Corona in Schweden

Zur Lagebeurteilung der Covid-19-Pandemie in Schweden

Der schwedische Notfallmediziner Sebastian Rushworth betont den anekdotischen Charakter seiner Blogartikel von Anfang August zur Pandemie in Schweden, die auf Deutsch in Telepolis erschienen sind (Wie schlimm ist Covid wirklich?). Seine Darstellung stimmt trotzdem gut mit der Doktrin des schwedischen Gesundheitsamtes (Folkhälsomyndigheten) zur Bekämpfung von Covid-19 überein. Wie bei Rushworth ist die zentrale Frage die nach der Immunität von Infizierten.

In Schweden, wie überall, interessiert man sich für die sogenannte "zweite Welle". Zuständig für die Lagebeurteilung ist die Abteilung für Gesundheitsanalyse und Datenentwicklung (folkhälsoanalys och datautveckling), deren Leiter Anders Tegnell als "Architekt des schwedischen Wegs" bekannt geworden ist.

Am 1. Juli stellte die Analyseeinheit (enheten för analys) von Tegnells Abteilung Modellrechnungen zur "Abschätzung der Zahl von infizierten Personen während des Covid-19-Ausbruchs" vor. Wenn die Kontakte in der Bevölkerung zunehmen, dann sind zum Teil recht imposante zweite Wellen zu sehen. Im Diskussionsteil heißt es jedoch: "Kürzlich wurden Informationen vorgestellt, nach denen milde Fälle nie Antikörper gegen SARS-CoV-2 entwickeln, sondern nur T-Zell-vermittelte Immunität. Wenn außerdem zutreffen sollte, dass infizierte Personen mit sehr milden Symptomen kurze PCR-Testfenster haben, diese womöglich ganz fehlen, dann wäre das angenommene Testfenster von zehn Tagen eine übertriebene Annahme und wir würden die Zahl der Infizierten unterschätzen."

Zu den "kürzlich vorgestellten Informationen" gehört die von Rushworth behandelte Karolinska-Studie. Von dieser Studie berichtete das Karolinska-Institut selber am 2. Juli auf seinen Webseiten unter der Überschrift "Covid-19-Immunität ist vermutlich größer als Tests gezeigt haben".

Im Rahmen des "Regierungsplans für einen eventuellen erneuten Ausbruch von Covid-19" veröffentlichte das Gesundheitsamt am 21. Juli drei Szenarien der Analyseeinheit zur Ausbreitung von Covid-19 in den einzelnen Staatsbezirken (län) bis zum September 2021. Szenario 0 entspricht den bis Mitte Juli zu beobachtenden abnehmenden Infektionen in der Bevölkerung; Szenario 1 simuliert eine im Herbst 2020 rasch zunehmende und dann schnell wieder abklingende Infektionswelle; und Szenario 2 zeigt eine länger dauernde gleichmäßige Verbreitung der Infektionen.

In den Modellen ist das PCR-Testfenster von zehn Tagen geblieben, jedoch wird nun mit der Annahme gearbeitet, dass über den gesamten Zeitraum immun ist, wer einmal infiziert war. Das stimmt mit den Ausführungen zur Immunität von Rushworth überein. Die Kurven fallen nun deutlich flacher aus. Aber wieder heißt es: "Wir berücksichtigen nicht die sogenannte T-Zell-Immunität." Vergleicht man die Szenarien für Bezirke, in denen es statistisch signifikante Fallzahlen gibt (z.B. Stockholm), mit den Daten, dann fallen die wirklichen Fallzahlen zu Mitte Juli hin tendenziell stärker ab als in den Szenarien.

Die Analyseeinheit hat augenscheinlich Schwierigkeiten, die T-Zell-Immunität in ihre PCR-Test-basierten Modelle hineinzunehmen. Dass man das tun müsste, ist die neue Erkenntnis, die man während der Pandemie gewonnen hat. T-Zell-Tests sind schwierig und werden klinisch selten gemacht, schreibt Rushworth. Für T-Zellen gibt es keine Parameter. Es ist methodisch sauber, keine willkürlichen Annahmen zu machen, aber man bekommt ein zu dramatisches Bild der Lage.

Ebenfalls am 21. Juli sind "Richtlinien zur Beurteilung der Immunität" erschienen. Dort steht: "Obwohl nicht jeder nach einer Infektion messbare Mengen von Antikörpern im Blut entwickelt, haben diese Personen wahrscheinlich irgendeine Form von Immunantwort entwickelt. Dies kann zum Beispiel eine lokale Produktion von Antikörpern in Schleimhäuten, eine T-Zell-vermittelte Immunantwort ohne messbare Aktivierung der Antikörperproduktion, eine Zytokinantwort usw. sein." Bei der Immunitätsbeurteilung werden T-Zellen jetzt berücksichtigt. Die ebenfalls erwähnten Schleimhautantikörper findet man übrigens, laut einer Schweizer Studie vom Mai, fünfmal häufiger als Blutantikörper.

Am 29. Juli wurde die nunmehr dritte demografische Studie zum Vorkommen von Covid-19 in Schweden angekündigt. Mit der Auswertung wird Anfang September gerechnet. Den Ausführungen von Rushworth nach würde man erwarten, dass die Frage nach den T-Zellen eine Rolle spielt. Der Ankündigung lässt sich nicht entnehmen, ob das der Fall ist. In den beiden demografischen Studien von Ende April und Ende Mai wurden nur PCR-Tests gemacht.

Laut wöchentlichem Lagebericht vom 21. August sind leichte und schwere Covid-19-Erkrankungen in der 32. Kalenderwoche ein wenig angestiegen und in der 33. gleich geblieben. Aus Rushworths Ausführungen ergibt sich, dass im wesentlichen nur Erkrankte mit PCR auf Covid-19 getestet werden. Entsprechend ist die Fallzahl ein wenig angestiegen und dann gleich geblieben. Der Anteil positiv Getesteter an der Gesamtzahl der Tests liegt jetzt bei vier Prozent. Rushworth schreibt, man sollte sich zur Lagebeurteilung statt der Infiziertenzahl sinnvollerweise die Todesfälle angucken: Die sind weiter gesunken und liegen landesweit im Bereich des für die Jahreszeit Üblichen.

Pressebilder von Anfang August zeigen Schweden ohne Abstand und Masken, wie es Rushworth beschreibt. Das Gesundheitsamt gab am 30. Juli die Empfehlung, weiter Homeoffice zu betreiben und am 13. August Regeln für Chöre.

Es kann sein, dass das schon zum "Debriefing" gehört. So bezeichnen Matthias Schrappe und seine Mitautoren in ihrem dritten Thesenpapier den Ausstieg aus einer Krisensituation ("Die Pandemie durch SARS-CoV-2/Covid-19, Monitor Versorgungsforschung, 8. Juli). In Schweden haben viele Menschen psychologisch mit der Pandemie abgeschlossen, und denjenigen mit einer Restvirusangst wird mitgeteilt, dass sie sich schützen können, und dass das seine Richtigkeit hat.

Die Schweden sind aus dem Urlaub zurückgekehrt und das Gesundheitsamt betont die Wichtigkeit der allgemeinen Regeln (Abstandhalten, Hand- und Nieshygiene, wer krank ist, sollte daheim bleiben). Von einer Ansteckung bis zur Erkrankung vergehen drei Wochen, schreibt Rushworth. Das Gesundheitsamt wird beobachten, ob die Rückkehrwelle Erkrankungen bringt und dies mit den Szenarien und der Immunitätsrichtlinie abgleichen. Das Ergebnis der demografischen Studie wird das Gesundheitsamt ebenfalls abwarten. Wie es dann weitergeht, wird man sehen. (Ulf Martin)