Covid-19: Italien als Europas Einfallstor

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Bei der Interpretation der Todesfallzahlen wurde die Entwicklung der Infektion zu einer lebensbedrohlichen Sepsis bislang unterschätzt

An Grippe wie auch an COVID-19 erkrankte Menschen sind zusätzlich anfällig für bakterielle Lungenentzündungen, eine der Hauptursachen für eine Sepsis. Diese macht eine notfallmäßige und meist intensivmedizinische Behandlung erforderlich. Dabei kommen Antibiotika zum Einsatz. Italien ist nun ausgerechnet ein Land mit einer hohen Antibiotika-Resistenz. Dazu im Weiteren noch einige Hinweise.

Deutschland: Symbolismus statt Aktion

Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité lobte am Montag auf einer Pressekonferenz in Berlin Deutschland noch als Vorzeigeland. Man habe das Virusgeschehen "sehr früh erkannt" und sich damit einen "extremen Vorsprung in der Erkennung der Epidemie" gesichert.

Die Euphorie mutet seltsam an angesichts der Behäbigkeit, mit der die Politik hierzulande doch in Wahrheit reagierte. Auch das Robert-Koch-Institut gab sich viel zu lange gelassen und machte glauben, die Seuche sei weit vom deutschen Alltag entfernt. Dass das Virus genau dort inzwischen angekommen ist, dürfte derzeit niemand mehr bestreiten. Corona hat Deutschland fest im Griff.

Derweil äußert Gesundheitsminister Spahn, man handle hierzulande "konsequent" und verweist auf Italien, wo es längst zu drastischen Maßnahmen kommt. Ganz Norditalien ist Notstandszone. Das wolle man für Deutschland verhindern. Nur fragt sich, wieso ständig über Veranstaltungen diskutiert wird, wo es um ausgerechnet 1000 Teilnehmer geht. Das ist reiner Symbolismus angesichts der bekannten Übertragungswege.

Alexander Unzicker in seinem aktuellen Beitrag auf Telepolis zu Italien: "Auffällig ist schließlich, dass Italien relativ viele Todesfälle und Intensivpatienten hat, und Deutschland sehr wenige, andere Länder (Südkorea, Frankreich, Spanien) liegen dazwischen. Ich weiß nicht, ob es Therapieunterschiede gibt (Forum?). Tatsächlich waren unter den Verstorbenen in Italien viele mit schweren Vorerkrankungen, was die Statistik verzerren kann."

Einen Fingerzeig in dieser Frage könnte ein Blick in den "Atlas für die Überwachung von Infektionskrankheiten" des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) geben. Die Agentur mit Sitz in Solna (Schweden) hilft bei der Früherkennung aufkommender Bedrohungen, analysiert Daten aus EU-Ländern zu 52 übertragbaren Krankheiten mithilfe des europäischen Überwachungssystems TESSy, trifft Bewertungen und leistet wissenschaftliche Beratung von Regierungen und Institutionen der EU.

Infektion - mit lebensbedrohlicher Sepsis

Im Überwachungsatlas der Agentur (Surveillance Atlas of Infectious Diseases) findet sich unter anderem ein interessanter Aufschluss über die Antibiotika-Resistenzen der Bewohner einzelner EU-Länder (Antimicrobial Resistance). Der Vergleich Italien-Deutschland ist eklatant: Deutschland hat eine Kennziffer von 0,4, Italien dagegen bietet stolze 26,8. Das bedeutet im Klartext, dass die Antibiotika-Resistenz bei italienischen Patienten problematisch hoch ist, anders gesagt: Fast ein Drittel der Italiener spricht im Fall des Falles auf Antibiotika nicht an. Wieso kann man sagen, dass dies von Belang ist?

Von den Patienten, die mit COVID-19 ins Krankenhaus eingeliefert werden, ist zwar nur ein geringer Teil so krank, dass er auf einer Intensivstation behandelt werden muss. Von diesen entwickeln etwa zwei Drittel ein Atemversagen und ein Drittel einen Schock. Hierfür verantwortlich ist eine Sepsis, worauf die Sepsis-Stiftung in Jena hinweist, ein Verbund von über 100 Ärzten und Wissenschaftlern bzw. 50 Kliniken und Universitäten aus ganz Deutschland.

Sepsis ist eine lebensbedrohliche Organdysfunktion, die durch eine starke Abwehrreaktion des Körpers auf eine Infektion verursacht wird. Aus den verfügbaren Informationen über behandlungspflichtige Fälle bei COVID-19 geht hervor, dass es - ähnlich wie auch bei am Grippevirus erkrankten Patienten - in einem gewissen Prozentsatz auch bei COVID-19 Erkrankten zu einer solchen Organdysfunktion kommt, die zum Tod führen kann.

Norditalien - Reiseziel und Einfallstor?

Das alleine kann allerdings die Situation in Italien im Unterschied zu den Verhältnissen in Deutschland nicht erklären. Hier müssten zusätzliche weitere Daten, Befunde und Analysen herangezogen werden, um ein vollständigeres Bild zu erhalten. Die Situation in Italien kommt jedoch aus einem weiteren möglichen Grund nicht von ungefähr.

Um Weihnachten hat es nach Informationen aus einer zuverlässigen Quelle, die dem Autor bekannt ist, einen Ansturm Reisender aus China in Richtung Italien gegeben. Die chinesische Tourismusbehörde plante im Herbst 2019 die Routen. Dabei standen ausdrücklich die jetzt besonders vom Coronavirus befallenen nördlichen Regionen im Fokus fertig geschnürter Reisepakete für Tausende chinesischer Kunden.

Ausdrücklich erfreuen sich in Fernost nämlich die norditalienischen Städte und Reiseziele um Mailand und Venedig größter Beliebtheit, und dies gilt gerade für Touristen aus der zentralchinesischen Provinz Hubei mit der Provinzhauptstadt Wuhan. Auf diesem Weg könnte Italien zum Einfallstor für Europa geworden sein. (Arno Kleinebeckel)