Coronavirus: Das Aufrechterhalten der Maßnahmen trotz einer dramatisch gesunkenen Sterberate

Bild: NIAID/CC BY-2.0

Eine kritische Betrachtung

Seit Wochen sterben immer weniger der vom Coronavirus infizierten Personen. Während Mitte April von 1.000 gemeldeten Fällen noch 70 verstarben (7%), verstarben in den Kalenderwochen 34-37 (17.8.-13.9.) von 1.000 gemeldeten Fällen nur noch ein bis zwei Personen (0,1-0,2%). Das Robert-Koch Institut erklärt dieses Phänomen damit, dass sich aktuell mehr jüngere Menschen infizieren, und geht nach wie vor von einer großen Gefahr für die Bevölkerung aus. Aber ist dem wirklich so? Eine kritische Prüfung.

Eigentlich gibt es sehr gute Nachrichten: Seit Wochen sterben zunehmend immer weniger der gemeldeten Coronavirus-Fälle. Während von den in der 16. Kalenderwoche (Mitte April) gemeldeten Fällen von 1.000 Fällen noch 70 verstarben (7%), verstarben von den in der 34. bis 37. Kalenderwoche (Mitte August bis Mitte September) gemeldeten Fällen von 1.000 Fällen nur noch ein bis zwei Personen (0,1-0,2%). Lokal ist der Anteil der versterbenden Personen sogar noch geringer. So ist beispielsweise in der Stadt München (1,47 Millionen Einwohner) von den in den Kalenderwochen 31-37 (27.7.-13.9.) gemeldeten 2.682 Fällen bisher keine einzige Person verstorben (Quelle: NPGEO Corona Hub 2020, RKI, Stand 20.9.; siehe auch Täglicher Lagebericht des RKI vom 15.9., Tabelle 3; in den Kalenderwochen 36 und 37 sind die Zahlen noch mit etwas Unsicherheit behaftet, da der weitere Krankheitsverlauf noch nicht bei allen Personen klar ist).

Die wahre Sterberate ist noch geringer

Die wahre Sterberate ist vermutlich sogar noch deutlich geringer als in den Kalenderwochen 34-37 beobachtet. Die nach wie vor verfolgte Praxis ist es, einen Todesfall selbst dann als "Coronavirus-Todesfall" zu zählen, wenn die Person zwar an anderen Ursachen verstorben ist, aber ein positives Coronavirus-Testergebnis aufweist. So schreibt das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit auf ihrer offiziellen Seite zu den Corona-Fallzahlen:

Als Todesfälle werden Personen gezählt, die mit und an SARS-CoV-2 verstorben sind, sowie Personen, bei denen die Ursache unbekannt ist. Mit SARS-CoV-2 verstorben bedeutet, dass die Person aufgrund anderer Ursachen verstorben ist, aber auch ein positiver Befund auf SARS-CoV-2 vorlag. An SARS-CoV-2 verstorben bedeutet, dass die Person aufgrund der gemeldeten Krankheit verstorben ist. ‚Personen, bei denen die Ursache unbekannt ist‘ bedeutet, dass ein positiver SARS-CoV-2-Befund vorlag, die eigentliche Todesursache jedoch unbekannt ist.

LGL

Aufgrund dieser eigenartigen Art der Diagnostik, einen Todesfall als "Coronavirus"-Todesfall zu zählen, auch wenn eine Person eigentlich an anderen Ursachen verstorben ist, wird die wahre Sterberate überschätzt. So sind laut den offiziellen Angaben des Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit von den als "Coronavirus-Todesfälle" gezählten Todesfällen in Bayern 11 Prozent in Wirklichkeit an anderen Ursachen verstorben, bei einem Prozent ist die Todesursache unbekannt. Sollten diese Werte für Deutschland repräsentativ sein und würde man die eigentlich fälschlicherweise hinzugezählten Todesfälle aus der Berechnung der Sterberate herausnehmen, wäre die Sterberate sogar noch geringer.

Weiterhin ist es wichtig sich klarzumachen, dass es sich bei den obigen Werten nur um den sogenannten Fall-Verstorbenen-Anteil handelt, welcher die Wahrscheinlichkeit abbildet, dass eine als infiziert gemeldete Personen verstirbt. Ausschlaggebend für die von einem Virus ausgehende Gefahr für die Bevölkerung ist aber eigentlich der Infizierten-Verstorbenen-Anteil, welcher die Wahrscheinlichkeit abbildet, dass eine infizierte Person verstirbt, unabhängig davon, ob sie gemeldet ist oder nicht.

Da es vermutlich trotz der aktuell sehr hohen Testanzahl nach wie vor eine Dunkelziffer an zwar infizierten aber nicht gemeldeten Personen gibt, ist der Infizierten-Verstorbenen-Anteil mit hoher Wahrscheinlichkeit kleiner als der aktuell beobachtete Fall-Verstorbenen-Anteil (größer kann er nicht sein). Nimmt man die beiden angesprochenen Punkte zusammen, so liegt die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit an einer SARS-CoV-2 Infektion zu versterben aktuell vermutlich sogar noch deutlich unter 0,1%.

Eigentlich gute Nachrichten

Angesichts solch guter Nachrichten wäre eigentlich zu erwarten, dass ein Jubelsturm durch die Medien und die Bevölkerung geht, da inzwischen vom neuen Coronavirus offenbar weitaus weniger Gefahr ausgeht, als es anfänglich der Fall war.

Da man in einer "normalen" Grippesaison davon ausgeht, dass 0,1% - 0,2% der mit dem Grippevirus infizierten Personen versterben, wäre zudem eigentlich zu erwarten, dass die "epidemische Lage von nationaler Tragweite" aufgehoben wird, die nach wie vor eingeschränkten Grundrechte wieder vollumfänglich hergestellt und die mit negativen Nebenwirkungen behafteten Maßnahmen wie beispielsweise die Maskenpflicht an Schulen beendet werden.

Die Erklärung des Robert-Koch-Instituts und die Aufrechterhaltung der Maßnahmen

Allerdings ist all dies nicht der Fall, und es ist eine interessante Frage, warum dem eigentlich nicht so ist. Eine Erklärung liefert der tägliche Lagebericht des Robert-Koch Instituts (RKI). Dort wird zwar auf die sinkende Sterberate explizit hingewiesen, dieses Phänomen wird aber folgendermaßen erklärt:

Aktuell versterben immer weniger der berichteten Fälle. Dies liegt hauptsächlich daran, dass relativ viele junge Menschen neu diagnostiziert werden, von denen relativ wenige schwer erkranken und versterben.

Lagebericht vom 15. September

Aufbauend auf dieser Erklärung wird dann geschlossen, dass nach wie vor eine große Gefahr vom Coronavirus für die Bevölkerung ausgehe, und die Maßnahmen deswegen aufrechterhalten werden müssten. So schreibt das RKI weiter:

Wir müssen dennoch eine erneute Zunahme der Neuinfektionen vermeiden. Insbesondere müssen wir verhindern, dass, wie zu Beginn der Pandemie, wieder vermehrt ältere und besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen erkranken. Sollten sich wieder vermehrt ältere Menschen infizieren, muss auch mit einem Wiederanstieg der Hospitalisierungen und Todesfälle gerechnet werden. (…) Daher ist es weiterhin notwendig, dass sich die gesamte Bevölkerung für den Infektionsschutz engagiert, z.B. indem sie Abstands- und Hygieneregeln konsequent - auch im Freien - einhält, Innenräume lüftet und, wo geboten, eine Mund-Nasen-Bedeckung korrekt trägt. Menschenansammlungen - besonders in Innenräumen - sollten möglichst gemieden und Feiern auf den engsten Familien- und Freundeskreis beschränkt bleiben.

Lagebericht

Das RKI geht also davon aus, dass das Sinken der Sterberate hauptsächlich damit zu erklären ist, dass im Laufe der Zeit zunehmend weniger ältere und zunehmend mehr jüngere Personen gemeldet wurden. Da jüngere Personen ein weitaus geringeres Risiko aufweisen, am Coronavirus zu versterben, ginge der beobachtete Rückgang in der Sterberate hauptsächlich auf diese Altersverschiebung bei den infizierten Personen zurück, während das jeweilige Sterberisiko für die verschiedenen Altersgruppen relativ gleichgeblieben sei. Dementsprechend müssten auch die Maßnahmen aufrechterhalten bleiben, weil sich die Sterberate für die verschiedenen Altersgruppen ja nicht groß verändert habe, und alte Menschen nach wie vor hochgefährdet seien.