Covid-19: Die Vorteile von Massentests

Symbolbild: Gerd Altmann. Lizenz: Pixabay

Reichen Ausgangsbeschränkungen zur Bekämpfung der Seuche - oder muss die Politik in Westeuropa und den USA einen anderen Weg einschlagen?

Die Vorstellung, dass sich das Sars-CoV-2-Virus durch Quarantänemaßnahmen so verschwinden lassen lässt wie sein Namensvetter Sars 1 in den Nullerjahren, scheint Ende März 2020 eher unrealistisch. Auch deshalb, weil sich das Virus den Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation WHO nach inzwischen in mindestens 40 afrikanische Länder eingeschlichen hat, denen kaum jemand eine effektive Eindämmung durch "Social Distancing" zutraut. Auch die WHO-Afrikachefin Matshidiso Moeti nicht.

Und anders als China, Singapur oder Japan scheinen auch westeuropäische Länder durch die Seuche überfordert: Nachdem in Italien Ärzte bereits seit Wochen auswählen müssen, wen sie an ein Beatmungsgerät anschließen und wen sie sterben lassen (vgl. Covid-19: Quarantäneregeln gelten nun in ganz Italien), werden nun auch im französischen Straßburg nur mehr diejenigen Covid-19-Patienten beatmet, die unter 80 Jahre alt sind. Auch der Umbau von Tauch- zu Beatmungsgeräten und eine an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen entwickelte Beatmungspumpe für die Herstellung im 3D-Drucker konnten dem Mangel an solchen Geräten bislang nicht vollständig abhelfen.

Besser als anderswo in Italien hat sich die Seuchensituation in der venezianischen Gemeinde Vo entwickelt: In dieser nur etwa 3.400 Einwohner zählenden Ortschaft hat man nicht nur wenige, sondern fast alle Bürger auf das Sars-CoV-2-Virus getestet. Dadurch konnte man auch die prozentual gesehen sehr große Gruppe isolieren, die infiziert war, aber keine Symptome zeigte. Dass sich die Ausbreitungsrate so um 90 Prozent reduzieren ließ, hat auch den WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus beeindruckt, der inzwischen die Botschaft: "Testet, testet, testet" ausgibt.

Massentests würden auch der Wirtschaft helfen

Ein Testen in seinen sehr viel größeren Umfang als bisher kann einem in der Washington Post veröffentlichten Artikel von drei Forschern nicht nur viele Menschenleben retten, sondern auch die Wirtschaft: Dadurch, so Anthony LaMantia, Gordon Douglas und Tim Searchinger, ließe sich nämlich die Isolation auf die Infizierten begrenzen, während alle anderen anfangen könnten, normal weiterzuarbeiten und zu konsumieren.

Weil es neben serologischen Tests, die eine Reaktion des Immunsystems prüfen, auch PCR-Tests gibt, die auf eine aktive Präsenz des Virus ansprechen, ließe sich auch feststellen, wer infiziert war und die Krankheit ohne Symptome überstanden hat. Auch dieser potenziell recht große Kreis könnte dann von Ausgangsbeschränkungen befreit werden. Besonders in Krankenhäusern, an Ladenkassen und in Gaststätten hätte es große Vorteile, wenn solche immunisierten Personen eingesetzt werden könnten.

Island testet auch stichprobenartig

In Island hat man den Weg der Massentestung bereits stärker als in anderen Ländern eingeschlagen: Auf dieser etwa 364.000 Bewohner zählenden Insel mit aktuell 737 Ansteckungen und einer Covid-19-Toten wurden mit - Stand gestern - 6.163 Personen anteilig mehr Menschen getestet als in jedem anderen Land der Erde. Die Tests führt dort nicht nur nicht nur das staatliche Gesundheitssystem durch, sondern auch die Firma deCode Genetics. Dadurch, dass sie auch stichprobenartig ausgewählte Isländer testet, gewinnt sie einen besseren Einblick über die tatsächliche Verbreitung und den dort bei etwa 50 Prozent liegenden Anteil der Infizierten, die gar keine Symptome zeigen.

Aus den Abstrichen der infizierten Isländer ließ sich außerdem ermitteln, dass das Virus außer aus den Urlaubsländern Italien und Österreich auch aus England nach Island kam, was wahrscheinlich an einem Fußballspiel lag. Von den aus diesen drei Ländern eingeschleppten Sars-CoV-2-Viren gibt es inzwischen 40 Mutationen, von denen die Forscher aber noch nicht wissen, ob und welche Auswirkungen sie haben.

Labore könnten umstellen

In Deutschland klagen dagegen viele Menschen außerhalb der Politik, die sich gerne auf das Sars-CoV-2-Virus testen lassen würden, dass ihnen diese Überprüfungen verwehrt bleiben. Das betrifft sogar Personengruppen, die besonderen Risiken ausgesetzt sind, wie beispielsweise Polizisten.

Mit solchen Vorwürfen konfrontiert, argumentieren Entscheider, das liege nicht nur an ihrer Sparsamkeit, sondern auch daran, dass die Kapazitäten der Labore ausgelastet wären. Nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA. Dem hält der Reason-Autor Ronald Bailey entgegen, dass man auch anderweitig beschäftigte Labore dazu verpflichten könnte, auf Sars-CoV-2-Tests umzustellen. Der deutsche Gesundheitsminister hätte zudem die Möglichkeit, auf den bisher noch nie angewendeten § 13 des Patentgesetzes zurückzugreifen und "im Interesse der öffentlichen Wohlfahrt" hinderliche Immaterialgüterrechte auszusetzen (vgl. Corona: Gesundheitsminister darf Patentschutz aufheben).

Lesern, die eine auch thematisch passende Beschäftigung für die Zeit der Ausgangsbeschränkungen suchen, legt der Guardian gerade die Serie The Prisoner ans Herz. Dem kann sich Telepolis nur anschließen und empfiehlt dazu diesen Artikel von Hans Schmid.

(Peter Mühlbauer)