Coronavirus: Das Aufrechterhalten der Maßnahmen trotz einer dramatisch gesunkenen Sterberate

Bild: NIAID/CC BY-2.0

Eine kritische Betrachtung

Seit Wochen sterben immer weniger der vom Coronavirus infizierten Personen. Während Mitte April von 1.000 gemeldeten Fällen noch 70 verstarben (7%), verstarben in den Kalenderwochen 34-37 (17.8.-13.9.) von 1.000 gemeldeten Fällen nur noch ein bis zwei Personen (0,1-0,2%). Das Robert-Koch Institut erklärt dieses Phänomen damit, dass sich aktuell mehr jüngere Menschen infizieren, und geht nach wie vor von einer großen Gefahr für die Bevölkerung aus. Aber ist dem wirklich so? Eine kritische Prüfung.

Eigentlich gibt es sehr gute Nachrichten: Seit Wochen sterben zunehmend immer weniger der gemeldeten Coronavirus-Fälle. Während von den in der 16. Kalenderwoche (Mitte April) gemeldeten Fällen von 1.000 Fällen noch 70 verstarben (7%), verstarben von den in der 34. bis 37. Kalenderwoche (Mitte August bis Mitte September) gemeldeten Fällen von 1.000 Fällen nur noch ein bis zwei Personen (0,1-0,2%). Lokal ist der Anteil der versterbenden Personen sogar noch geringer. So ist beispielsweise in der Stadt München (1,47 Millionen Einwohner) von den in den Kalenderwochen 31-37 (27.7.-13.9.) gemeldeten 2.682 Fällen bisher keine einzige Person verstorben (Quelle: NPGEO Corona Hub 2020, RKI, Stand 20.9.; siehe auch Täglicher Lagebericht des RKI vom 15.9., Tabelle 3; in den Kalenderwochen 36 und 37 sind die Zahlen noch mit etwas Unsicherheit behaftet, da der weitere Krankheitsverlauf noch nicht bei allen Personen klar ist).

Die wahre Sterberate ist noch geringer

Die wahre Sterberate ist vermutlich sogar noch deutlich geringer als in den Kalenderwochen 34-37 beobachtet. Die nach wie vor verfolgte Praxis ist es, einen Todesfall selbst dann als "Coronavirus-Todesfall" zu zählen, wenn die Person zwar an anderen Ursachen verstorben ist, aber ein positives Coronavirus-Testergebnis aufweist. So schreibt das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit auf ihrer offiziellen Seite zu den Corona-Fallzahlen:

Als Todesfälle werden Personen gezählt, die mit und an SARS-CoV-2 verstorben sind, sowie Personen, bei denen die Ursache unbekannt ist. Mit SARS-CoV-2 verstorben bedeutet, dass die Person aufgrund anderer Ursachen verstorben ist, aber auch ein positiver Befund auf SARS-CoV-2 vorlag. An SARS-CoV-2 verstorben bedeutet, dass die Person aufgrund der gemeldeten Krankheit verstorben ist. ‚Personen, bei denen die Ursache unbekannt ist‘ bedeutet, dass ein positiver SARS-CoV-2-Befund vorlag, die eigentliche Todesursache jedoch unbekannt ist.

LGL

Aufgrund dieser eigenartigen Art der Diagnostik, einen Todesfall als "Coronavirus"-Todesfall zu zählen, auch wenn eine Person eigentlich an anderen Ursachen verstorben ist, wird die wahre Sterberate überschätzt. So sind laut den offiziellen Angaben des Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit von den als "Coronavirus-Todesfälle" gezählten Todesfällen in Bayern 11 Prozent in Wirklichkeit an anderen Ursachen verstorben, bei einem Prozent ist die Todesursache unbekannt. Sollten diese Werte für Deutschland repräsentativ sein und würde man die eigentlich fälschlicherweise hinzugezählten Todesfälle aus der Berechnung der Sterberate herausnehmen, wäre die Sterberate sogar noch geringer.

Weiterhin ist es wichtig sich klarzumachen, dass es sich bei den obigen Werten nur um den sogenannten Fall-Verstorbenen-Anteil handelt, welcher die Wahrscheinlichkeit abbildet, dass eine als infiziert gemeldete Personen verstirbt. Ausschlaggebend für die von einem Virus ausgehende Gefahr für die Bevölkerung ist aber eigentlich der Infizierten-Verstorbenen-Anteil, welcher die Wahrscheinlichkeit abbildet, dass eine infizierte Person verstirbt, unabhängig davon, ob sie gemeldet ist oder nicht.

Da es vermutlich trotz der aktuell sehr hohen Testanzahl nach wie vor eine Dunkelziffer an zwar infizierten aber nicht gemeldeten Personen gibt, ist der Infizierten-Verstorbenen-Anteil mit hoher Wahrscheinlichkeit kleiner als der aktuell beobachtete Fall-Verstorbenen-Anteil (größer kann er nicht sein). Nimmt man die beiden angesprochenen Punkte zusammen, so liegt die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit an einer SARS-CoV-2 Infektion zu versterben aktuell vermutlich sogar noch deutlich unter 0,1%.

Eigentlich gute Nachrichten

Angesichts solch guter Nachrichten wäre eigentlich zu erwarten, dass ein Jubelsturm durch die Medien und die Bevölkerung geht, da inzwischen vom neuen Coronavirus offenbar weitaus weniger Gefahr ausgeht, als es anfänglich der Fall war.

Da man in einer "normalen" Grippesaison davon ausgeht, dass 0,1% - 0,2% der mit dem Grippevirus infizierten Personen versterben, wäre zudem eigentlich zu erwarten, dass die "epidemische Lage von nationaler Tragweite" aufgehoben wird, die nach wie vor eingeschränkten Grundrechte wieder vollumfänglich hergestellt und die mit negativen Nebenwirkungen behafteten Maßnahmen wie beispielsweise die Maskenpflicht an Schulen beendet werden.

Die Erklärung des Robert-Koch-Instituts und die Aufrechterhaltung der Maßnahmen

Allerdings ist all dies nicht der Fall, und es ist eine interessante Frage, warum dem eigentlich nicht so ist. Eine Erklärung liefert der tägliche Lagebericht des Robert-Koch Instituts (RKI). Dort wird zwar auf die sinkende Sterberate explizit hingewiesen, dieses Phänomen wird aber folgendermaßen erklärt:

Aktuell versterben immer weniger der berichteten Fälle. Dies liegt hauptsächlich daran, dass relativ viele junge Menschen neu diagnostiziert werden, von denen relativ wenige schwer erkranken und versterben.

Lagebericht vom 15. September

Aufbauend auf dieser Erklärung wird dann geschlossen, dass nach wie vor eine große Gefahr vom Coronavirus für die Bevölkerung ausgehe, und die Maßnahmen deswegen aufrechterhalten werden müssten. So schreibt das RKI weiter:

Wir müssen dennoch eine erneute Zunahme der Neuinfektionen vermeiden. Insbesondere müssen wir verhindern, dass, wie zu Beginn der Pandemie, wieder vermehrt ältere und besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen erkranken. Sollten sich wieder vermehrt ältere Menschen infizieren, muss auch mit einem Wiederanstieg der Hospitalisierungen und Todesfälle gerechnet werden. (…) Daher ist es weiterhin notwendig, dass sich die gesamte Bevölkerung für den Infektionsschutz engagiert, z.B. indem sie Abstands- und Hygieneregeln konsequent - auch im Freien - einhält, Innenräume lüftet und, wo geboten, eine Mund-Nasen-Bedeckung korrekt trägt. Menschenansammlungen - besonders in Innenräumen - sollten möglichst gemieden und Feiern auf den engsten Familien- und Freundeskreis beschränkt bleiben.

Lagebericht

Das RKI geht also davon aus, dass das Sinken der Sterberate hauptsächlich damit zu erklären ist, dass im Laufe der Zeit zunehmend weniger ältere und zunehmend mehr jüngere Personen gemeldet wurden. Da jüngere Personen ein weitaus geringeres Risiko aufweisen, am Coronavirus zu versterben, ginge der beobachtete Rückgang in der Sterberate hauptsächlich auf diese Altersverschiebung bei den infizierten Personen zurück, während das jeweilige Sterberisiko für die verschiedenen Altersgruppen relativ gleichgeblieben sei. Dementsprechend müssten auch die Maßnahmen aufrechterhalten bleiben, weil sich die Sterberate für die verschiedenen Altersgruppen ja nicht groß verändert habe, und alte Menschen nach wie vor hochgefährdet seien.

Eine empirische Prüfung der Erklärung des Robert-Koch Instituts

In der Tat ist es so, dass das Durchschnittsalter der gemeldeten Fälle über die Zeit hinweg deutlich gesunken ist. Aber ist es eigentlich wirklich so, dass die Sterberate in den verschiedenen Altersgruppen über die Zeit hinweg relativ stabil geblieben ist? Diese Frage kann man ganz einfach anhand des vom RKI verfügbar gemachten Datensatzes zu den gemeldeten Coronafällen empirisch prüfen. Dort wird jeweils die Anzahl der an einem Tag neu gemeldeten Fälle angegeben, sowie die Anzahl der an einem Tag gemeldeten Fälle, die später verstorben ist, aufgeteilt nach verschiedenen Altersgruppen. Daraus kann man - wie es das RKI immer in dendienstäglichen Lageberichten für die Gesamtgruppe der gemeldeten Fälle macht - für die verschiedenen Altersgruppen den prozentualen Anteil der in einer Kalenderwoche gemeldeten Fälle bestimmen, welcher verstirbt. Die folgende Abbildung 1 zeigt die Ergebnisse dieser Analyse (die schwarze gestrichelte Linie zeigt den durchschnittlichen Wert über die Altersgruppen hinweg; Stand 18.9.):

Abbildung 1: Der prozentuale Anteil der in einer Kalenderwoche gemeldeten Fälle, welcher verstirbt, aufgegliedert nach den verschiedenen Altersgruppen.

Die in der Abbildung 1 gezeigten Ergebnisse widerlegen die Erklärung des RKI, dass der beobachtete Rückgang in der Sterberate (schwarze gestrichelte Linie in der Graphik) hauptsächlich ein künstlicher Effekt der Altersverschiebung bei den gemeldeten Fällen sei. Die Sterberate ist in allen Altersgruppen substantiell gesunken. Während in der Altersgruppe über 80 Jahre von den Ende März gemeldeten Fällen noch 32% verstorben sind, sind von den in den Kalenderwochen 35-37 gemeldeten Fällen nur noch 5% verstorben; während in der Altersgruppe 60-79 Jahre von den Mitte April gemeldeten Fällen noch 11% verstorben sind, sind von den in den Kalenderwochen 35-37 gemeldeten Fällen nur noch 0,9% verstorben.

Die Altersverschiebung spielt im Vergleich dazu lediglich eine geringe Rolle. Würde sich beispielsweise die Anzahl der infizierten Personen mit einem Alter von über 60 Jahren im Vergleich zu den Kalenderwochen 34-37 verdoppeln, so würde der beobachtete durchschnittliche Fall-Verstorbenen-Anteil über alle Altersgruppen hinweg von 0,1%-0,2% auf 0,3% steigen; würde sich die Anzahl der infizierten Personen mit einem Alter von über 60 Jahren vervierfachen, würde der durchschnittliche Wert über alle Altersgruppen hinweg auf 0,5% steigen. Angesichts der Größenordnung des Rückgangs seit Mitte April (von 7% auf 0,1-0,2%) ist das ein vergleichsweise geringer Wert. Zudem muss man diesen Wert wieder vor dem Hintergrund betrachten, dass die Zahl der "Coronavirus-Todesfälle" auch Todesfälle enthält, welche in Wirklichkeit auf andere Todesursachen zurückzuführen sind, und dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit nach wie vor eine Dunkelziffer von zwar infizierten, aber nicht gemeldeten Fällen gibt, so dass dieser Wert die wahre Wahrscheinlichkeit, an einer SARS-CoV-2 Infektion zu versterben, überschätzt.

Man kann also empirisch festhalten, dass der beobachtete durchschnittliche Rückgang des Anteils der gemeldeten Fälle, welcher verstirbt, nicht hauptsächlich darauf zurückzuschieben, dass inzwischen vermehrt jüngere Menschen als infiziert gemeldet werden. Vielmehr ist die Sterberate in allen Altersgruppen seit Mitte April sehr stark gesunken. Es ist demnach tatsächlich so, dass die vom Coronavirus ausgehende Gefahr aktuell als weitaus geringer einzuschätzen ist, als es noch Mitte April der Fall war. Es könnte damit also wirklich als gerechtfertigt erscheinen, dass ein Jubelschrei durch die Bevölkerung ginge und die einschneidenden Maßnahmen beendet würden.

Mögliche Erklärungen

Bevor man aber zu solchen Schlüssen kommt, ist es wichtig zu klären, welche Gründe es eigentlich für den Rückgang der Sterberate über die Altersgruppen hinweg geben kann. Letztendlich kommen hierfür vier mögliche Gründe in Frage:

Möglicher Grund 1: Reduzierung der Dunkelziffer durch die Ausweitung der Tests

Ein erster Grund könnte sein, dass durch die extreme Ausweitung der Tests von knapp über 330.000 Mitte April auf über 1,1 Millionen in Kalenderwoche 37 die Dunkelziffer von zwar infizierten, aber nicht entdeckten Fällen deutlich reduziert wurde. Da infizierte, aber nicht gemeldete Personen typischerweise nur milde oder gar keine Symptome zeigen, sinkt durch das zusätzliche Entdecken solcher Personen der Anteil der als infiziert gemeldeten Personen, der verstirbt. Dadurch nähert sich der beobachtete Fall-Verstorbenen-Anteil der eigentlich für die Gefahrenbewertung relevanten Wahrscheinlichkeit an, dass eine infizierte Person an einer Coronavirus-Infektion verstirbt (Infizierten-Verstorbenen-Anteil).

Beispielsweise wurde in der damaligen Antikörper-Studie von Hendrik Streek mittels eines Antikörpertests im Zeitraum vom 31. März bis 6. April eine repräsentative Stichprobe zur Gemeinde Gangelt erhoben (919 zufällig ausgewählte Einwohner), mit dem Ziel, die wahre Gesamtanzahl an infizierten Personen zu bestimmen. Basierend auf diesen Daten wurde geschätzt, dass damals die Zahl der zwar infizierten aber nicht gemeldeten Personen deutschlandweit in etwa 10 Mal höher war als die Zahl der offiziell gemeldeten Fälle, und dass die Wahrscheinlichkeit einer infizierten Person zu versterben in Wirklichkeit nur bei 0,37% liegt. Diese Zahl wurde in einer Analyse der mittlerweile relativ zahlreichen weltweiten Antikörperstudien bestätigt, welche über alle Studien hinweg einen geschätzten Wert von 0,27% ergab.

Möglicher Grund 2: Sinkende Gefährlichkeit des Coronavirus

Allerdings liegen die aus den Antikörperstudien geschätzten Sterberaten noch relativ deutlich über dem aktuell beobachteten Fall-Verstorbenen-Anteil. Es muss demnach noch weitere Gründe für den Rückgang des Anteils versterbender Personen geben. Ein zweiter Grund könnte sein, dass die Gefährlichkeit des Virus mit der Zeit abgenommen hat. Prinzipiell kann es hier zwei Möglichkeiten geben.

Eine erste Möglichkeit könnte sein, dass sich das Virus selbst abgeschwächt hat. So wird beispielsweise diskutiert, ob inzwischen genetische Mutationen aufgetreten sind, welche einen milderen Krankheitsverlauf nach sich ziehen. Christian Drosten sagte hierzu beispielsweise in seinem Podcast:

Die phänotypischen Veränderungen, die dabei entstehen können, wären zum Beispiel, dass das Virus noch besser in der Nase repliziert und besser übertragen wird. Aber in der Nase werden wir nicht allzu krank davon. Das heißt, das Ganze wird auf lange Sicht zu einem Schnupfen, der sich für die Lunge gar nicht mehr interessiert. So etwas könnte passieren.

Christian Drosten

Allerdings gehen manche Experten davon aus, dass sich solche Mutationen nicht so schnell durchsetzen und damit den aktuell beobachteten Rückgang in der Sterberate nicht wirklich erklären können. Eine zweite Möglichkeit, warum die Gefährlichkeit des Virus abgenommen haben könnte, ist die Entwicklung von besseren Behandlungsmöglichkeiten. Während man am Anfang wenig über die Krankheit wusste, gibt es inzwischen zahlreiche wissenschaftliche Studien, was zu einer verbesserten Behandlung der Patienten geführt hat. Zudem haben Ärzte und Krankenhauspersonal auch in der Praxis viel durch die Erfahrungen dazugelernt.

Möglicher Grund 3: Sinkende Anzahl von Hoch-Risiko-Personen

Ein dritter Grund für den Rückgang des Fall-Verstorbenen-Anteils könnte sein, dass bereits viele der Hoch-Risiko-Personen an einer Coronavirus-Infektion verstorben sind und damit die Anzahl der Personen, welche potentiell am Coronavirus versterben kann, zunehmend kleiner wird, und damit der Fall-Verstorbenen-Anteil sinkt.

Hinweise darauf liefern beispielsweise Befunde, die zeigen, dass die Anzahl der an und mit dem Coronavirus verstorbenen Personen in einem Land umso geringer ist, umso mehr Personen im Rahmen der Grippewellen in den vergangenen zwei Jahren verstorben sind. Demnach könnte die höhere Anzahl an Coronavirus-Todesfällen in manchen Ländern damit zu erklären sein, dass in solchen Ländern aufgrund der vorherigen schwächeren Grippewellen noch mehr Hoch-Risiko-Personen am Leben waren und deswegen aktuell höhere Sterbezahlen zu verzeichnen sind.

Möglicher Grund 4: Kaum mehr vorhandene Infektionen und zunehmende falsch-positive Testergebnisse

Es gibt noch einen vierten möglichen Grund für den Rückgang des Anteils von gemeldeten Fällen, welcher verstirbt. Über die Zeit hinweg wurde die Anzahl der durchgeführten Tests massiv erhöht. Anfang April wurden wöchentlich in etwa 400.000 Tests durchgeführt, in den Kalenderwochen 35-37 waren es in etwa 1,1 Millionen Tests. Gleichzeitig ist der prozentuale Anteil der erhaltenen positiven Testergebnisse gesunken. Anfang April waren noch 9% der Tests positiv, in den Kalenderwochen 35-37 waren nur noch 0,78% der Tests positiv. Dieses Muster hat eine problematische Konsequenz: Es wurden zunehmend immer mehr Tests an Personen durchgeführt, welche gar keine Infektion aufwiesen. Das ist deswegen ein Problem, weil ein medizinischer Test ein positives Testergebnis liefern kann, obwohl die getestete Person in Wirklichkeit gar nicht infiziert ist - man spricht hier von falsch-positiven Testergebnissen. So hat sich in einer Validierungstudie eines Forscherteams um Christian Drosten zur Qualität der aktuellen Corona-PCR-Tests gezeigt, dass Labore bei Proben, welche das Virus SARS-CoV-2 nicht enthalten, im Schnitt trotzdem in 0,7% der Fälle ein positives Testergebnis rückmelden.

Führt man nun zunehmend immer mehr Tests an nicht infizierten Personen durch, steigt zunehmend die Anzahl der erhaltenen falsch-positiven Ergebnisse. Unter den als infiziert gemeldeten Personen befinden sich also zunehmend immer mehr Personen, die in Wirklichkeit gesund sind und nur ein falsch-positives Testergebnis erhalten haben. Da nicht infizierte Personen, welche nur fälschlicherweise ein positives Testergebnis erhalten, nicht am Coronavirus versterben können, würde der Anteil gemeldeter Fälle, welcher verstirbt, damit zunehmend sinken. Das beobachtete Sinken des Fall-Verstorbenen-Anteils könnte demnach auch darauf zurückzuführen sein, dass zunehmend mehr der gemeldeten Fälle in Wirklichkeit gar nicht infiziert sind, sondern nur ein falsch-positives Testergebnis erhalten haben.

Um sich über die Größenordnung dieses Problems klar zu werden, kann man sich die Testzahlen für den Zeitraum der Kalenderwochen 35-37 ansehen. Ausgehend von der Gesamtanzahl der Tests (3.273.259) und der Anzahl der erhaltenen positiven Ergebnisse (25.607) kann man über die falsch-positiv Rate (laut der erwähnten Validierungsstudie um Christian Drosten 0,7%) und die Sensitivität (Wahrscheinlichkeit, dass der Test bei tatsächlich infizierten Personen auch wirklich ein positives Testergebnis liefert; laut der Validierungsstudie um Christian Drosten liegt dieser Wert bei den aktuellen PCR-Tests bei 95,7%) eines Tests die wahre Anzahl an Infektionen und die Anzahl an erhaltenen echt-positiven und falsch-positiven Testergebnissen statistisch schätzen. Die folgende Abbildung 2 zeigt die entsprechenden Ergebnisse für den Zeitraum der Kalenderwochen 35-37:

Abbildung 2: Die statistisch geschätzte wahre Anzahl von Proben mit SARS-CoV-2 Infektion in den Kalenderwochen 35-37 und die statistisch geschätzte Anzahl von erhaltenen echt-positiven und falsch-positiven Testergebnissen.

Wie Abbildung 2 zeigt, wurden in den Kalenderwochen 35-37 zwar 25.607 positive Testergebnisse registriert. Berechnet man aber ausgehend von einer Sensitivität von 95,7% und einer falsch-positiv Rate von 0,7% die Anzahl an tatsächlich mit dem Coronavirus infizierten Proben, waren in Wirklichkeit nur 2.836 der getesteten 3.273.259 Proben infiziert (0,09%). Von den tatsächlich infizierten Proben erhielten 2.714 korrekterweise ein positives Testergebnis, von den nicht infizierten Proben erhielten 22.893 Proben fälschlicherweise ein positives Testergebnis. Von den insgesamt beobachteten 25.607 positiven Testergebnissen handelte es sich demnach bei 89,4 Prozent in Wirklichkeit um falsch-positive Testergebnisse.

Da mögliche falsch-positive Testergebnisse bei der Berechnung des Fall-Verstorbenen-Anteils vom RKI nicht miteinbezogen werden, könnte der Rückgang des beobachteten Fall-Verstorbenen-Anteils also auch darauf beruhen, dass der Anteil echter Infektionen unter den gemeldeten Fällen stark gesunken, und dafür der Anteil fälschlicherweise als "positiv" diagnostizierten Fälle stark gestiegen ist.

Hier ist allerdings noch ein weiteres interessantes Problem zu beachten: Die falsch-positiv Rate des Corona-PCR-Tests kann auch die Anzahl der gemeldeten "Coronavirus-Todesfälle" verfälschen und künstlich nach oben ziehen. Wie eingangs bereits erwähnt, wird nach wie vor ein Todesfall selbst dann als "Coronavirus-Todesfall" gezählt, wenn die Person zwar an anderen Ursachen verstorben ist, aber ein positives Coronavirus-Testergebnis aufweist. Aufgrund dieser eigenartigen Art der Diagnostik wirken sich falsch-positive Testergebnisse auch auf die Anzahl der gemeldeten Coronavirus-Todesfälle aus. Denn wenn eine eigentlich an anderen Ursachen verstorbene Person fälschlicherweise ein falsch-positives Testergebnis erhalten hat, wird diese Person fälschlicherweise als "Coronavirus-Todesfall gezählt".

Ein Rechenbeispiel: Würde man beispielsweise an 10% der aktuell in Deutschland pro Tag ca. 2.500 versterbenden Personen einen Coronavirus-Test durchführen, so würde man bei einer falsch-positiv Rate von 0,7% selbst dann statistisch im Schnitt 1,75 "Coronavirus-Todesfälle" pro Tag registrieren, wenn in Wirklichkeit keine einzige der 2.500 verstorbenen Personen mit dem Coronavirus infiziert war. Insbesondere wenn wie aktuell pro Tag nur eine sehr geringe Anzahl an Coronavirus-Todesfälle zu verzeichnen ist, würde dadurch die wahre Anzahl der Coronavirus-Todesfälle - und damit auch die Sterberate - deutlich überschätzt. Auch bei den Todesfällen ist es so, dass mögliche falsch-positive Testergebnisse vom RKI bei der Berechnung der Anzahl nicht miteinbezogen werden, was eigentlich bei einer diagnostisch validen Bestimmung der Sterberate gemacht werden müsste.

Konsequenzen für die Beurteilung der vom Coronavirus ausgehenden Gefahr

Fasst man die vier möglichen Gründe für den Rückgang des Fall-Verstorbenen-Anteils über alle Altersgruppen hinweg zusammen, beruht ein Teil des Rückgangs darauf, dass aufgrund der massiven Erhöhung der Testanzahl die Dunkelziffer an zwar infizierten aber nicht entdeckten Personen reduziert wurde. Der beobachtete Fall-Verstorbenen-Anteil spiegelt damit zunehmend die tatsächliche Wahrscheinlichkeit wider, an einer Coronavirus-Infektion zu versterben, welche laut Antikörperstudien in etwa bei 0,27% liegt.

Dass der aktuell beobachtete Anteil versterbender Personen mit 0,1-0,2% sogar noch darunterliegt, kann entweder darauf zurückzuführen sein, dass sich die Gefährlichkeit des Virus abgeschwächt hat, dass ein größerer Anteil der Hoch-Risiko-Personen bereits verstorben ist, oder dass es kaum noch Infektionen gibt und die als "infiziert" gemeldeten Fälle zum Großteil in Wirklichkeit gesund sind, aber falsch-positive Testergebnisse erhalten haben.

Welche der drei Möglichkeiten zutrifft, lässt sich aktuell schwer sagen. Hinsichtlich der Konsequenzen für die Beurteilung der vom Coronavirus ausgehenden Gefahr ist es glücklicherweise aber relativ irrelevant, welche der Möglichkeiten zutrifft. In den ersten beiden Fällen wäre das Coronavirus selbst inzwischen als weitaus weniger gefährlich einzustufen, im dritten Fall wäre die vom Coronavirus ausgehende Gefahr für die Bevölkerung gering, weil aktuell nur noch ein sehr geringes Infektionsgeschehen zu beobachten wäre. Unabhängig davon, welcher Fall konkret zutrifft, wäre die vom Coronavirus für die Bevölkerung ausgehende Gefahr inzwischen in jedem Fall vergleichsweise gering.

Die Überlastung des Gesundheitssystems und die möglichen Langzeitfolgen

Hinsichtlich der Bewertung der Gefahrenlage werden über die Sterberate hinaus oft weitere Kriterien wie eine mögliche Überlastung des Gesundheitssystems oder mögliche Langzeitfolgen für erkrankte Personen genannt.

Hinsichtlich der Überlastung des Gesundheitssystems lässt sich sagen, dass sich ein vergleichbares Muster wie bei der Sterberate auch beim Anteil der als infiziert gemeldeten Personen zeigt, welche hospitalisiert werden müssen. Auch dieser Anteil ist von 22% Mitte April auf inzwischen 5% zurückgegangen. Zudem ist es so, dass selbst in der Hochphase Mitte April bei weitem keine Überlastung des Gesundheitssystems zu erkennen war. So standen beispielsweise laut den damaligen Lageberichten selbst in der Hochphase mehr als 40% der Intensivbetten leer und nur knapp 20% der belegten Intensivbetten waren von Patienten mit Coronavirus-Infektionen belegt.

Hinsichtlich der Langzeitschäden ist zunächst festzuhalten, dass es sich bei den berichteten Fällen um relativ seltene Ereignisse handelt und vergleichbare Langzeitschäden auch bei anderen viralen Erkrankungen wie der Grippe auftreten. So sagte der Virologe Hendrik Streek kürzlich in einem Interview auf die Frage, was von Berichten über schwere Corona-Schäden wie Gehirnschäden bei jungen Leuten ohne Vorerkrankung zu halten sei:

Solche Fälle existieren, sind aber sehr selten. Schwere Langzeitfolgen in seltenen Fällen sind bei viralen Erkrankungen kein neues Phänomen, deshalb ist Alarmismus fehl am Platz.

Hendrik Streek

Weiterhin bleibt noch abzuwarten, inwiefern sich die ersten Hinweise auf mögliche, durch das Coronavirus hervorgerufene Langzeitschäden wissenschaftlich bestätigen lassen. So ist es methodisch relativ schwierig zu klären, inwiefern beobachtete Langzeitschäden ursächlich wirklich auf das Coronavirus zurückgehen. So könnten manche Langzeitschäden auch eine Nebenwirkung der Behandlung darstellen. Überdies bleibt zu klären, ob sich bei den betroffenen Personen manche der beobachteten Beschwerden auch ohne eine Coronavirus-Infektion eingestellt hätten. Zudem wurden einige Studien dramatisiert. So twitterte beispielsweise der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach mit Bezugnahme auf eine Studie, dass angeblich auch viele relativ milde Fälle Monate später erheblich mit Symptomen zu kämpfen hätten, obwohl in der angesprochenen Studie in Wirklichkeit nur hospitalisierte Personen untersucht worden waren.

Das angebliche "Präventionsparadox"

Ein Argument, dass man in Reaktion auf die Forderung nach der Aufhebung der Maßnahmen aufgrund geringer Fallzahlen oft hört, ist das von manchen sogenannte "Präventionsparadox" (für den eigentlichen Hintergrund dieses Begriffs siehe hier). Demnach seien die Fallzahlen deswegen so gering, weil die Maßnahmen wirken würden, und deswegen dürfe man die Maßnahmen nicht aufheben.

Um solche Argumente fundiert bewerten zu können, ist folgende Geschichte des großen Psychologen Paul Watzlawik hilfreich:

In einer Fußgängerzone steht ein Mann und klatscht alle 10 Sekunden in die Hände. Als ein Passant ihn fragt, was er denn tue, antwortet er: "Ich vertreibe die wilden Elefanten." Erstaunt entgegnet der Passant: "Aber hier sind doch gar keine Elefanten." Worauf der klatschende Mann zufrieden lächelt und feststellt: "Sehen Sie, das Klatschen wirkt."

Paul Watzlawik

Diese Geschichte veranschaulicht, dass aus dem alleinigen Beobachten, dass beim Durchführen einer Maßnahme gleichzeitig geringe Fallzahlen auftreten, nicht geschlossen werden kann, dass die Maßnahme etwas bringe. Man kann sich hierzu als Beispiel den Effekt der Einführung der deutschlandweiten Maskenpflicht ansehen. Die Maskenpflicht wurde am 27. April eingeführt, eine Wirkung auf die Anzahl der gemeldeten Infektionen ist laut RKI aufgrund des Zeitabstands zwischen Infektionszeitpunkt und Meldezeitpunkt frühestens nach 2-3 Wochen zu erwarten. Abbildung 3 zeigt den Effekt der Maskenpflicht auf die Fallzahlen:

Abbildung 3: Der Effekt der Einführung der bundesweiten Maskenpflicht auf die Anzahl der gemeldeten Coronavirus-Infektionen.

Da die Fallzahlen zu dem Zeitpunkt des möglichen Wirksamwerdens der Maskenpflicht bereits auf einem sehr geringen Niveau waren, lässt sich aus solchen Beobachtungen keine Evidenz für die Wirksamkeit ableiten. Um einen Effekt wissenschaftlich nachzuweisen, bräuchte man eine Vergleichsgruppe ohne Maskenpflicht. Würde man dann beobachten, dass die Fallzahlen in der Gruppe mit Maskenpflicht geringer sind, ließe sich allerdings noch immer nicht notwendigerweise irgendetwas daraus ableiten. Ein Beispiel ist die sogenannte "Jena-Studie":https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/113598/COVID-19-Jena-hat-durch-fruehe-Maskenpflicht-viele-Infektionen-vermieden:, in welcher die frühe Einführung der Maskenpflicht in Jena mit anderen Städten ohne Maskenpflicht verglichen wurde.

Das Problem bei solchen Studien ist: Je nachdem, welche Vergleichsgruppe man wählt, können die Ergebnisse anders aussehen. Abbildung 4 zeigt auf der linken Seite die Ergebnisse aus der "Jena-Studie" und auf der rechten Seite den Vergleich der Fallzahlen zwischen Spanien, als einem Land mit einer der extremsten Maskenpflichten (landesweit gilt dort eine Pflicht zum Tragen einer Mund- und Nasenbedeckung an allen öffentlichen Orten innerhalb und außerhalb geschlossener Räume sowie in öffentlichen Verkehrsmitteln ab 6 Jahren), und Schweden, als einem Land ohne Maskenpflicht (Quelle: Our World in Data:

Abbildung 4: Auf der linken Seite ist die Entwicklung der Fallzahlen in Jena im Vergleich zu anderen Städten laut der "Jena-Studie" zu sehen (Masken scheinen hier einen positiven Effekt zu haben), auf der rechten Seite die Entwicklung der Fallzahlen in Spanien, als einem Land mit einer der extremen Maskenpflichten, und Schweden, als einem Land ohne Maskenpflicht (Masken scheinen hier einen negativen Effekt zu haben).

Wie Abbildung 4 eindrücklich illustriert, lassen sich aus Studien, in denen einfach verschiedene Orte mit unterschiedlichen Maßnahmen zum Vergleich ausgewählt werden, relativ beliebige Ergebnisse ableiten. Um die Wirkung einer Maßnahme wirklich evidenzbasiert nachzuweisen, sind Studien notwendig, in welchen Gruppen von Personen zufällig einer Bedingung mit bzw. ohne Maßnahme zugewiesen werden (sog. randomisierte kontrollierte Studien). Solche Studien existieren bisher nicht in Bezug auf das neue Coronavirus. Allerdings existieren solche Studien beispielsweise zur Effektivität von Masken in Bezug auf das Grippevirus, und dort heißt es in einer kürzlich erschienenen Überblicksarbeit (Übersetzung durch den Autor):

Wir fanden keine empirische Evidenz dafür, dass chirurgische Gesichtsmasken zum Verringern der Übertragung einer laborbestätigten Influenza etwas beitragen, weder wenn sie von Infizierten selbst getragen werden, noch, wenn sie von der allgemeinen Bevölkerung getragen werden um die Anfälligkeit zu vermindern.

Angesichts der bisherigen Studienlage zur Wirksamkeit von Masken auf die Eindämmung von Viren und aufbauend auf einer kritischen Bewertung der inzwischen existierenden Studien zum neuen Coronavirus schließt Prof. Ines Kappstein, Fachärztin für Mikrobiologie, Virologie, Infektionsepidemiologie, Hygiene und Umweltmedizin, in einem kürzlich erschienenen Artikel in der Fachzeitschrift Krankenhaushygiene up to date, der auch von der Ärztekammer als Ärztliche Fortbildung zertifiziert wurde:

"Der Gebrauch von Masken im öffentlichen Raum ist schon allein aufgrund des Fehlens von wissenschaftlichen Daten fragwürdig. Zieht man dazu noch die erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen in Betracht, müssen Masken nach den aus Krankenhäusern bekannten Regeln im öffentlichen Raum sogar als ein Infektionsrisiko betrachtet werden.“

Ähnlich ist die Befundlage in Bezug auf die weiteren ergriffenen Maßnahmen. Wie Abbildung 5 zeigt, wurden in Deutschland Maßnahmen wie die Schließung von Kindertagesstätten und Schulen oder der "Lockdown" zu einem Zeitpunkt etabliert, als die Virusausbreitung bereits gering war (R-Wert unter 1), ein zusätzlicher Effekt der Maßnahmen lässt sich nicht erkennen:

Abbildung 5: Geschätzte Virusausbreitung (effektive Reproduktionszahl) in Deutschland (Quelle: RKI). Die X-Achse zeigt das Datum des Symptombeginns bzw. den Infektionszeitpunkt (rotes Datum). Die roten vertikalen Linien zeigen jeweils das Datum bezogen auf den Infektionszeitpunkt an, wann die drei zentralen Maßnahmen in Deutschland etabliert wurden.

Auch hier trifft also womöglich die obige Geschichte vom Klatschen in der Fußgängerzone zum Vertreiben wilder Elefanten zu (für eine vertiefte Diskussion siehe folgenden Artikel). In der Tat weiß man aus Studien zu früheren Epidemien, dass beispielsweise Schulschließungen nur marginale Auswirkungen auf die Verbreitung von SARS-1 in China, Hongkong und Singapur hatten.

Hinsichtlich des sogenannten "Präventionsparadox" müsste man zunächst also einmal die Wirksamkeit der Maßnahmen wissenschaftlich fundiert nachweisen. In Bezug auf die Beobachtung einer seit Wochen sinkenden Sterberate kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu, welcher eine Erklärung über das Wirken von Maßnahmen unwahrscheinlich macht. Wenn überhaupt, dann könnten die ergriffenen Maßnahmen die Wahrscheinlichkeit reduzieren, dass sich weitere Personen infizieren. Es ist aber nicht wirklich ersichtlich, wie die ergriffenen Maßnahmen, nachdem man sich infiziert hat, die Schwere des Krankheitsverlaufs - also z.B. die Sterberate - beeinflussen sollen. Spekulationen, dass sich beispielsweise das Tragen von Alltagsmasken womöglich auf die Krankheitsschwere auswirken könnte, hält selbst Christian Drosten für äußerst unwahrscheinlich. So sagte er bei der Expertenanhörung im Bundestag am 9. September:

Wir wissen nicht, ob nicht die Verwendung von Alltagsmasken in großer Verbreitungsweite, ob das nicht dazu führt, dass im Durchschnitt die erhaltene Virusdosis in einer Infektion geringer ist, und dass dann im Durchschnitt auch der Krankheitsverlauf weniger schädlich sein könnte. Das ist eine reine Spekulation, dazu gibt es keine wissenschaftlichen Belege. Und es gibt umgekehrt eben Länder, von denen man sagen kann, es wurde durchgängig von Anfang an Maske getragen, dazu gehören sehr viele asiatische Länder, und trotzdem ist es zu großen Ausbrüchen gekommen.

Christian Droste

Schlussfolgerung

Angesichts der beschriebenen Datenlage ist die Beobachtung, dass der Anteil der gemeldeten Coronavirus-Fälle, welcher verstirbt, auf einen sehr geringen Wert gesunken ist, in der Tat so zu interpretieren, dass die vom Coronavirus für die Bevölkerung ausgehende Gefahr inzwischen vergleichsweise gering ist. Es wäre demnach wirklich an der Zeit, der Bevölkerung diese gute Nachricht zu vermitteln.

Angesichts dessen, dass verglichen mit anderen Krankheiten wie der Grippe damit keine wirklich große Gefahr mehr vom Coronavirus für die Bevölkerung ausgeht, wäre es zudem an der Zeit, die epidemische Lage von nationaler Tragweite als beendet zu erklären und die einschneidenden Maßnahmen aufzuheben.

Prof. Dr. Christof Kuhbandner ist Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogische Psychologie VI an der Universität Regensburg.