Coronavirus: "Verhinderung einer unerwünschten räumlichen Dichte von Menschen"

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Der Virologe Martin Stürmer zu den Maßnahmen der Bundesregierung, der mangelnden transnationalen Koordinierung und der Notwendigkeit, schnell Neu-Infektionen zu verhindern

Am Montag beschloss die Bundesregierung, nun auch fast alle Geschäfte zu schließen. Das gehört zu den Maßnahmen, die etwas unlogisch erscheinen können: In Bekleidungsgeschäften z.B. hat man doch immer Abstand von 1-2 Metern zu anderen Leuten. Manches erscheint eher wie Aktionismus. Oder gibt es dafür tatsächlich medizinische und anti-virale Gründe?
Martin Stürmer: Die Maßnahmen dienen letztendlich dazu, Menschenansammlungen zu vermeiden. Offene Geschäfte bewirken, dass Menschen in die Einkaufszentren oder Fußgängerzonen kommen und es damit doch zu einer unerwünschten räumlichen Dichte von Menschen kommt. Natürlich ist das auch der Fall, wenn z.B. Supermärkte und Drogerien weiterhin aufbleiben, aber insgesamt wird die Menge an Kontaktmöglichkeiten doch deutlich reduziert.
Die Beschlüsse kamen aber nun mit einer Rasanz, die man von der Politik eher nicht kennt. Wie bewerten Sie als anerkannter Mann vom Fach denn die Ereignisse seit den ersten Corona/Covid19-Verdachtsfällen in Deutschland?
Martin Stürmer: Die getroffenen Entscheidungen seit den ersten Fällen in Deutschland sind immer ein Spagat zwischen Unterdrückung der Erreger-Verbreitung und der Beschneidung des öffentlichen Lebens gewesen. Anfänglich hat das auch funktioniert, zumindest im Hinblick auf den bekannten Infektions-Cluster in Bayern (Webasto) und die zwei Fälle in Germersheim (China-Rückkehrer).
Spätestens nach dem Auftreten neuer Fälle in Norditalien hat sich das Bild geändert, die in Deutschland anschließend neu aufgetretenen Infektionsketten waren zum Teil nicht mehr nachvollziehbar. Man hat von Seiten der zuständigen Behörden die Maßnahmen an die jeweilige Situation angepasst und muss aktuell erkennen, dass es ohne sehr starke Einschnitte in das öffentliche Leben nicht mehr möglich ist, den Anstieg der Fallzahlen abzuschwächen.
Kamen einige Verbote für Sie zu spät? Andere zu früh? Waren auch Zeitpläne z.B. von Bund, Ländern, Kommunen nicht genug abgestimmt? Selbst Spitzenpolitiker wie Ministerpräsidentin Dreyer bezeichneten ja manches am Montag als konfus …
Martin Stürmer: Man kann sicherlich im Nachhinein über den richtigen Zeitpunkt der Maßnahmen diskutieren, aber wie schon oben erwähnt, haben die Behörden jede Entscheidung im situativen Kontext gefällt. Dass in einem föderalen System nicht alle Maßnahmen koordiniert getroffen werden, liegt in der Natur des Systems, außerdem war und ist das Ausbruchsgeschehen in Deutschland sehr heterogen mit Schwerpunkten in Bayern, Baden-Württemberg und vor allem in Nordrhein-Westfalen. Dementsprechend waren die Maßnahmen in den einzelnen Bundesländern auch unterschiedlich ausgeprägt.

"Ein transnational abgestimmtes und einheitliches Vorgehen wäre optimal"

Nach den ersten Maßnahmen in Wuhan wie z.B. Ausgangssperren gab es heftige Reaktionen im Westen. Seit Sonntagabend dürfen sich nun in Österreich keine Gruppen von mehr als drei Personen mehr in der Öffentlichkeit frei bewegen. Auffällig ist ja neben der Relativierung solcher Maßnahmen auch, dass jedes Land in Europa ganz anders reagiert. Gibt es denn keine medizinisch begründeten Listen an Maßnahmen als unverhandelbare Referenzpunkte, die generell gelten? Ist da im Vorhinein nicht sehr viel versäumt worden in der transnationalen Abstimmung?
Martin Stürmer: Ein transnational abgestimmtes und einheitliches Vorgehen wäre optimal. Durch die Verkündung des internationalen Gesundheitsnotstands hat sich die WHO zumindest die Option eröffnet, Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionszahlen zu empfehlen. Die Realität sieht allerdings anders aus, es stehen mehrheitlich nationale Interessen im Vordergrund, dementsprechend sind die Maßnahmen in der Regel kaum koordiniert. Ein rechtlich verbindlicher Maßnahmen-Katalog für alle WHO-Mitglieder dürfte eher utopisch sein, aber vielleicht kommt es ja im Rahmen der aktuellen Pandemie zur Einsicht, allerdings habe ich da meine Zweifel.

"Wir müssen bei 1% Mortalität auch von ca. 500.000 zusätzlichen Toten in Deutschland ausgehen"

Auch in der medialen Berichterstattung geht vieles durcheinander, was das Tohuwabohu erhöht … Man könnte naiv fragen: Wenn die meisten Infizierten keine größeren Schäden davontragen, was ist so schlimm an Covid19?
Martin Stürmer: Wenn wir es nicht schaffen, die Anzahl an Neuinfektionen zu reduzieren, werden aufgrund der fehlenden Immunität in der Bevölkerung relativ schnell relativ viele Menschen schwer krank. Gehen wir mal von 50 Millionen Infizierten in Deutschland aus und nehmen davon 5% sehr schwere Fälle, so landen wir immerhin bei 2,5 Mio. zusätzlichen Patienten auf den Intensivstationen. Diese Anzahl würde das Gesundheitssystem überlasten.
Daher ist es notwendig, so wenig wie möglich Neu-Infektionen zeitgleich zuzulassen. Aber auch wenn wir die Infektionskurve flach halten können, bleiben die Absolutzahlen gleich, d.h. wir müssen bei 1% Mortalität auch von ca. 500.000 zusätzlichen Toten in Deutschland ausgehen.
Als worst case in gesundheitspolitischer wie gesamtgesellschaftlicher Hinsicht wird ja betrachtet, dass es über eine Million Schwererkranke mit intensivmedizinischem Bedarf gibt, was die Intensivmedizin bundesweit überlasten könnte. Dieses wiederum hätte nach Einschätzung der Politik zur Folge, dass das Land generell existenziell getroffen würde. Ist dies der worst case? Ist die Prognose nach Ihrer Einschätzung realistisch?
Martin Stürmer: Der worst case wäre tatsächlich, wenn die in der vorherigen Frage genannte Zahl von schwer Erkrankten zeitnah medizinisch betreut werden müssten. Aktuell gehen wir davon aus, dass die getroffenen Maßnahmen sowie ggf. der nahende Frühling dafür sorgen, dass sich die Anzahl der Infizierten über einen größeren Zeitraum verteilt.
Wenn man in der vergangenen Woche an den zwei Tagen der "Eskalation" bzw. seitdem gar keine Nachrichten verfolgte, könnte man sich nun fast in einem Horrorfilm wähnen. Für Sie als renommierter Virologe und High-profile-Mediziner: Lag so etwas in Ihrer Vorstellungskraft, was nun passiert im öffentlichem Leben?
Martin Stürmer: Tatsächlich kennt man solche Szenarien eher aus Filmen oder Büchern. In den letzten Jahren hat es in Europa trotz SARS und "Schweinegrippe" keine Notwendigkeit zu solch restriktiven und einschneidenden Maßnahmen gegeben, und auch der große EBOLA-Ausbruch in Westafrika hat Europa nicht wirklich betroffen, obwohl dort ähnliche Szenen zu sehen waren. Theoretisch muss man immer damit rechnen, dass es zu solchen Pandemien kommen kann, aber die Auswirkungen am eigenen Leib zu erfahren, ist schon eher ungewöhnlich.

"Internationale Zusammenarbeit ohne politischen Einfluss wäre für die Wissenschaftler von Vorteil"

Die britische Regierung prognostizierte am Sonntag die Dauer der notwendigen Maßnahmen bis ins Jahr 2021. Ist das nach Ihrer Expertise realistisch?
Martin Stürmer: Es ist noch zu früh, den exakten Verlauf der Pandemie vorherzusagen, aber ist es davon auszugehen, dass wir zumindest mehrere Monate mit Einschränkungen rechnen müssen. Die nächsten 14 Tage werden uns erst mal zeigen, inwiefern die aktuellen Maßnahmen Wirkung zeigen. Alles weitere muss dann entsprechend angepasst werden.
Wenn Covid-19 dann überstanden ist: Welche Empfehlungen geben Sie der Politik, der Medizin, der Gesellschaft, den Krankenhausträgern für die Zukunft?
Martin Stürmer: Nationale und internationale Pandemiepläne sollten überprüft und ggf. nachjustiert werden, ggf. schafft es ja die internationale Gemeinschaft, sich auf ein einheitliches und verbindliches Verfahren im Pandemiefall zu einigen. Jeder einzelne sollte sich bewusst werden, dass mit der Globalisierung und dem bestehenden Reiseverkehr jederzeit solche Pandemien auftreten können. und auch die Wirtschaft sollte darüber nachdenken, ob es sinnvoll ist, die Produktionsketten in der bisherigen Form beizubehalten.
Und ganz unabhängig von Covid-19: Welches sind die globalen und zukünftigen Herausforderungen speziell für die Virologie - nicht nur in Europa?
Martin Stürmer: Internationale Zusammenarbeit ohne politischen Einfluss wäre für die Wissenschaftler sicherlich von Vorteil, um möglichst schnell auf einen erst mal lokal beschränkten Ausbruch reagieren und damit eine Pandemie vermeiden zu können.

PD Dr. phil. nat. Dr. med. habil. Martin Stürmer ist Facharzt für Mikrobiologie, Biochemiker, Infektionsepidemiologe, habilitiert für das Fach "Medizinische Virologie", beschäftigt sich sehr intensiv mit computerbasierten Spezialanalysen (Sequenzanalyse und Resistenztestung, u.a. HIV) und gehört zu den renommiertesten Virologen und (Laboratoriums-)Medizinern Europas. Er ist heute Leiter des Spezial-highend-Labors IMD Frankfurt (Interdisziplinäre Medizin und Diagnostik), das weltweit arbeitet für private und öffentliche Auftraggeber (auch in "terra incognita"-Forschungsbereichen wie Rheuma oder Venerologie) in Kooperation mit dem IMD Gerinnungszentrum Hochtaunus, dem Institut für Immunologie und Genetik/IIG (ausgerichtet auf Humangenetik, Transplantationsdiagnostik, Abstammungsbegutachtung, Onkologie und Pathologie) sowie dem Molekular-Biologischen Service Seq-It, das von der EU finanziert wird.

Er lehrt heute an der Uni in Frankfurt, war lange Jahre der bundesweite Koordinator für den Sektor Diagnostik des Nationalen Referenzzentrums für Retroviren. Er engagiert sich in der Initiative "Brückenschlagen - Wissenschaft in die Schulen!", z.B. mit Schulvorträgen über Impfstoffe gegen AIDS. Martin Stürmer gehört zu den wenigen Ärzten, die über ihre Einkünfte offen Auskunft geben, wie z.B. dem Biopharma-Konzern Gilead Sciences, der als einer von wenigen Ethik-Codes in der Produktion umsetzt.

Er war einer der ersten, der schon vor Monaten auf die Corona-Gefahren etwa für Italien "aus dem Nichts" hinwies (in der ARD), aber auch bestimmte Maßnahmen kritisierte (letzten Samstag im Gespräch mit Claus Kleber/heutejournal, ZDF).

(Marcel Malachowski)