Coronavirus: Warum Herr Wodarg Unrecht hat

Coronavirus. Bild: NIAID/CC BY-2.0

Fakten gegen die katastrophale Verharmlosung der Pandemie

Das Wichtigste zuerst: Die Situation in Italien ist real. Am Ende des Artikels bespreche ich dazu einige offensichtlich authentische Quellen. Da Herr Dr. Wodarg jedoch große Aufmerksamkeit erhält, fraglos Expertise und auch Verdienste besitzt, muss man auf seine Argumente eingehen. Ich bedaure, dass ich dies in meinem letzten Artikel etwas verkürzt und zu polemisch getan habe, was auch nicht den Kern der Sache traf.

Obwohl Wodarg leider manche Evidenz nicht zur Kenntnis nimmt, treffe ich viele redliche und intelligente Menschen an, die für seine Thesen empfänglich sind, daher diese ausführlichere Besprechung. Wodarg kritisiert zunächst den PCR-Test der Berliner Charité als "nicht validierten Inhouse"-Test. Das mag sein, und ganz sicher ist es wünschenswert, dass noch andere, unabhängige Tests angewendet werden. Die weltweiten Diagnosezahlen zeigen aber, dass der Test gut funktioniert, das heißt, dass er tatsächlich das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 identifiziert. Anders sind die unterschiedlichen Zahlen der Positivtests wie z.B. in Guandong, Russland, Südkorea oder Italien nicht zu erklären (Deutschland erfasst nicht die Anzahl der Tests).

Das ist aber nicht der zentrale Kritikpunkt von Wodarg. Er sagt, es handle sich zwar um ein neues Coronavirus, jedoch sei es nicht gefährlicher als viele andere, die sich schon um den Globus verbreitet haben. Dass es bei morbiden Patienten gehäuft gefunden werde, sei nichts Besonderes, eben ein Auswahleffekt. Die Sterberaten seien bisher statistisch nicht auffällig. Nur habe sich durch das viele Testen eine weltweite, sich selbst verstärkende Hysterie entwickelt. Angesichts dessen, was China und der Rest der Welt unternimmt, ist dies zwar eine steile These, aber bis hierher logisch konsistent. Ich würde mir sogar wünschen, er hätte Recht - aber sie scheitert leider an der Realität:

Hier kann man die Covid-19-Fälle, aufgereiht in der Intensivstation des Krankenhauses von Cremona, betrachten. Eine Krankenschwester berichtet über ihre Verzweiflung, weil ihnen die Patienten unter den Händen wegsterben (107 bisher). Ähnliches berichtet ein Anästhesist aus Turin, der feststellt, dass ca. 10 Prozent der Fälle beatmungspflichtig werden. Prof. Giacomo Grasselli, der für die Organisation der Intensivmedizin in der Lombardei zuständig ist, berichtet von zunehmend jüngeren Patienten mit Atemnot, der Median des Patientenalters liege bei 65 Jahren.

Nach einer Woche hat sich die Situation nochmals verschlechtert. Da jede halbe Stunde neue Fälle kommen, untersucht man in Brescia in einem Zelt auf Corona-Verdacht. Prof. Pesenti aus Mailand sagt: "Der Zustrom von Schwerkranken ist sehr hoch… zwischen einem Viertel und einem Drittel der aufgenommenen Patienten kommen später auf die Intensivstation. Auch die Jungen. Auch die Jungen (betont). Ich glaube, dass das eine Katastrophe des Gesundheitssystem wird."

Ich habe gestern diese Links an Dr. Wodarg per E-Mail geschickt, nachdem er eine Nachfrage und ein weiteres Angebot für ein Interview unkommentiert gelassen hat (auch FÜR DIE tp-Redaktion hatte EIN Autor unabhängig davon bei ihm ein Interview ohne Erfolg angefragt). Sein derzeitiger Urlaub in Griechenland sei ihm vergönnt, aber die obigen Dokumente, die seine These von der Harmlosigkeit der Erkrankung widerlegen, nicht zur Kenntnis zu nehmen, ist verantwortungslos und fahrlässig.

Man kann nicht darauf warten, bis die Anzahl der Toten mit zwei Wochen Verspätung aus der von ihm zitierten Statistik herausragen - dann wäre man in einem katastrophalen exponentiellen Anstieg, in den man für die Dauer der Inkubations- und Verschlechterungszeit (mindestens 10, wenn nicht 14 Tage) nicht mehr eingreifen kann.

Wodarg unterliegt leider der intuitiven Fehleinschätzung, dass der derzeitige Pandemiefall zu beurteilen ist wie alle vorangegangenen und blendet dabei die Fakten aus. Das wird schon deutlich in der herablassenden Weise, in der er sich über China äußert: "Dann haben sie aufgehört zu messen - und da war dann die Pandemie vorbei." (Sonst brauchte China nichts zu tun?) Unseren Nachbarn Italien mit noch direkteren und authentischeren Informationen nicht wahrzunehmen, ist aber unverzeihlich. Natürlich darf und soll Wodarg seine Meinung sagen. Die Folgen wird er sich aber wahrscheinlich eines Tages selbst vorhalten.

Der Autor ist unter coronavertraulich@protonmail.com zu erreichen. Die Telepolis-Redaktion ist nach wie vor für eine Stellungnahme von Dr. Wodarg offen.

Dr. Alexander Unzicker ist Physiker, Jurist und Sachbuchautor. Sein Buch "Wenn man weiß, wo der Verstand ist, hat der Tag Struktur - Anleitung zum Selberdenken in verrückten Zeiten" erschien 2019 im Westend-Verlag.

(Alexander Unzicker)