"Corona" und "Volksgesundheit"

Volkskrankheiten - ja! Volksseuche - nein!

Die Lage ist ernst, die "Volksgesundheit" in Gefahr. Das neuartige Corona-Virus infiziert immer mehr Menschen, die Zahl der Todesopfer steigt von Tag zu Tag an. Und weil es sich um eine "Pandemie" handelt, betrifft dies nicht nur Deutschland, sondern die meisten Länder dieser Welt.

Alle Staaten legen nun Programme auf und ergreifen Maßnahmen, die Verbreitung von Corona einzudämmen. Endlich, so scheint es, kümmern sich die Regierungen wirklich um ihr Volk, unternehmen alles, es zu schützen. Und es stimmt ja: Ohne Volk ist kein Staat zu machen. Aber es stimmt auch: Auf Einzelschicksale wird keine Rücksicht genommen. Wenn also von "Volksgesundheit" die Rede ist - wer definiert sie nach welchen Kriterien? Und wem dient sie wozu?

Die "physische und psychische Gesundheit bezogen auf die gesamte Bevölkerung eines Staates" lautet eine gängige Definition von "Volksgesundheit". Weitere Beschreibungen beziehen sich auf das englische "Public Health", das mit "öffentlicher Gesundheitspflege" oder eben auch "Volksgesundheit" übersetzt wird. "Bei der Betrachtung der Gesundheit der Bevölkerung steht die Gesundheit von Personengruppen, Bevölkerungsteilen oder ganzen Bevölkerungen im Vordergrund, nicht die Gesundheit der einzelnen Person." (Wikipedia: "Public Health").

Kein Widerspruch: ein "gesundes" Volk hat tausend Krankheiten

So tautologisch wie diese Bestimmungen klingen, machen sie doch eines deutlich: Es geht um eine allgemeine Betrachtung, nicht um das Einzelschicksal. Und auf das Thema blickt nicht eine medizinische Instanz, sondern ein Staat. Wann ein Volk als insgesamt "gesund" gilt oder zumindest nicht als ernsthaft krank, verdankt sich nicht ausschließlich medizinischen Kriterien. Wenn dem so wäre, müsste sich so ziemlich jeder Staat auf diesem Globus, das angeblich so vorbildliche Deutschland eingeschlossen, ernste Sorgen machen. Schließlich erleiden ständig eine große Anzahl Menschen Zusammenbrüche des Kreislaufs und der Nerven, ruinieren ihr Skelett, verletzen sich bei Arbeitsunfällen, vergiften sich durch schlechte Luft und Lebensmittel, halten sich mühsam mit Hilfe von Tabletten und Spritzen aufrecht usw.

Das Leben und Arbeiten in einer Marktwirtschaft unterwirft den menschlichen Körper eben einem enormen Verschleiß und setzt ihn großen Risiken aus. Und die vom Wirtschaftsleben eher unabhängigen Krankheiten für Jung und Alt, ob Blinddarmentzündung oder Alzheimer, kommen noch hinzu.

Das Gesundheitssystem: ein kostspieliges Geschäft

Aber genau darum kümmert sich doch der Staat? Ja, unterschiedlich zwar auf der Welt, doch irgendwie hat jedes Land ein "Gesundheitssystem". Wie dieses ausgestattet ist und funktioniert, zeigt anschaulich, was unter "Volksgesundheit" von Staats wegen verstanden wird. Und was es kosten darf - denn die Forschung, die Krankenhäuser, die Ärzte und Pflegekräfte, die Technik und vieles mehr wollen bezahlt sein.

In einer Welt, in der das Geld so ziemlich alles ist, um das sich das Leben dreht, organisieren die Nationen auch die Pflege der Volksgesundheit als Geschäft. Allerdings als ein besonderes: Die Politik gibt die Regeln vor, auf deren Basis die Akteure wie Pharmaindustrie, Ärzte oder Krankenhäuser an ihr Geld kommen.

"Reichere" Staaten, wie Deutschland, haben da eine vergleichsweise umfangreichere Infrastruktur als zum Beispiel Länder der sogenannten Dritten Welt. Aber auch innerhalb der Europäischen Union zeigen sich eklatante Unterschiede. Die Gesundheits-Budgets brennen in vielen Ländern seit langem auf Sparflamme, zum Beispiel in Spanien, Italien und Griechenland. Und der Präsident der USA setzt ein staatliches Gesundheitssystem mit Sozialismus gleich.

Wie viel "gesundes" Volk braucht es, um den Laden am Laufen zu halten?

Das hierzulande als gut ausgebaut geltende System hat weniger damit zu tun, dass die deutsche Regierung ein größeres Herz für die Volksgesundheit hat. Es ist vielmehr eine schlichte Notwendigkeit: Wenn nicht genügend Leute beschäftigt werden können, die in der Wirtschaft die Waren und Dienstleistungen produzieren, auf denen sich der nationale Reichtum gründet - dann erwirtschaften die Unternehmen wenig bis gar keinen Profit, und der Staat verliert seine Einnahmequelle.

Also schaut ein Gesundheitsminister permanent auf den Zustand des Volks, gleicht sein System ab mit einerseits dessen Leistungen für den Erhalt allgemeiner Gesundheit, andererseits mit den dadurch entstehenden Kosten. Es ist ein ständiges Tarieren, wie viel Einsatz nötig ist, um das nötige Mindestmaß an benutzbarem Volk aufrecht zu erhalten. Dabei gilt es wohl zu unterscheiden zwischen verbreiteten Krankheiten und Epidemien.

Ein Sockel an Krankheiten im Volk geht in Ordnung ...

Bei "normalen" Volkskrankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Versagen, Rheuma, Erkrankungen des Skeletts ("Rücken" u.ä.), Depression etc. prüft der Minister, wie gut deren Behandlung funktioniert. Aber nicht so, dass es ihm auf die erfolgreiche Ausmerzung oder Prophylaxe ankommt. Da ist er "Realist" und rechnet mit einem Sockel an Erkrankungen. Sondern er beobachtet, wie sehr diese Krankheiten den normalen Gang der Geschäfte beeinträchtigen und wie viel sie seinem Gesundheitswesen kosten.

Diese Perspektive ist ziemlich zynisch: So lange ein ausreichender Teil des Volks für die Zwecke der Wirtschaft und des Staates fit genug und in genügender Zahl zur Verfügung steht, herrscht "Volksgesundheit". Die zigtausendfachen Leiden und vorzeitigen Todesfälle sind in dieser Betrachtung zwar bedauerlich, fallen aber eher in die Abteilung "individuelle Lebensrisiken": Die Leute sollen halt nicht so viel rauchen und trinken, und ein wenig Sport täte ihnen auch gut.

… die Behandlung darf nur nicht allzu viel kosten ...

Dann würden sie außerdem dem Gesundheitssystem nicht mit den teuren Behandlungskosten zur Last fallen. Ein System, das ohnehin aus Sicht des Staats chronisch zu viel kostet.

Die Ausgaben hierfür sind nun einmal unproduktiv, belasten "die Wirtschaft". Sie bedeuten für die Unternehmen einen Abzug vom Gewinn. Den abhängig Beschäftigten reduzieren die üppigen Beiträge zur Krankenversicherung ihren Lebensunterhalt - so viel zur "Wirtschaft": Kapital und Arbeit sind auch hier nicht in einen Topf zu werfen. Was für den einen weniger Profit heißt, nimmt dem anderen einen Teil seiner Existenzgrundlage.

… aber als Geschäft sollte sie schon funktionieren

Die Beitragssätze für die Krankenversicherungen, die Honorare für die Ärzte, die Kosten der Arzneien, die Finanzierung der Krankenhäuser - das Geschäft mit der Gesundheit ist hochpolitisch. Das gewünschte Niveau der Volksgesundheit soll gesichert bleiben, aber mit möglichst niedrigem Aufwand.

Welches Niveau und welche Preise das dann aktuell sind, beurteilt der Staat dynamisch, und es wird stets zwischen den Akteuren neu verhandelt. Da kann es dann auch mal sein, dass der Gesundheitsminister Empfehlungen von Fachleuten nicht folgt: Zum Beispiel den Vorschlägen von Bertelsmann-Stiftung oder der Nationalakademie Leopoldina, die Zahl der Krankenhäuser drastisch herunterzufahren. Das erschien dem Ministerium als ein dann doch zu großer Einschnitt.

Es tat aber dem Rang der Experten keinen Abbruch: Die Leopoldina berät die Bundesregierung seit Jahren, nun auch im Umgang mit der "Corona-Krise". Und auch der Bertelsmann-Stiftung wird immer wieder gern Gehör geschenkt. Deren betriebswirtschaftlicher Betrachtung des Gesundheitswesens wird auch grundsätzlich nicht widersprochen. Wohin dies führt, zeigt neben vielen anderen unangenehmen Phänomenen der Mangel an Pflegekräften. Für diesen Beruf, der überfordert und schlecht bezahlt wird, sind kaum Leute zu finden.

Eine Epidemie durchkreuzt die routinierte Abwicklung der Volkskrankheiten

Bei einer Epidemie machen sich die Probleme eines solchen Gesundheitssystems noch stärker bemerkbar: Da breitet sich eine Krankheit unkontrolliert und so massiv aus, dass der normale Umgang mit der Volksgesundheit nicht mehr funktioniert. Denn sie gefährdet die Tauglichkeit fast der gesamten Bevölkerung für das Staatswesen.

Auf einen solchen Fall wie nun "Corona" war weder China vorbereitet noch "der Westen". Aber Deutschland, die EU und die USA schätzten lange Zeit das Virus als asiatische Erscheinung ein, die man eindämmen könnte. Und auf die man mit einem starken Gesundheitssystem schon die richtige Antwort hätte.

Das notorisch auf Kante genähte Gesundheitssystem wird überfordert

Im Nachhinein ist es natürlich billig, diese Fehleinschätzung zu kritisieren. Das Tempo der Ausbreitung von Corona hat auch solche Experten überrascht, die gewiss keinen Beratervertrag mit der Bundesregierung haben. Die lange vorgetragene deutsche Versicherung, man werde von Corona längst nicht so betroffen werden wie China, basierte auch auf zu optimistischen Annahmen über die Belastbarkeit des Gesundheitswesens.

Weniger vornehm ausgedrückt: Wenn dieses System auf Kante genäht ist, teilweise noch nicht einmal das, bleibt kein Platz für extreme und zeitlich nicht einzugrenzende Zusatzherausforderungen für die Volksgesundheit. Dann fehlt es an Intensivbetten, Beatmungsgeräten, Schutzkleidung und vor allem an ausreichendem Personal.

Jetzt heißt es auf einmal: Ausmerzen, sonst läuft im Staat bald gar nichts mehr!

Nun hat das Virus den Rest der Welt erreicht, und sogar das wohlhabende Deutschland mit seinem vermeintlich guten Gesundheitssystem droht zu kollabieren. Eine Volksseuche macht sich breit, die den üblichen Umgang mit Volkskrankheiten verbietet. Jetzt heißt es mit einem Mal: Ausmerzen, sonst läuft im Staat bald gar nichts mehr! Also werden Ausgangsbeschränkungen verhängt, um die Zahl der Infizierten und Patienten nicht über das absolute Maximum der Behandlungskapazitäten wachsen zu lassen.

Gleichzeitig mobilisiert Deutschland alle nationalen Ressourcen, die Ausrüstungsmängel zu beheben. Das reicht von T-Shirt-Herstellern, die nun auf Schutzmasken umstellen, über Maschinenbauer, die Beatmungsgeräte statt Schrauben produzieren, bis zu Medizin-Studenten und pensionierten Ärzten, die in die Krankenhäuser gehen.

Kosten spielen nun keine Rolle mehr - und das im Gesundheitswesen

Das lässt sich der Staat eine Menge kosten: Geld spielt auf einmal keine Rolle - und das im Gesundheitswesen! Dies gilt in noch größerem Umfang für die Unterstützung des Wirtschaftslebens. Ein nie dagewesenes dreistelliges Milliarden-Programm fängt die Verluste der stillgelegten Geschäftswelt für die ersten Monate auf. Denn es wäre schließlich eine bittere Ironie, stünde das Volk nach überwundener Corona-Krise wieder ausreichend zur Verfügung - nur die Unternehmen wären nicht mehr da, sie zu beschäftigen.

Nebenbei: Der verfügte Stopp des Wirtschaftslebens zeigt sehr deutlich, wer in einer Nation das Sagen hat. Die Staaten setzen sich über die ökonomischen Interessen hinweg, verfügen mit ihrer Gewalt über die Gesellschaft, verbieten den Unternehmen ihre Produktion. Dies zur Ansicht, der Staat sei doch eigentlich nur "Marionette" des Kapitals.

Eine Pandemie kennt keine Grenzen? Von wegen!

Inzwischen werden überall auf der Welt immer mehr Infizierte registriert, Todesfälle gezählt. Eine internationale Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe wären daher das Gebot der Stunde. Doch was geschieht? Das auswärtige Volk wird heimgeholt - und die Grenzen werden dicht gemacht. Die Staaten wollen sich schließlich keine zusätzlichen Infektionsquellen einfangen, sie haben genug mit den eigenen zu tun.

Volksgesundheit ist eben eine rein nationale Angelegenheit. Ob es den Völkern der übrigen Nationen gut oder schlecht geht, ist zweitrangig - es sei denn, deren Zustand tangiert den Zustand der eigenen Bevölkerung. Dann kann es zu Absprachen oder gar Zusammenarbeit kommen - oder allerdings auch zu zwischenstaatlichen Konflikten. "Als Europa wirklich füreinander da sein musste, haben zu viele zunächst nur an sich gedacht", beklagte EU-Kommissionspräsidenten Ursula von der Leyen (Süddeutsche Zeitung, 27.März 2020). Mit "zunächst" wollte sie die Hoffnung auf nun doch beginnende Zusammenarbeit ausdrücken. Wie es aussieht, war das zu optimistisch.

Auch bei den Plänen zur Lockerung der Gegenmaßnahmen agieren die Nationen unkoordiniert, was von der Leyen zur fast flehentlichen Mahnung veranlasst: "Gute Nachbarn reden miteinander." (SZ, 16. April 2020). Das Bild der "guten Nachbarn" stimmt offenbar nicht. Denn der Umgang mit "Corona" zeigt auch, was es mit der europäischen "Gemeinschaft" auf sich hat. Eine "Gemeinschaft von Konkurrenten (…), von denen jeder das Kollektiv als Instrument für das eigene Fortkommen betrachtet" (Thomas Steinfeld: Im Teufelskreis, SZ, 16. April 2020).

"Corona" sortiert die Konkurrenz der Nationen neu

Wenn die Pandemie irgendwann abflaut, beginnt der Wettlauf zwischen den Nationen, wer die globale Krise am besten übersteht, wessen Volk wieder nur noch seine ganz normalen Krankheiten hat, sprich: genügend benutzbar ist.

Der Vergleich der Gesundheitssysteme steht an - ganz praktisch: Wer bewältigt die Krise am besten, wessen Volksgesundheit erholt sich am schnellsten und ermöglicht wieder profitables Geschäft? Und vor allem: Wer hat genügend finanzielle Mittel, seine Ökonomie über die Durststrecke bringen? Damit sie nicht zusammenbricht? Entsprechend weniger Verlust an nationalem Reichtum und weniger Kosten der Krisenbewältigung fallen für diese Staaten an. Und der größere Rest dieser Welt kann schauen, wo er bleibt.

Literaturhinweise:

Was heißt hier Volksgeundheit

Angst vor dem Virus, Vertrauen auf den Staat

Suitbert Cechura: Unsere Gesellschaft macht krank. Die Leiden der Zivilisation und das Geschäft mit der Gesundheit. Baden-Baden 2018

Renate Dillmann und Arian Schiffer-Nasserie: Der soziale Staat. Über nützliche Armut und ihre Verwaltung. Kapitel 2.5 "Krankheiten", S. 98ff. Hamburg 2018 (Björn Hendrig)