Corona in der Zeitschleife

Hört man derzeit Nachrichten über die Pandemie, könnte man meinen, das Programm von vor einem Jahr eingeschaltet zu haben. Typisch für Deutschland

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Wer immer schon wissen wollte, wie es sich anfühlt, einer Gesellschaft machtlos beim Zucken in der Dauerkatastrophe zuschauen zu müssen, der wird im Moment bestens bedient. Denn Deutschland, das zeigt sich immer deutlicher, hat so richtig Bock, das Jahr 2020 einfach zu wiederholen, und, wenn möglich, seine katastrophalen Auswirkungen in der Wiederholung zu übertreffen.

Es ist, als würde das Fernsehprogramm von letztem Jahr einfach nochmal abgespult. Die Politik feiert ihr Gemisch aus Inkompetenz, Wurschtigkeit und Korruption als Gestaltungswillen. An wissenschaftlichen Erkenntnissen besteht offenbar kein Interesse, weil die ungelegen kommen.

Die deutsche Polizei entdeckt ihre Liebe zu Grundgesetz, Demokratie und Verhältnismäßigkeit, allerdings nur bei der Spreader-Pegida. Die Schulen dienen weiterhin als Virenschleudern, und das Volk will nach Malle oder zum Après-Ski in Ischgl.

Fünf Euro für Pflegepersonal bei Helios

Währenddessen singt Herr Streeck auf seinem Dauerlauf durch die Talkshows sein Liedchen von der Achtsamkeit und der Gelassenheit, und die Helios-Klinik in Meiningen belohnt die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ihres Medizinischen Versorgungszentrums für ihr Engagement mit fünf Euro.

Ein Konzentrat aus all diesen Zumutungen waren die Beratungen und Ergebnisse der "Corona-Gipfel" in dieser Woche. Überaus verräterisch der Jargon, mit dem man dort hantierte. Wahnideen wie "kontaktarmer Urlaub" wurden diskutiert, und das Hauptergebnis vom ersten Tag war ein "Blitz-Lockdown" über Ostern, der so gut wie nutzlos gewesen wäre und dann zwei Tage später ohnehin ersatzlos wieder gestrichen wurde.

Den besinnlich Orientierten wurde für diesen Unfug der Begriff "Ruhepause" angeboten; die "Notbremse", die eh nichts bremsen sollte, hatten wir ja vorher schon gehabt.

All diese Schlagwörter, eilig gefassten und dann eilig wieder revidierten Beschlüsse sollen nur die komplette Ratlosigkeit gegenüber dem selbstangerichteten Desaster verdecken. Ein gutes Maß für die Albernheit dieses Kasperletheaters ist auch der Umgang mit der Religion. In einer Situation, in der die dritte Infektionswelle einer Pandemie so richtig Fahrt aufnimmt, "bittet" man die Kirchen darum, an Ostern auf Präsenzgottesdienste zu verzichten.

Und selbstverständlich husten die heiligen Virenfreunde den Politikern was. Genau wie vor einem Jahr. Eigentlich ist es ganz einfach. Eine Zero-Covid/No-Covid-Strategie wollte man nicht, und deswegen bekommt man sinnfreies Geeier. Also genau das, was die Virologin Melanie Brinkmann Anfang Februar vorhergesagt hat:

So eine Mittelinzidenz bedeutet letztlich eine Art Dauer-Lockdown, aus dem man nur zwischendurch mal kurz auftauchen und nach Luft schnappen kann.

Virologin Melanie Brinkmann

Und eben diese korrupte Entschlusslosigkeit führt dazu, dass sich das Frühjahr 2021 genau wie das Frühjahr 2020 anfühlt. Dass Deutschland herumeiert, ist ja nun nichts Neues.

Von der Kernenergie zu Corona

Wer erinnert sich nicht an den Einstieg in den Ausstieg aus der Kernenergie, den Ausstieg aus diesem Einstieg und den Wiedereinstieg in den Ausstieg nach Fukushima? Aber dass selbst in akuten, pandemischen Notlagen eine derartig durchschlagende Handlungsunfähigkeit auftritt, ist schon schockierend.

Genau wie der eigentliche, höchst banale Grund: Die Wertschöpfung und die Realisierung des geschöpften Werts am Markt, die Produktion, Distribution und Konsumtion, genau wie die systemrelevanten Duftlampen Religion, Fußball und Urlaub dürfen auf keinen Fall wirklich zum Stillstand gebracht werden, egal, wie viele Menschenleben das kostet.

Es gibt in Wirklichkeit nur ein Gesetz in diesem Land: The show must go on, auch wenn die Titanic sinkt.

Der österliche Blitzkrieg - an sich schon eine totale Farce - ist nun also wieder abgesagt. Wäre es ein Mensch, müsste sich das Virus vor Lachen in die Hose machen. Wer nicht mehr lacht, sind die über 75.000 Toten und ihre Angehörigen; dasselbe gilt für die Long-Covid-Betroffenen.

Deutschland ist und bleibt ein Land mit Lust am Menschenopfer. (Marcus Hammerschmitt)