Corona und die Lebensmittelproduktion

Wilde Hilde, Foto: Christoph Jehle

Während Toilettenpapier in Deutschland knapp zu werden scheint, sieht das Angebot bei Lebensmitteln insgesamt noch gut aus - da zeigen sich die Lücken meist bei H-Milch, Aufback-Brötchen und Billigteigwaren

Je nach lokaler Versorgungssituation kamen mit den Abstandsregeln an den Kassen inzwischen auch Beschränkungen der Abgabemengen, wie sie schon vor Corona bei Sonderangeboten und Aktionswaren durchaus üblich waren.

Da hieß es zumeist: Abgabe nur in haushaltsüblichen Mengen. Was die Lebensmittelmärkte derzeit mehr belastet als der reine Warennachschub, ist die Herausforderung, die gelieferten Waren in die Regale einzuräumen. Die Zeiten, als lediglich Paletten in die Gänge gestellt wurden, sind auch bei den Discountern schon lange vorbei. für diese Herausforderung hat man bei Aldi Süd eine Lösung gefunden, indem man McDonald‘s Mitarbeiter, die wegen der aktuellen Lage dort nicht arbeiten können, für diese Zeit in den Aldi-Filialen beschäftigt.

Agrarische Lebensmittel sind derzeit nicht knapp

Die deutschen Landwirte sind sich sicher, dass die Versorgung mit Lebensmitteln in Deutschland gesichert sei. So lässt sich der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband e.V. (BLHV) mit den folgenden Worten zitieren. "In Deutschland ist der Selbstversorgungsgrad bei Grundnahrungsmitteln nach wie vor hoch. Laut der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) liegt dieser etwa von Hart- und Weichweizen zuletzt bei 117 Prozent, von Kartoffeln bei 148 Prozent, von Frischmilcherzeugnissen bei 116 Prozent, von Käse bei 126 Prozent und von Schweinefleisch bei 119 Prozent."

Probleme bei den Sonderkulturen

Probleme scheint es jedoch bei Sonderkulturen wie Spargel und Erdbeeren zu geben, wo die Erntehelfer fehlen. Da gab es schon im vergangenen Jahr, also vor Corona, Probleme, weil viele Osteuropäer inzwischen Arbeit in ihrer Heimat gefunden haben und nicht mehr auf die körperlich anstrengende Arbeit bei den deutschen Bauern angewiesen sind. Jetzt sind die Außengrenzen der EU dicht und die Absicht, Saisonarbeitskräfte außerhalb der EU anzuwerben, scheint kaum mehr realisierbar zu sein. Somit ist damit zu rechnen, dass die Anbaufläche in den kommenden Jahren deutlich zurückgehen wird.

Die Tatsache, dass jetzt immer weniger Menschen unterwegs sind, sorgt dafür, dass auch der Absatz ins Stocken gerät, weil die Produkte der genannten Sonderkulturen zumeist in der Direktvermarktung am Straßenrand verkauft werden, wo jetzt einfach das Publikum fehlt. Man kann Erdbeeren und Spargel jetzt nicht zur Seite legen, bis die Corona-Pandemie beendet ist.

Deutlich geringer scheinen die Probleme im Weinbau zu sein. Personalaufwändig war da in der Vergangenheit vor allem die Lese. Und die wird inzwischen zumeist von mechanischen Vollerntern übernommen, welche die "Romantik der Weinlese" vielfach übernommen haben. Die Pflege der Reben war auch schon in der Vergangenheit ein ziemlich einsamer Job der Weinbauern, da lässt sich der 2-Meter-Abstand problemlos realisieren.

Deutlich schwieriger erscheint die Situation beim Hopfenanbau, der für die Bierbrauereien lebensnotwendig ist. Welche Bedeutung die Bierproduktion für Deutschland hat, kann man beispielsweise an der Umsatzsteuerbelastung erkennen: Bier wird mit 7 Prozent besteuert, Babynahrung oder Mineralwasser mit 19 Prozent.

Beim Hopfenanbau benötigt man in zwei Wachstumsphasen zahlreiche helfenden Hände. Erst beim Hochbinden der Hopfenranken, die in Rechtsdrehung an die Spanndrähte geführt werden müssen, damit sie an dem Draht nach oben wachsen können. Per Handarbeit muss in der Folge auch das ebenfalls sprießende Unkraut gejätet werden. Für diese Arbeit gibt es bislang noch keine Maschinen. Handarbeit ist auch das Überprüfen auf eine möglichen Befall mit Läusen. Bei der Hopfenernte konnte inzwischen der Anteil der Handarbeit auf dem Feld deutlich reduziert werden, weil die Spanndrähte mit den Hopfenpflanzen maschinell abgeschnitten werden.

Vorstellungen von Landwirtschaftsminister Peter Hauk in Stuttgart

Der Südwestrundfunk meldet am 23.03.2020 um 11:35 Uhr:

"Der Einsatz von Erntehelfern ist laut Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU) dringend notwendig, um die Versorgung der Menschen mit heimischen Lebensmitteln sicherzustellen. 'Die aktuelle Krise darf nicht dazu führen, dass aufgrund zu großer Bürokratie die Landwirte auf der Strecke bleiben, weil Arbeitskräfte nicht einreisen können', sagte Hauk. Da die Arbeit auf den Feldern unmittelbar vor der Tür stehe, brauche es jetzt kein Zögern, sondern Entscheidungen. 'Das heißt, dass es keine Denkverbote geben darf. So könnten auch anerkannte Asylbewerber, die derzeit aufgrund der Krise ihrer Arbeit nicht nachkommen können, ebenso wie Flüchtlinge oder auch Hartz-IV-Empfänger die Chance erhalten, den Landwirten und damit der Gesellschaft zu helfen.' Gleiches gelte für Empfänger von Kurzarbeitergeld."

Hamstern sorgt für Leergutknappheit bei Getränken

Bislang hamsterten die Deutschen zumeist Toilettenpapier, Ananaskonserven, H-Milch und Seife. Inzwischen gibt es wohl auch Engpässe bei den Leergutrückläufen der Getränkewirtschaft, wie sie sonst nur in heißen Sommern aufgetreten waren und damals so manchen Hersteller aus dem Markt geworfen hatten.

Da inzwischen auch Getränke in Mehrwegverpackungen von Verbrauchern eingelagert werden, geht der Rücklauf an Leergut inzwischen deutlich zurück, so dass die ersten Mineralbrunnen befürchten, dass sie schon bald die Nachfrage nach Wasser in Mehrwegflaschen nicht mehr befriedigen können. Zum Glück haben Mineralbrunnen inzwischen bei den Einweg-PET-Flaschen schon zu 100 Prozent auch auf recyceltes PET-Material umgestellt.

Welche Risiken bestehen bei Lebensmitteln aus Risikogebieten?

Viele Lebensmittel, die auf den deutschen Markt kommen, kommen heute aus China, Italien oder Spanien. Deutsche Erzeuger können den heimischen Erdbeer-Bedarf nur während der Saison von Mai bis September decken, wenn sie ausreichend Erntehelfer finden. Außerhalb der Saison decken Importe die Nachfrage. Dies gilt übrigens nicht nur für Deutschland.

So dürfen Schweizer Konfitürenhersteller außerhalb der heimischen Saison auf der Basis des bestehenden Freihandelsabkommen mit China fernöstliche Ware für Schweizer Konfitüre nutzen als wäre es einheimisches Obst. Ein Problem stellen die lange Kühlketten, die beim Umladen mehr oder weniger lang unterbrochen werden, für Früchte dar, die üblicherweise roh verzehrt werden, wie beispielsweise Himbeeren in der "Wilden Hilde". Bei Nachtisch mit Tiefkühlobst gab es in der Vergangenheit schon Infektionen mit dem Norovirus, der Temperaturschwankungen von minus 20 bis plus 60 Grad Celsius aushält.

Agrarhandel innerhalb der EU

Die in Brüssel angesiedelte französisch dominierte Landwirtschaftsorganisation COPA-COGECA hat in einer Erklärung vom 19. März 2020, darauf hingewiesen, dass man sich anstrenge "sicherzustellen, dass alle Menschen in Europa weiterhin Zugang zu sicheren, qualitativ hochwertigen und erschwinglichen Lebensmitteln und Getränken haben". Infolge der Notfallmaßnahmen, die von EU-Mitgliedsstaaten ergriffen werden, berichteten Mitglieder des Verbandes von zunehmenden Schwierigkeiten für ihre betrieblichen Aktivitäten.

Es komme zu Verzögerungen und Störungen bei der Lieferung landwirtschaftlicher Erzeugnisse und verarbeiteter Produkte sowie bei Verpackungsmaterialien an den zahlreichen Landesgrenzen. Außerdem gebe es besondere Herausforderungen bezüglich der Arbeitnehmerfreizügigkeit und des daraus resultierenden potenziellen Arbeitskräftemangels, ein Problem, das sich inzwischen europaweit ausdehnt.

Alle bisherigen Zusagen hinsichtlich der Lieferbarkeit von Lebensmitteln gingen von der Vorstellung aus, dass die Lieferketten innerhalb Europas nicht unterbrochen werden und dass die Ernte in den einzelnen Ländern weiterhin möglich sein wird. (Christoph Jehle)