Covid-19: Hilft ein gescheitertes Ebola-Medikament?

Grafik: TP

Aus zwei chinesischen Studien mit dem Nukleosidanalogon Remdesivir werden Anfang April Ergebnisse erwartet

Dem an der ETH Lausanne beschäftigten Epidemiologen Marcel Salathé nach hat die Ausbreitung des Covid-19-Erregers mit 89.000 offiziell gemeldeten Ansteckungs- und über 3.000 offiziell gemeldeten Todesfällen inzwischen ein Stadium erreicht, in dem sie sich nicht mehr komplett stoppen lässt. Das hängt seiner Meinung nach auch damit zusammen, dass Träger das Virus bis zu zwei Wochen lang verbreiten können, ohne selbst Symptome zu zeigen.

Nun, so Salathé, gehe es vor allem "darum, die Ausbreitung zu verlangsamen", um zum einen die Gesundheitsinfrastrukturen nicht zu überlasten und sich "zum anderen […] Zeit [zu kaufen], um Medikamente und Impfstoffe zu entwickeln".

Remdesivir

Als vielversprechendster Kandidat für ein Medikament gilt aktuell das Virustatikum Remdesivir (RDV) - ein Nukleosidanalogon, das man eigentlich gegen die Ebola-Seuche entwickelte. Remdesivir wirkt auf Viren wie ein RNA-Kopierbaustein, weil es sich an ein Triphosphat koppelt. Allerdings gelingt den Viren die Vermehrung damit nicht, weil die Remdesivir-Triphosphat-Konstruktion in der RNA-Polymerase hängenbleibt und so dafür sorgt, dass der Virenkopierer "klemmt". Dadurch bekommt ein sonst von einer Flut an Viren überlastetes Immunsystem die Gelegenheit, mit der Erkrankung fertig zu werden.

Doch was in der Theorie gut klang, das erwies sich in der im letzten Jahr veröffentlichten PALM-Studie mit Ebola-Kranken als weniger wirksam als zwei zum Vergleich verabreichte Antikörperpräparate. Da zahlreiche Viren mit RNA-Polymerase arbeiten, ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass das Medikament bei anderen Virenerkrankungen wirkt. Diese Hoffnung hegten US-Mediziner, als sie einem Covid-19-Patienten mit beidseitig entzündeter Lunge das Medikament nach sieben Behandlungstagen intravenös verabreichten. Ob die unmittelbar danach eingetretene Besserung ein Zufall oder ein echter Behandlungserfolg war, sollen nun zwei Studien mit insgesamt gut 700 schweren Covid-19-Fällen in China klären.

Gilead hält Patente

Die Klinik der chinesisch-japanischen Freundschaft in Peking will bereits am 3. April bekannt geben, wie sich die Entwicklung ihrer mit Remdesivir behandelten Patienten von denen aus der Vergleichsgruppe unterschied, denen man stattdessen Placebos verabreichte. Eine Woche darauf werden die Ergebnisse einer Studie der chinesischen Akademie der Wissenschaften an der Jin-Yin-Tan-Klinik in der Krankheitsheimstätte Wuhan erwartet. Hier probiert man das Medikament nicht an schweren, sondern an leichten bis mittelschweren Covid-19-Fällen aus.

Erweist sich eine Behandlung von Covid-19 mit Remdesivir als medizinisch sinnvoll, wäre das eine gute Nachricht für das amerikanische Pharmaunternehmen Gilead, das Patente an diesem Wirkstoff hält. Wie viel Gilead für Remdesivir dann verlangt, wird sich zeigen. In Deutschland könnten außer diesen Kosten auch die Zulassungsbürokratie und der Zustand eines Versorgungssystems zu Hindernissen werden, das inzwischen bereits seit Jahren nicht mit Lieferproblemen bei 260 wichtigen Medikamenten fertig wird.

Auch nach überstandener Erkrankung nicht immun?

Pessimistischer als die Möglichkeit einer Behandlung mit Remdesivir sehen viele Mediziner die baldige Entwicklung eines Impfstoffs, an die Bundesinnenminister Horst Seehofer glaubt, wie er der Bild am Sonntag verriet. Viele Erkältungsviren aus der Corona-Familie haben nämlich die Eigenschaft, dass man sich mit ihnen mehrfach anstecken kann.

Ob eine Frau aus Osaka, die Ende Januar positiv, Anfang Februar negativ, und Ende Februar erneut positiv auf den Covid-19-Erreger getestet wurde, der Beweis dafür ist, dass das auch auf Sars-CoV-2 zutrifft, ist noch unklar. Inzwischen berichten Forscher vom Zhongnan-Krankenhaus an der Universität Wuhan im Journal of the American Medical Association (JAMA) aber über vier weitere Patienten, die nach einer überstandenen Erkrankung erst negativ und dann erneut positiv getestet wurden.

Einige Mediziner halten hier wegen der nicht mit den Viren, sondern nur mit deren Erbgut funktionierenden Reverse-Transkritase-PCR-Tests Fehlalarme für die wahrscheinlichste Erklärung. Aber auch diese Mediziner stimmen zu, dass man Erkrankte länger beobachten sollte, um mehr über die bis vor kurzem noch ganz unbekannte Krankheit herauszufinden.

Tötungspotenzial zehn- bis zwanzigeinhalb Mal höher als das der herkömmlichen Influenza und etwas unterhalb dem der Spanischen Grippe

Was man bisher sicher zu wissen scheint, ist, dass bei etwa 85 Prozent der Infizierten entweder gar keine oder nur leichte Krankheitssymptome wie Frieren und Halsweh auftreten. Die anderen 15 Prozent erkranken schwerer - vor allem an Lungenentzündungen. Das Risiko, daran zu sterben, verteilt sich sehr unterschiedlich auf Altersgruppen: Im Alter zwischen 70 und 79 Jahren sterben acht von hundert Erkrankten - und wer über 80 Jahre alt ist, der überlebt die Infektion mit 14,8 Prozent Wahrscheinlichkeit nicht. Über alle Altersgruppen hinweg kommen die aktuellen Berechnungen bei Covid-19 auf Mortalitätsraten zwischen einem und zweieinhalb Prozent.

Damit läge das Covid-19-Tötungspotenzial zehn- bis zwanzigeinhalb Mal höher als das der herkömmlichen Influenza und etwas unterhalb dem der Spanischen Grippe, die die Weltbevölkerung in den Jahren 1918 bis 1920 mit einer Todesrate zwischen zwei und drei Prozent um etwa 1,7 Prozent verringerte. Wie viele Menschen konkret an Covid-19 sterben werden, wird aber auch davon abhängen, welche Komplikationen die Krankheit noch in den Gesundheitssystemen, der Infrastruktur und in der Wirtschaft verursacht. (Peter Mühlbauer)