Covid-19: Religionen begünstigten Ausbreitung wahrscheinlich

Die iranische Pilgerstadt Qom. Foto: Mostafa Meraji. Lizenz: Pixabay

In Südkorea stehen schweigsame Sektenführer unter Anklage, im Iran breitete sich die Epidemie von der "heiligen Stadt" Ghom aus, und in Deutschland überdenken Kirchen ihre Rituale

Die Staatsanwaltschaft von Seoul hat einem Bericht der BBC zufolge den Shincheonji-Kirchenführer Lee Man Hee und elf seiner Stellvertreter angeklagt. Sie sollen sich dem Bericht nach weigern, die Namen und Daten von Anhängern preiszugeben, die ein "Superspreader" aus der in den 1980er Jahren gegründeten christlichen Sekte mit Covid-19 angesteckt haben könnte. Deshalb sehen die Staatsanwälte nicht nur einen Verstoß gegen das südkoreanische Epidemiegesetz vorliegen, sondern prüfen auch den Tatbestand des Mordes.

US-Medienberichten nach soll es Anhängern der Sekte mit Verbindungen nach China verboten worden sein, bei Gottesdiensten einen Mundschutz zu tragen: Setze man dort einen auf, so hieß es angeblich, lasse man es Gott gegenüber am nötigen Respekt mangeln. Dies könnte dazu beigetragen haben, dass sich der weitaus größte Teil der fast 586 neuen südkoreanischen Ansteckungen am Sonntag mit 469 auf die Stadt und die Region Daegu konzentriert, in der die meisten der mindestens 239.000 Anhänger dieser Religionsgemeinschaft leben.

Von den nun insgesamt etwa 4.200 infizierten Südkoreanern sollen den Behördenangaben nach fast 60 Prozent in Verbindung zu Shincheonji stehen. Deshalb habe man inzwischen ungefähr 95 Prozent der erfassten Jünger getestet und rechne mit einem weiteren deutlichen Anstieg der Zahlen nach dem Vorliegen der Ergebnisse.

Im Iran wochenlang unerkannt

Auch im Iran - einem anderen Schwerpunktland der Covid-19-Ausbreitung - könnte die Religion eine Rolle bei der Ansteckung neuer Infizierter gespielt haben. Dort wurden am Mittwoch den 19. Februar plötzlich zwei Todesfälle gemeldet, obwohl vorher noch nicht einmal Covid-19-Infektionen bekannt waren. Für die Epidemiologin Emma Hodcroft vom Biozentrum der Universität Basel zeigt das in Kombination mit den Erkenntnissen zum Infektions- und Krankheitsverlauf, dass sich der Erreger vorher wochenlang unerkannt in Persien ausbreiten konnte. Alle damals angesteckten, so Hodcroft, "wussten in den letzten Wochen aber nichts von ihrer Infektion und hatten deshalb auch keinen Grund, besondere Verhaltensmaßnahmen zu befolgen".

Kanadische Forscher gehen nun davon aus, dass die Zahl der tatsächlichen Infektionen im Iran deutlich höher liegt als die letzte Woche offiziell gemeldeten 593. Anhand der Flugaktivitäten und Ansteckungsauswirkungen iranischer Spreader in Kanada, in Libanon und in den Vereinigten Arabischen Emiraten errechneten sie etwa 20.000 Fälle.

Zentrum des Seuche ist im Iran die "heilige Stadt" Ghom, in der Pilger nicht nur aufeinandertreffen, sondern teilweise auch ansteckungsfördernde Riten und Gebräuche pflegen, die über ein bloßes Berühren von Gegenständen deutlich hinausgehen. Die Pilgerstätten in Ghom will man trotz solcher Sitten bislang nicht schließen, hat aber am letzten Wochenende einige Freitagsgebete in Teheran abgesagt. Beim benachbarten wahhabitischen Rivalengottesstaat hofft man währenddessen, sich mit einer Ausländervisasperre für die eigenen "heiligen" Stätten schützen zu können (vgl. Saudi-Arabien stoppt Pilgerreisen nach Mekka).

Weihwasser, Kommunion und fremde Hände

In Italien, dem europäischen Zentrum der Covid-19-Ausbreitung, gibt es ebenfalls viele Pilgerstätten. Dort ist noch weitgehend unklar, wie die Ansteckungsketten verliefen. Trotzdem hat man vorsorglich den Mailänder Dom in der besonders betroffenen Lombardei geschlossen. In deutschen religiösen Touristenattraktionen wie dem Kölner Dom und der Münchner Jesuitenkirche Sankt Michael verzichtet man dagegen bislang nur auf das Füllen der Weihwasserbecken. In der schwäbischen Wallfahrtskirche Maria Vesperbild hält man sogar ein nun tägliches Wechseln dieses Weihwassers für ausreichend.

Die katholischen Bischöfe in Deutschland haben außerdem angeregt, dass die katholischen Priester die Hostien den Gläubigen nicht mehr direkt auf die herausgestreckte Zunge legen, sondern stattdessen nur noch die seit den 1960er Jahren erlaubte Handkommunion anbieten (vgl. Die Wege des Herrn sind unergründlich). Evangelische Kirchgänger, denen beim liturgischen Abendmahl außer einer Hostie auch Wein aus einem von allen gemeinsam genutzten Kelch gereicht wird, haben hier ein potenziell größeres Ansteckungsrisiko.

Der in den 1990er Jahren Mode gewordenen "Friedensgruß" mit Händeschütteln beim rechten und linken Banknachbarn soll bei katholischen Gottesdiensten nicht durch die vorher übliche Akklamation, sondern durch einen "Blick" ausgedrückt werden (vgl. Live Long And Prosper). Ähnliches empfiehlt Önder Yildiz von der Moschee der erdoğannahen DITIB in der Münchner Schanzenbachstraße. (Peter Mühlbauer)