Coronavirusepidemie: Kontroll- und Überwachungstechniken für Schulen

Überwachen und Testen oder Kontakt- und Lokalisierungskontrolle, mit der sich auch die Einhaltung der Abstandsregel automatisch überwachen lässt

Wir hatten schon über das Gymnasium Carolinum in Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern, das größte des Bundeslandes mit 1100 Schülern, berichtet ("Neue Normalität" als Geschäft und scheinbare Sicherheit). Seit Mitte Mai können dort die Schüler "freiwillig" zweimal die Woche einen Covid-19 Testabstrich selbst vornehmen, am Tag darauf kommt das Testergebnis. Bezahlt wird das Testen vom Rostocker Biotech-Unternehmen Centogene, das sich damit für flächendeckende Tests in Schulen und anderen Einrichtungen positionieren will, was auch Reiner Hoffmann, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes fordert. Das wäre ein Milliardengeschäft. Die Schule hingegen sieht sich als Pionier der "neuen Eigenverantwortung", wie man wieder einen normalen Schulalltag realisieren und auch Lehrer im Risikoalter einsetzen kann.

90 Prozent der Schüler machen mit, das geschieht aus indirektem Zwang durch Privilegierung nach einem negativen Testergebnis. Dann erhalten die Schüler eine Art Unbedenklichkeitsausweis in Form eines grünen Punkts auf ihrem Namensschild. Mit dem dürfen sie ohne Mundschutz über eine "Fast Lane" das Gymnasium betreten und sich die Hände desinfizieren gehen, vor allem dürfen sie sich dann ohne Mundschutz im Gebäude bewegen. Das Abstandsgebot muss aber noch eingehalten werden. Dafür hinterlegen die Schüler ihre Daten bei dem Unternehmen. Dabei bietet eigentlich ein Test zweimal wöchentlich keine Gewähr dafür, dass die Schüler nicht zwischen den Tests erkranken und das Virus verbreiten können, zumal die Abstriche von den Schülern selbst vorgenommen werden, was trotz aller Instruktionen etwa über ein Video zu falschen negativen Ergebnissen führen kann. Hundertprozentige Sicherheit bietet der Test sowieso nicht.

Die Schule wird mit dem zudem unternehmensfinanzierten Modell zu einem Experimentierfeld für Strategien, wie man den Zugang zu Räumen und das Verhalten in ihnen kontrollieren kann, wie das auch mit Immunitätsausweisen geschehen würde, die Gesundheitsminister Jens Spahn (noch) nicht durchsetzen konnte. Centogene entwickelt mit anderen Firmen einen app-basierten Immunitätsausweis. Zudem ist es ein Disziplinierungsverfahren, wie dies Michel Foucault genannt hätte, das im Grunde alle Schüler zwingt, sich der angeblich freiwilligen Maßnahme zu unterwerfen, um nicht als Außenseiter oder Gefährder kenntlich zu werden. In dem Fall werden sie kenntlich, weil sie keinen Punkt tragen.

Mit dem Schlachtruf "Testen, testen, testen" wird nach der Verabschiedung des "Zweites Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite" das Testen ausgeweitet. Die Krankenkassen müssen die Kosten übernehmen. Zumindest Stichprobentests werden nun in vielen Bundesländern auch in Schulen und Kitas vorgenommen.

Aufenthalts- und Kontaktüberwachung von Schülern

Einen Schritt weiter geht man in den USA in Corona-Zeiten. Um die Sicherheit der Schüler und Lehrer zu gewährleisten, wird hier neben Temperaturmessung, Masken und Abstandsregeln auf ein Überwachungssystem gesetzt, das Schulen zu einem Panopticon werden lässt. Voran prescht der Distrikt New Albany mit seinen 5 Schulen, die im August ihre Tore wieder für 4800 Schüler öffnen. Die Schüler werden dann zu Versuchspersonen eines anderen Experiments. Alle sollen einen Funksender tragen, mit dem sich ihr Aufenthaltsort auf einige Meter orten lässt.

Die Daten werden zentral gespeichert, so dass sich sehen lässt, wo sich jeder Einzelne befindet, mit wem sie zusammen waren und wohin sie gegangen sind. Dieses Tracing System soll dann auch wieder wie die verschiedenen Tracing Apps ermöglichen, Covid-19 besser zu bekämpfen, weil sich so alle Kontakte mit einem Infizierten identifizieren lassen. Überdies lässt sich so kontrollieren, ob die Abstandsregel, also die soziale Distanzierung, eingehalten wird. Wenn nicht, werden die Lehrer gewarnt, um einzuschreiten oder zu disziplinieren.

Die American Federation of Teachers hat in ihrem Vorschlag, wie sich Schulen wieder sicher öffnen lassen, gewarnt, es müsse aufgepasst werden, dass Firmen "diese Krise nicht nutzen, um ihr Data Mining zu erweitern und sich die Daten aneignen, um vorfabrizierte Lehrpläne auszubauen". Der Verband schlug zwar auch verstärktes Beobachten, Testen, Kontaktverfolgung und Isolieren im Falle einer Infektion vor, dachte aber offenbar nicht an technische Überwachung etwa durch Infrarotkameras, die Fieber entdecken können, oder durch Tracing Apps (Covid-19 und die neuen Überwachungstechniken).

In New Albany geht es also darum, die Kontaktverfolgung mit einem anderen Mittel als mit Smartphones vorzunehmen, die junge Schüler öfter noch nicht besitzen. Grundlage aber bleibt auch die Abstandsmessung durch Bluetooth wie bei den Apps. Schulleiter Michael Sawyers sagt lapidary: "Wir sind sehr an der automatischen Verfolgung der Schüler interessiert." Während nach den Schießereien an Schulen diese eher auf Maßnahmen und Techniken setzten, um Eindringlinge zu erkennen und abzuwehren, was bis hin zur Bewaffnung der Lehrer ging, befindet sich nun der Gefährder in der Schule, weswegen die Schüler permanent und präventiv überwacht werden sollen.

Die verwendeten Bluetooth-Sender waren zuvor von der Firma Volan Technology als angeblich KI-gestützte Sicherheitstechnik zum Micro-Geo-Fencing und zur massenhaften Lokalisierung von Individuen (Precise Positioning System) entwickelt worden, um Schüler beim Eintritt zu identifizieren und im Krisenfall einen exakten Überblick zu haben, wo sich wer befindet. Die Technik wird auch für Firmen und Hotels angeboten. Jetzt wurden sie modifiziert, um die Tracing-Funktion, also auch die Rückverfolgung von Kontakten, zu ermöglichen. Verkauft wird die Technik als Schutz der Privatsphäre, weil sie unabhängig von Smartphones und GPS funktioniert.

Es gab einige Aufregung über die Medienberichte, die Schulleitung erklärt, die Situation sei falsch dargestellt worden. Man habe nur einem Pilotversuch zugestimmt, um die Kapazität und den Einsatz der Technik im Hinblick auf die Wiedereröffnung der Schulen zu überprüfen. Um mehr würde es nicht gehen. (Florian Rötzer)