. Man kann sich diesen Wert jedoch behelfsmäßig errechnen: Die ITS-Aufenthaltsdauer beträgt durchschnittlich 8 Tage. Teilt man die Zahl der belegten Plätze durch 8, erhält man in etwa die Zahl der täglichen Neueinweisungen.

Ausgehend von den Fallmeldungen des gestrigen Montags werden deutschlandweit näherungsweise (851 : 8 =) 106 Covid-19-Patienten pro Tag in eine Intensivstation neu eingewiesen.

Weil es auch entsprechend viele Abgänge gibt, bedeutet dies jedoch nicht, dass sich die Gesamtzahl der ITS-Patienten täglich um 106 erhöht.

Die Intensivpatienten-Quote

Die Covid-19-ITS-Zahlen steigen seit Mitte September deutlich an. Aber ist die Anstiegsdynamik die gleiche wie bei den Positiv-Getesteten?

Es verzerrt die Analyse, wenn man die heutigen ITS-Zugänge mit den heute positiv Getesteten in Beziehung setzt; denn die ITS-Zugänge von heute haben sich bereits vor etwa 2 Wochen infiziert.

• Von Ansteckung bis Symptombeginn vergehen 5-6 Tage, und

• zwischen Symptombeginn und ITS-Einweisung liegen weitere 10 Tage, was in der Summe ein ca. 2-wöchiges Zeitintervall ergibt.

• Die im Diagramm genannte Woche gibt Auskunft über die KW, in der die Ansteckung stattgefunden hat.

• Da am 16.04. die Meldepflicht fürs DIVI-Intensivregister eingeführt wurde, und erst ab KW 18 alle Kliniken Daten lieferten, startet das Diagramm entsprechend mit Ansteckungswoche KW 16.

• Quelle für die Positiv-Getesteten sind die nachrecherchierten Zahlen des RKI.

Das Diagramm zeigt: Von Anfang Mai bis Ende Juli hat sich der Anteil derer, die nach einem Positivtest schwer bis lebensbedrohlich erkrankten, stark verringert. Während Anfang Mai Personen mit einem Positivtest noch eine 18-prozentige Wahrscheinlichkeit hatten zum ITS-Fall zu werden, liegt diese Quote Anfang Oktober bei 3 %.

Geht man davon aus, dass sich dieser 3 %-Wert nicht wesentlich verändert hat, heißt das für die 4.325 aktuellen Neufälle (Stand: 19.10.):

• 130 landen in einer Intensivstation,

• 65 (50 % von 130) müssen invasiv beatmet werden,

• 32 (25 % von 130) versterben.

Hinter jedem dieser Fälle steht ein wertvolles Einzelschicksal. Epidemiologisch betrachtet sind diese Zahlen für eine 83 Millionen-Bevölkerung mit 2.700 täglichen Sterbefällen jedoch unauffällig. Und auch wenn einzelne Kliniken eine hohe ITS-Auslastung melden: Deutschlandweit betrachtet stellen die aktuell 851 Covid-19-Intensivpatienten kein versorgungstechnisches Problem dar.

Verdopplung der Positiv-Fälle bedeutet Verdopplung der Schwererkrankten

Seit August (KW 32) verläuft die Diagrammlinie nahezu waagrecht. Der Anteil der ITS-Einweisungen an den Positiv-Getesteten hat sich also nicht wesentlich geändert. Das bedeutet, beide Werte sind aneinander gekoppelt: Steigen die Positivzahlen um 30 %, gehen die ITS-Zahlen ebenfalls um 30 % nach oben.