Coronavirus auch in Spanien außer Kontrolle

Bild: CDC

Die Weltgesundheitsorganisation spricht von einer "sehr hohen" Gefahr einer weltweiten Pandemie, nun wurde auch der Autosalon in Genf abgesagt und die Börsen stürzen weiter ab

Die spanischen Gesundheitsbehörden haben inzwischen 35 Ansteckungen (am Freitag um 19 Uhr 18) mit dem Covid-19 bestätigt, von denen sich eine Person in einem kritischen Zustand befindet. Innerhalb eines Tages hat sich die Zahl somit mehr als verdoppelt. Das wirkliche Problem ist aber, dass es nun auch in Spanien lokale Ansteckungen von Menschen gibt, die sich weder in China, Südkorea, Iran oder Italien aufgehalten haben, also den Virus nicht importiert haben können. Im Fall einer lokalen Ansteckung in Sevilla scheint inzwischen die Quelle geklärt zu sein. So erklärte das andalusische Gesundheitsministerium, die erste bisher lokale Ansteckung sei vermutlich über ein Touristenpaar aus Shanghai geschehen, das sich in Malaga aufgehalten habe.

Sicher ist aber noch nicht, dass das Paar aus Shanghai tatsächlich die Quelle war. "Wir glauben, dass dieses Paar aus Shanghai der Infektionsherd gewesen sein könnte", sagte der andalusische Gesundheitsminister Jesús Aguirre. Allein die Kette, die von den Behörden angenommen wird, lässt annehmen, dass es darüber weitere Ansteckungen gab. Denn der erkrankte Mann habe an einer Arbeitssitzung teilgenommen, auf der sich wiederum eine Person befand, die mit dem chinesischen Paar in Kontakt gestanden hat.

Pandemisches Potenzial

Völlig im Nebel stochern die Gesundheitsbehörden noch im Fall von zwei Ansteckungen in der Hauptstadt Madrid, wo der Infektionsherd völlig ungeklärt ist. In dem Fall ist für die Behörden bisher nur klar, dass das Virus angesichts der Entwicklung schon in der zweiten Februarwoche eingeschleppt worden sein muss, also deutlich früher als bisher erwartet worden war. Auch deshalb ist davon auszugehen, dass es weitere infizierte Personen gibt, die noch nicht erkannt wurden.

Inzwischen sprechen die Gesundheitsbehörden von einem "moderaten Risiko" einer Ansteckung. Die Aussagen des Direktors des Überwachungsausschuss für den Coronavirus sind allerdings etwas merkwürdig: "Im Allgemeinen ist das Risiko in Spanien gering oder sehr gering, in einigen spezifischen Gebieten kann es aber hoch sein. Wir haben aber beschlossen, es als moderat einzustufen, um die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten." Wie er das angesichts von unklaren Infektionsherden sagen kann, bleibt das Rätsel von Fernando Simón. Der Fall in Sevilla zeigt, dass es angesichts der Mobilität schwer ist, die Ansteckung derzeit lokal einzugrenzen. Zumal auch Simón einräumt, dass es Menschen mit leichten Symptomen geben kann, die nicht ermittelt werden, die aber das Virus weiter verbreiten.

Da spricht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nun inzwischen schon etwas mehr Klartext. Sie gestand derweil ein, dass der neue Erreger "pandemisches Potenzial" habe und ohne die richtigen Maßnahmen "außer Kontrolle geraten" könnte. Die Frage ist, ob das nicht längst angesichts der steigenden Ansteckungszahlen außerhalb Chinas der Fall ist. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus sagte, dass das Risiko einer weltweiten Verbreitung des Virus müsse nun von "hoch" auf "sehr hoch" gesetzt werden. Er hoffe aber, dass der Kampf gegen die Ausbreitung noch nicht verloren ist. Tatsächlich wird die Liste der Länder immer länger, in denen Fälle registriert werden.

Schweiz verbietet Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern

Die Auswirkungen werden nun auch in Europa immer deutlicher und damit auch die ökonomischen Folgen. Nachdem schon die große Handy-Messe in Barcelona wegen dem Covid-19 abgesagt worden war, ist nun auch die ausgebuchte Reisemesse ITB in Berlin abgesagt worden. Die Messe sollte vom 4. bis 8. März in der Hauptstadt stattfinden. Hier wurden 160.000 Besucher und 10.000 Aussteller erwartet. Es wiederholt sich, was schon bei der MWC in Barcelona zu beobachten war: Immer mehr Aussteller hatten ihre Anmeldung zurückgezogen.

Die Schweiz greift inzwischen zu drastischeren Maßnahmen. Nachdem aktuell zwölf Coronavirus-Fälle bestätigt wurden, ruft der Bundesrat die besondere Lage nach dem Epidemie-Gesetz aus. So wurde die Fasnacht in Basel genauso abgesagt, wie alle Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern. Sie wurden zunächst bis zum 15. März verboten. Betroffen sind auch sämtliche Sportveranstaltungen mit mehr als 1000 Zuschauern, womit alle für dieses Wochenende angesetzten Spiele der 1. und 2. Fußball-Liga abgesagt wurden. Abgesagt ist damit auch die große Automesse in Genf. Zum Genfer Autosalon, der am Montag beginnen sollte, waren in den vergangenen Jahren stets etwa 600.000 Besucher gekommen.

Panik an der Börse

Nach den bisherigen Abstürzen an den Börsen macht sich zusehends Panik auf dem Parkett breit. Die Parallelen mit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 werden immer deutlicher. Der Covid-19 hat den internationalen Aktienmärkten die schwärzeste Woche seit der Finanzkrise beschert. Der wichtigste deutsche Aktienindex Dax brach am Freitag erneut zum Teil um mehr als 5% ein und ging mit einem neuen Minus von fast 4% aus dem Handel. Mit einem Dax-Verlust von mehr als 12% seit dem vergangenen Freitag erleben die Anleger die schwärzeste Woche seit Beginn der Griechenland-Schuldenkrise im Sommer 2011.

Da inzwischen allseits mit deutlichen Bremsspuren in der Wirtschaft gerechnet wird, die Eurozone stand ohnehin längst auch offiziell am Rand der Rezession, die nun wohl kaum noch abzuwehren ist, sinkt auch der Ölpreis weiter. Es wird mit einem weiteren Einbruch des Verbrauchs gerechnet, was mit einer deutlichen Abkühlung der Weltwirtschaft einhergehen dürfte. Während sich der Referenzpreis für ein Barrel (etwa 159 Liter) der Nordseesorte Brent nur knapp über der Marke von 50 US-Dollar hält, ist der Preis für die US-Sorte WTI sogar schon deutlich unter die Marke von 45 Dollar gesunken.

Auch hier steuert man auf die stärksten Verluste seit 2011 zu. Seit Ende der vergangenen Woche hat sich Rohöl auf dem Weltmarkt massiv verbilligt. Im Verlauf etwa einer Handelswoche verlor der WTI rund 19% an Wert und Brent etwa 16"%. Der Druck auf die OPEC und andere Länder steigt, die Förderung weiter zurückzufahren. Die OPEC-Länder wollen Ende kommender Woche mit anderen großen Produzenten, darunter auch Russland, über die weitere Förderpolitik beraten. Erwartet wird, dass der "OPEC+" genannte Verbund die Produktion weiter herunterfahren wird.

Man will verhindern, dass der Ölpreis längerfristig unter die Marke von 50 Dollar pro Barrel fällt. Denn einige Staaten wie Saudi-Arabien hängen fast ausschließlich am Öl als Einnahmequelle. Das Defizit des Landes schießt massiv in die Höhe, wenn der Ölpreis zu niedrig ist. Die Saudis brauchen eigentlich einen Preis zwischen 60 und 70 Dollar pro Barrel für einen ausgeglichen Haushalt. So wird derzeit nicht ausgeschlossen, dass sogar eine Kürzung um eine Million Barrel pro Tag kommt. Zunächst waren 500.000 erwartet worden. Um diesen Wert hatte die OPEC die Förderung schon im vergangenen Dezember gekürzt. Insgesamt summierten sich damit die Förderkürzungen schon auf 2,1 Millionen Barrel.

Telepolis hatte allerdings immer wieder berichtet, dass die Bedeutung der OPEC immer kleiner wird. Von den Kürzungen profitiert vor allem die Fracking-Industrie in Nordamerika, der die Saudis einst den Garaus machen wollten. Allein in den USA wurden die Förderkürzungen der OPEC stets ausgeglichen, weshalb das Überangebot weiter besteht. In den USA werden immer neue Förderrekorde erreicht. Zuletzt waren es Mitte Februar 13 Millionen Barrel täglich. Die Förderung wurde seit dem Tiefstand vom Sommer 2016 um mehr als 50% gesteigert. (Ralf Streck)