Covid-19: EU beginnt Tests mit fünf Medikamenten

Symbolbild: TP

Außer dem für die Ebola-Behandlung entwickelten Remdesivir probiert man auch die HIV-Arzneien Lopinavir und Ritonavir, das MS-Präparat Beta-Interferone und den Malariaprophylaxeveteran Hydroxychloroquin

Offiziell sind bislang noch keine Medikamente für die Behandlung von Covid-19-Patienten zugelassen, obwohl inzwischen schon weit über 13.000 Menschen der Krankheit erlagen. Nun, knappe drei Monate nach dem Ausbruch der Plage, hat der französische Gesundheitsministeriumsgeneraldirektor Jerome Salomon bekannt gegeben, dass unter Beteiligung der staatlichen französischen Forschungseinrichtung Inserm an rund 3.200 coronainfizierten Krankenhausinsassen in Frankreich, Deutschland, Belgien, Luxemburg, den Niederlanden, Spanien und Großbritannien klinische Tests mit vier Medikamenten durchgeführt werden: Mit Remdesivir, Lopinavir, Ritonavir, Interferon Beta und Hydroxychloroquin.

Das Virustatikum Remdesivir ist ein Nukleosidanalogon, das man eigentlich gegen die Ebola-Seuche entwickelte (vgl. Covid-19: Hilft ein gescheitertes Ebola-Medikament?). Es wirkt auf Viren wie ein RNA-Kopierbaustein, weil es sich an ein Triphosphat koppelt. Allerdings gelingt den Viren die Vermehrung damit nicht, weil die Remdesivir-Triphosphat-Konstruktion in der RNA-Polymerase hängenbleibt und so dafür sorgt, dass der Virenkopierer "klemmt". Dadurch bekommt ein sonst von einer Flut an Viren überlastetes Immunsystem die Gelegenheit, mit der Erkrankung fertig zu werden.

Studien in China

Doch was in der Theorie gut klingt, das erwies sich in der im letzten Jahr veröffentlichten PALM-Studie mit Ebola-Kranken als weniger wirksam als zwei zum Vergleich verabreichte Antikörperpräparate. Da zahlreiche Viren mit RNA-Polymerase arbeiten, ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass das Medikament bei anderen Virenerkrankungen wirkt. Diese Hoffnung hegten US-Mediziner, als sie einem Covid-19-Patienten mit beidseitig entzündeter Lunge das Medikament nach sieben Behandlungstagen intravenös verabreichten. Darüber, ob die unmittelbar danach eingetretene Besserung ein Zufall oder ein echter Behandlungserfolg war, sollen nun Studien Aufschluss geben.

Die Klinik der chinesisch-japanischen Freundschaft in Peking will im April bekannt geben, wie sich die Entwicklung ihrer mit Remdesivir behandelten Patienten von denen aus der Vergleichsgruppe unterschied, denen man stattdessen Placebos verabreichte. In jenem Monat werden auch die Ergebnisse einer Studie der chinesischen Akademie der Wissenschaften an der Jin-Yin-Tan-Klinik in der Krankheitsheimstätte Wuhan erwartet. Hier probiert man das Medikament nicht an schweren, sondern an leichten bis mittelschweren Covid-19-Fällen aus.

Erweist sich eine Behandlung von Covid-19 mit Remdesivir als medizinisch sinnvoll, wäre das eine gute Nachricht für das amerikanische Pharmaunternehmen Gilead, das Patente an diesem Wirkstoff hält. Wie viel Gilead für Remdesivir dann verlangt, wird sich zeigen. In Deutschland könnten außer diesen Kosten auch die Zulassungsbürokratie und der Zustand eines Versorgungssystems zu Hindernissen werden, das inzwischen bereits seit Jahren nicht mit Lieferproblemen bei 260 wichtigen Medikamenten fertig wird (vgl. Knick in der Lieferkette).

Nur für leichtere Fälle?

Nicht aus der Ebola-, sondern aus der HIV-Behandlung stammt das Virustatikum Lopinavir, das häufig mit dem P450-Inhibitor Ritonavir kombiniert wird, damit seine Plasmakonzentration zunimmt. Im Laborversuch konnte diese Kombination die C30-Endopeptidase von Coronaviren hemmen - aber in der Praxis erzielten Ärzte am der Jin-Yin-Tan-Krankenhaus im Corona-Ausbruchsort Wuhan mit nicht signifikanten Konfidenzintervallen bei der Sterblichkeit und der Besserung bislang eher ernüchternde Ergebnisse. Anders war das bei der Sars-1-Epidemie Mitte der Nullerjahre, wo aus der Gruppe der mit der Kombination behandelten Patienten nur 2,4 Prozent starben, während Unbehandelte Sars 1 zu 28,8 Prozent erlagen. In China will man die Medikamente nun nur noch mit weniger schwer erkranken Covid-19-Patienten testen.

In der EU soll die Wirkung von Lopinavir und Ritonavir mit und ohne die Kombination mit den Medikamenten Interferon Beta und Hydroxychloroquin untersucht werden. Beta-Interferon ist ein Immunmodulator, der außer in der Behandlung von schubförmiger Multipler Sklerose auch bei akutem Lungenversagen verabreicht wird. Hydroxychloroquin ist ein bereits in den 1930er und 1940er Jahren entwickeltes Medikament zu Malariaprophylaxe. Beim Covid-19-Probeeinsatz in Frankreich konnten damit durch eine eingetretene Besserung womöglich Anschlüsse an Beatmungsmaschinen vermieden werden. Weil es sich jedoch um sehr wenige Patienten handelte, sind zur Überprüfung dieser Möglichkeit umfangreichere Studien nötig.

US-Präsident Donald Trump hat die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) bereits am Donnerstag angewiesen, die Zulassung von Chloroquin gegen die Covid-19-Epidemie bevorzugt und entsprechend beschleunigt zu prüfen. Warnungen in Medien wie Bloomberg, dass zwei Gramm Chloroquin tödlich sein können, stehen möglicherweise auch in einem Zusammenhang mit politischen Rivalitäten und den bevorstehenden Wahlen. Schließlich gibt es kaum ein verschreibungspflichtiges Medikament, das bei falscher Anwendung und entsprechender Überdosierung ungefährlich wäre. (Peter Mühlbauer)