Coronavirus: Streit um Inzidenzwerte als "Mutter aller Zahlen"

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist vollständig geimpft, 61 Prozent erhielten mindestens eine Dosis. Eine sterile Immunität ergibt sich daraus nicht - aber weniger schwere Verläufe

Während die Impfquoten in Deutschland und der EU steigen, ist hierzulande der Streit über die Bedeutung der reinen Corona-Infektionszahlen als politisches Entscheidungskriterium voll entbrannt. Die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz sollte nach Ansicht des Robert Koch-Instituts weiterhin der Leitindikator für die Infektionsdynamik bleiben. Das geht aus einem Papier hervor, das der Chef des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, am Montag bei einer Schaltkonferenz mit den Chefs der Staatskanzleien der Länder präsentierte.

"Inzidenz ist Leitindikator für Infektionsdynamik (hohe Inzidenzen haben zahlreiche Auswirkungen", heißt es in dem Papier, das der Deutschen Presseagentur vorliegt und über das zuerst die Bild und The Pioneer berichtet hatten. Die Zahl der registrierten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen bleibe wichtig, um die Situation in Deutschland zu bewerten und frühzeitig Maßnahmen zur Kontrolle zu initiieren. In der Schaltkonferenz soll es deshalb zu größeren Diskussionen gekommen sein, weil manche Bundesländer die Inzidenz als wichtigstes Kriterium inzwischen ablehnen.

In der Bild kommentierte der Verleger und Publizist Wolfram Weimer sogleich, der Inzidenzwert sei "nicht die Mutter aller Zahlen". Am 11. Juli hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vielversprechend getwittert, die Corona-Inzidenzwerte verlören an Aussagekraft, da die gefährdeten Risikogruppen geimpft seien.

Inzwischen sind es auch zahlreiche Menschen mittleren und jüngeren Alters ohne relevante Vorerkrankungen. Insgesamt 50,2 Prozent der Bevölkerung haben laut RKI bereits die zweite Impfdosis erhalten, 61,1 Prozent mindestens eine.

Zur aktuellen Lage heißt es in dem RKI-Papier, dass die Inzidenzen seit rund drei Wochen wieder steigen, der Anteil der Hospitalisierungen seit rund zwei Wochen. "Die vierte Welle hat begonnen." Hohe Impfquoten alleine seien nicht ausreichend, um sie flach zu halten. Zusätzliche "Basisschutz-Maßnahmen" seien nötig, damit die Patientenzahlen in Krankenhäusern nicht zu hoch würden. Als Beispiel wird die Reduzierung von Kontakten und Mobilität genannt.

Die Gesundheitsämter hatten dem RKI zuletzt 2.768 Corona-Neuinfektionen binnen eines Tages gemeldet. Der Inizidenzwert stieg damit auf 15,0. Die Inzidenz war in der Pandemie bisher Grundlage für viele Corona-Einschränkungen, etwa im Rahmen der Ende Juni ausgelaufenen "Bundesnotbremse". Bei Überschreitung eines Schwellenwertes von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen sind demnach "breit angelegte Schutzmaßnahmen zu ergreifen, die eine schnelle Abschwächung des Infektionsgeschehens erwarten lassen".

Künftig sollen aber nun weitere Werte wie Krankenhauseinweisungen stärker berücksichtigt werden. Deutschlandweit wurden nach aktuellen RKI-Angaben binnen 24 Stunden 21 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus verzeichnet. Vor einer Woche waren es 19 Tote gewesen.

Wahrscheinlichkeit der Ansteckung durch Geimpfte unklar

Soviel scheint klar: Das Virus lässt sich nicht einfach ausrotten. Mit reduzierter Wahrscheinlichkeit kann es auch von Geimpften, die gegen schwere Krankheitsverläufe geschützt sind, weitergegeben werden - um welchen Faktor die Infektiösität durch eine Impfung sinkt, ist noch unklar. Die Wahrscheinlichkeit, trotz vollständiger Impfung positiv auf das Virus getestet zu werden, sei sehr niedrig, aber nicht ausgeschlossen, erklärt das Robert Koch-Institut (RKI) auf seiner Internetseite in der Rubrik "Häufig gestellte Fragen" (FAQ).

Das ergäben Daten aus Zulassungsstudien und Untersuchungen im Rahmen der breiten Anwendung. "In welchem Maß die Impfung darüber hinaus die Übertragung des Virus weiter reduziert, kann derzeit nicht genau quantifiziert werden. Auf Basis der bisher vorliegenden Daten ist davon auszugehen, dass die Viruslast bei Personen, die trotz Impfung mit SARS-CoV-2 infiziert werden, stark reduziert und die Virusausscheidung verkürzt ist."

Bereits im Mai hatte der Charité-Virologe Christian Drosten gewarnt, wer sich aktiv gegen eine Impfung entscheide, werde sich früher oder später infizieren. Das sage er "ohne jede Wertung". Wertungen werden allerdings inzwischen reichlich abgegeben. Der Druck auf Ungeimpfte wächst trotz fehlender verlässlicher Daten zum Übertragungsrisiko durch Geimpfte.

Während Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) laut darüber nachdenkt, Ungeimpfte von Kino- und Restaurantbesuchen auszuschließen, zeichnet sich zumindest ab, dass Corona-Tests, die ersatzweise als Einlasskriterium gelten könnten, für sie bald nicht mehr kostenlos sein werden. Das fordern zum Beispiel die Berliner SPD-Landesvorsitzende Franziska Giffey und der er Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt.

Nach Drostens Schätzung wird die Bevölkerung in Deutschland ungefähr in den kommenden eineinhalb Jahren immun - zum Teil durch die Impfung, zum Teil durch natürliche Infektion. (Claudia Wangerin)