Coronavirus: Epidemiologisch wirksame Maßnahmen in China

Bild: Niaid/CC BY-2.0

Authentische Berichte werfen erneut die Frage auf, warum Europa nicht mehr von Asien lernt

Am Wochenende habe ich einen sehr entfernten Bekannten in Peking ausfindig gemacht und Mailkontakt aufgenommen. Er hatte in den 1980er Jahren in Deutschland in Chemie mit Auszeichnung promoviert und später mehrere Medizintechnik-Unternehmen in China mitgegründet.

Autor: Ich wäre sehr daran interessiert, was in China zur Zeit Stand der Forschung über die Krankheit ist - insbesondere was man über Ausbreitungs- und Ansteckungswege weiß

Antwort (nur Tippfehler editiert):

Wir sind auch sehr besorgt über die Situation in Europa. Da passiert genauso das, was in Wuhan abgelaufen war. An sich haben wir keine richtige Antwort auf Deine Frage. Ich kann vielleicht Einiges sagen, was im Allgemeinen bei uns als richtig akzeptiert ist:

1. Nichts tun bis zur plötzlichen Überlast der Krankenhäuser und Panik-Ausbruch, die erste Stufe ist 6-8 Wochen (Deutschland ist in dieser Phase), dann geht es schnell in die zweite Stufe (Italien und Spanien jetzt)
2. Wuhan hat einen großen Fehler gemacht, dass in der zweiten Stufe die Infizierten zuhause gelassen wurden, um Krankenhäuser zu entlasten. Infolgedessen ist die ganze Familie angesteckt und (ich habe keine Daten, gefühlsmäßig scheint in solchen Familien die selbst-heilende Wirkung ausgesetzt) häufig sterben davon mehrere. Viele waren nicht mal getestet, so dass in Wuhan die Mortalität bestimmt viel höher liegt als die statistischen Zahlen.
3. Die Katastrophe konnte relativ schnell gestoppt werden, (A) wenn die Infizierten zentral versorgt wurden. Wuhan hat dann einige großen Hallen umfunktioniert und eine 99.9%iges Durchscreening der Bevölkerung gemacht. Circa 6 Wochen, Problem gelöst. Gestern war zum ersten Mal Null gemeldet. (B) Mehrere hunderte full-function teams wurden nach Wuhan geschickt um die dortige Hospitalversorgung zu übernehmen. Die lokale Belegschaft konnte abgelöst werden.
4. In allen anderen Städten war die Situation durch die drastische Verfolgung und Isolierung der Kontaktpersonen der ersten Patienten schnell unter Kontrolle. Ich glaube, das ist der entscheidende Faktor des Sieges in allen Städten außerhalb Wuhans. Es war massiver Einsatz, polizeilich, Sozialarbeiter, CDC-Personal und Daten-technische Einsätze… ein unglaublich dichtes Netz.
5. Die Tatsache, dass die Massen alle zuhause geblieben waren und alle Masken getragen haben, hatte wahrscheinliche Wirkung. Ich kann nicht abschätzen, wie entscheidend es war. Alle chinesischen Epidemiologen glauben daran.
6. Solange die Krankenhäuser nicht überfordert waren, war die Heilungsrate sehr hoch, unabhängig von medizinischen Sophistication. Ja, es macht Unterschied zwischen 0.4% und 2.5%, aber nicht entscheidend für den "Krieg". Es gab kein klares Behandlungsrezept, wohl Erfahrung der Pneumonie Behandlungen. Die medizinische Guideline wurde 7 Mal überarbeitet. (Sehr lesenswert).

Ich hoffe, dass es bei Euch alles gut gehen wird, ihr habt sehen können was in Wuhan und im Rest von China passiert. Es war eine Katastrophe in Wuhan, viel grausamer als wir denken können. Viele Alten starben zuhause, reihenweise Ärzte und Schwestern waren gefallen und viele gestorben. Aber im Rest von China haben wir es wirklich gut geschafft. Diese Woche geht es wieder los mit Essen-gehen.

Viele Grüße …

Anmerkungen

1. Die Schilderung deckt sich weitgehend mit Donald McNeil von der NYT, der kürzlich China besucht hat. McNeil erwähnt zusätzlich die separaten Erstaufnahmen und Diagnostikzentren für COVID-19-Patienten: Fiebermessen, Kontaktpersonen erfassen, schnelle Zählung der weißen Blutkörperchen, Grippe-Schnelltest, mobile Stationen für Lungen-CTs, dann PCR-Test innerhalb von Stunden.
2. Neben der Ausweitung der Testkapazitäten habe ich Fieber-Screenings bisher wenig erwähnt. Dabei wäre es sicher eine sehr effiziente Maßnahme, die Verbreitung zu unterbinden. Günstig und ohne viel Personalaufwand könnte es an Flughäfen, Bahnhöfen, U-Bahn-Stationen, öffentlichen Gebäuden und Supermärkten durchgeführt werden. Die schnelle Isolierung von Infizierten ist sicher wichtig.
3. Weiter wird in den asiatischen Ländern der öffentliche Raum großflächig desinfiziert, wohl nicht ohne Grund. Auch das ist in Innenstädten sicherlich sinnvoll.
4. Die Wohnsituation ist in China sicherlich beengter. Trotzdem wird die Ausbreitung in den Familien hier wohl nicht genügend verhindert.
5. Ein weiterer Unterschied zu China liegt in der Konzentration der Krankheitsherde. In Europa ist die Situation nur in wenigen Gebieten (Lombardei) ähnlich extrem wie in Wuhan. Umgekehrt gibt es praktisch keine Regionen mehr, in denen das Unterbrechen der Infektionsketten noch genügt. Ärzteteams, die andere Regionen versorgen können, hat Europa nicht. Die Belastung des medizinischen Personals ist daher enorm.
6. Wie McNeil erkenne ich wenig spezifische Elemente eines "Polizei- und Überwachungsstaates", die hier zum Einsatz kamen. Fieberthermometer sind nicht demokratiefeindlich. Soviel sollte Europa lernen.
7. Zur Frage der "kulturellen Kompatibilität" von Gesichtsmasken fällt mir nur ein, dass manche kulturelle Praktiken auch zum Aussterben führen können, so wie die Waschung von Ebola-Toten. Ein Verzicht auf Masken aus diesem Grund wäre wohl eine Nominierung für einen kollektiven Darwin-Award. Etwas Off-Topic: Ein neuer Bericht aus einem Krankenhaus in New Orleans hier.

Vertrauliche Informationen an den Autor unter coronavertraulich@protonmail.com. Meinungen sind im Forum besser aufgehoben.

Dr. Alexander Unzicker ist Physiker, Jurist und Sachbuchautor. Sein Buch "Wenn man weiß, wo der Verstand ist, hat der Tag Struktur - Anleitung zum Selberdenken in verrückten Zeiten" erschien 2019 im Westend-Verlag.

. (Alexander Unzicker)