Covid-19: US-Universität hilft, den Überblick zu behalten

Interaktive Karte der Johns-Hopkins-Universität

Deutschland ist derweil im Krisenmodus, Fälle jetzt auch in Norddeutschland und Hessen. Ein Experte kritisiert im Talk das Robert-Koch-Institut

Ein Winzling hält die Welt in Atem: Covid-19, im allgemeinen Sprachgebrauch das Coronavirus. In Europa ist Italien am schwersten betroffen. Eine interaktive Karte zeigt die tatsächliche weltweite Ausbreitung der Epidemie, und dies, wie behauptet, nahezu in Echtzeit.

Überblick: Die Lage im Weltmaßstab

Ein Team der Johns-Hopkins-Universität aus Baltimore führt hierbei Angaben der Weltgesundheitsorganisation, des Zentrums für Seuchenkontrolle, des Nationalen Gesundheitskomitees der Volksrepublik China sowie aggregierte Daten chinesischer Provinzen zusammen. Wie stellt sich die Lage im Weltmaßstab dar? Wo treten die bestätigten Fälle des Virus auf? Die Karte Wuhan Coronavirus (2019-nCoV) Global Cases bietet einen anschaulichen Überblick und zeigt die rund um den Globus bestätigten Fälle als Dashboard.

Lauren Gardner, Co-Direktorin des Center for Systems Science and Engineering (CSSE) an der Johns-Hopkins-Universität, beschreibt das Ziel der Initiative so:

We built this dashboard because we think it is important for the public to have an understanding of the outbreak situation as it unfolds with transparent data sources.

Lauren Gardner

Dabei ergibt sich folgendes Bild: Den rund 80.000 bestätigen Infektionen in China (Festlandchina) stehen akut deutlich unter 1000 Fallzahlen in gesamt Europa gegenüber. Die meisten der in Europa bestätigten Covid-19-Fälle gibt es aktuell in Italien: 655. Für Deutschland liegt die Angabe bei 48 Fällen, das Robert-Koch-Institut zählt aktuell 53 Fälle. Mehr als 30.000 Erkrankte haben die Erkrankung weltweit offenbar schon komplett überstanden.

Experten sagen, dass diese mit Wahrscheinlichkeit immunisiert sind, also nicht erneut am Virus erkranken könnten. Dagegen spricht der Fall einer Frau aus Osaka, die Anfang Februar nach ihrer ersten Erkrankung aus der Klinik entlassen worden war, jedoch drei Wochen später erneut positiv auf das Virus getestet wurde. Der Fall sorgte für Aufregung und könnte ein Hinweis darauf sein, dass einmal infizierte Menschen danach nicht zwingend immun gegen die tückische Erkrankung sind.

Experte: "Kindergärten sind Durchlauferhitzer"

Schwere Vorwürfe gegen die Handhabung der Angelegenheit hierzulande erhob am Mittwochabend im Talk bei Markus Lanz der Virologe Prof. Dr. Dr. Alexander S. Kekulé. Der Experte für Infektionskrankheiten schlug in der Sendung deutlich Alarm: "Das neue Virus ist sehr viel gefährlicher als die Grippe, auch wenn das immer anders behauptet wird. Unsere Gesundheitsbehörden dürfen das Problem nicht mehr verharmlosen."

Das Virus kenne keine Ländergrenzen: "Für einen Virologen macht es gar keinen Sinn, von zwei verschiedenen Ländern zu sprechen. So gesehen ist Italien eigentlich ein Teil von Deutschland und umgekehrt. Das Virus ist einfach hier", so der Experte. Kindergärten nannte Kekulé "eine Art Durchlauferhitzer", sie müssten als Erstes geschlossen werden. Dies bezog sich auf die aktuelle Nachricht, dass eine der infizierten Personen aus NRW von Beruf Kindergärtnerin ist und noch bis Karneval auch als solche im Einsatz war.

Sterblichkeit: 0,5 bis 1 Prozent

Kekulés Einschätzung: Beim Coronavirus liege die Sterblichkeit zwar "nur" zwischen 0,5 bis einem Prozent. Eine weitere Verharmlosung des Virus sei mit dieser Zahl aber mitnichten angebracht. Staat und Behörden, so Kekulé, hätten bereits vieles verschlafen, was zu tun gewesen wäre. Das Robert-Koch-Institut habe dabei mitgewirkt, die Einschätzung für Deutschland herunterzuspielen.

Einen kritischen Engpass sieht er beim Klinikpersonal: "Wir haben auch bei klinischem Personal Todesfälle, die vorher völlig gesund waren. Die im mittleren Lebensalter sind. Die jedenfalls nicht zu dieser Risikogruppe gehören, von der immer gesprochen wurde." Die Zuständigkeit der Länder sei aus Expertensicht überholt und hinderlich; so werde man einem derartigen Problemfall nicht gerecht.

NRW im Fokus: 1000 Menschen in häuslicher Quarantäne

Im Bundesland NRW machte der Kreis Heinsberg nach der Erkrankung eines Karnevalisten und einer Kindergärtnerin Furore. Im gesamten Kreisgebiet Heinsberg befinden sich nun rund 1000 Menschen per Amtsbeschluss in häuslicher Quarantäne. So soll die Infektionskette unterbrochen werden. Der Fokus liegt weiterhin auf der Gemeinde Gangelt, dort ist das öffentliche Leben fast zum Erliegen gekommen. Gangelts Bürgermeister Bernhard Tholen will nicht ausschließen, dass die Kommune zum Sperrbezirk wird.

Auf dem Stand von Freitag wurden bisher 20 Menschen in NRW auf Corona Sars-CoV-2 positiv getestet, "eine rein statistische Rechnung", so ein Sprecher des Kreises am Donnerstagabend. Eine Unternehmensberatung in Düsseldorf meldete zuletzt einen Mitarbeiter als infiziert; dieser hatte Kontakt in den Kreis Heinsberg. Die Geschäftsräume der Agentur mitten in der Düsseldorfer City wurden vorerst geschlossen und man forderte die übrigen Mitarbeiter auf, zu Hause zu bleiben. Nach derzeitigen Erkenntnissen hatte der infizierte Mitarbeiter keinen Kontakt zu Mandanten.

Erste Fälle in Hessen und Norddeutschland

Wer weiß, dass er infiziert ist oder sein könnte, aber keine Vorkehrungen trifft, kann sich unter Umständen strafbar machen, teilte unterdes ein Gelsenkirchener Rechtsanwalt mit.

Am späten Donnerstagabend waren die ersten Fälle in Norddeutschland und in Hessen gemeldet worden. Ein Mann aus Hamburg, der positiv getestet worden ist, arbeitet am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf in der dortigen Kinder- und Jugendmedizin.

Eine gute Nachricht: Zunehmende Temperaturen, so Experte Kekulé, würden die Ausbreitung des Virus wahrscheinlich eindämmen. Dem Sommer 2020 darf man insofern mit einem Schuss Optimismus entgegen sehen. (Arno Kleinebeckel)