Covid-19: Viel gefährlicher als die saisonale Grippe und am tödlichsten für ältere Männer

Einige Argumente aus der Sicht eines Mediziners für einen rationalen Umgang mit der Coronavirus-Pandemie

Seit mehr als 6 Monaten wird unser tägliches Leben von der Coronavirus-Pandemie beherrscht. Es handelt sich dabei um eine Naturkatastrophe, die mit ernsten Folgen auf medizinischem Gebiet und schwerwiegenden wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen einhergeht.

Das wird aber von zahlreichen Menschen, die in den vergangenen Wochen an den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen teilgenommen haben, anders gesehen. Da ich als Mediziner die dabei vertretenen Positionen, insbesondere was die Gefährlichkeit des Coronavirus angeht, für falsch halte, habe ich im Folgenden die derzeitigen diesbezüglichen Fakten als eine der Grundlagen für einen rationalen Umgang mit der Coronavirus-Pandemie zusammengestellt. Im letzten Abschnitt dieses Artikels möchte ich noch einen etwas anderen Blick auf die Zahlen und Statistiken der Coronavirus-Pandemie werfen, der ebenfalls zu einer rationalen Einordnung des Infektionsgeschehens beitragen soll.

Das Coronavirus ist gefährlich

Mein wichtigstes Argument ist, dass es sich bei SARS-CoV-2 um ein gefährliches Virus handelt. Das habe ich am 17.4.2020 in Telepolis ausführlich beschrieben. Grundlage dieser Einschätzung waren vor allem die praktischen Erfahrungen, die die Behandler in den Kliniken mit der neuen Covid-19-Patientengruppe gemacht haben.

In einem zweiten Artikel habe ich am 7.5.2020 dargestellt, dass das Virus im menschlichen Organismus "vom Kopf bis zu den Zehen" schwere Zerstörungen und erhebliche Schäden anrichten kann. Diese betreffen vor allem die Lunge, aber auch andere Organsysteme wie Herz und Blutkreislauf, Nieren, das Gehirn und die Blutgerinnung. Thromboembolien, das heißt Thrombosen und Lungenembolien, sind bekanntlich häufige Komplikationen bei Covid-19. In einer großen US-Studie konnte jetzt gezeigt werden, dass Blutverdünner, mit denen Thrombosen behandelt werden können, das Sterberisiko bei einem schweren Krankheitsverlauf von Covid-19 etwa halbieren.1 Weiterhin gibt es Hinweise auf Langzeitfolgen einer durchgemachten Coronavirus-Infektion in Form von chronischen Schädigungen der Lunge und des Herz-Kreislaufsystems und Stoffwechselstörungen wie Diabetes mellitus. Somit gibt es aus meiner Sicht keinen Zweifel daran, dass SARS-CoV-2 zwar kein Killer-Virus ist, aber dass wir Covid-19 nicht unterschätzen oder auf die leichte Schulter nehmen dürfen.

Im Gegensatz dazu sind in den letzten Monaten eine Reihe von Veröffentlichungen in von mir bis dahin geschätzten alternativen Medien ins Netz gestellt worden, in denen die Position vertreten wird, dass eine besondere Gefährlichkeit des Coronavirus wissenschaftlich nicht belegt sei und die Sterblichkeit durch Covid-19 im Bereich der saisonalen Grippe (Influenza) liege. Als ein Beispiel dafür sei hier ein Artikel aus dem Rubikon angeführt. Deshalb seien besondere Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, die in der Mehrzahl aller Länder beschlossen worden sind, nicht notwendig gewesen.

Covid-19 ist viel gefährlicher als die saisonale Grippe

Deshalb habe ich mich am 22.6.2020 in einem dritten Artikel mit der Frage beschäftigt, welche Schlüsse aus den vorliegenden Daten und Statistiken hinsichtlich der Letalität (Sterblichkeit) von Covid-19 im Vergleich zur saisonalen Grippe jenseits der von mir geschilderten klinischen Erfahrungen zu ziehen sind.

Zunächst wird in diesem Artikel die sozialmedizinische Begrifflichkeit der Letalität (Sterblichkeit) erklärt, die für eine vernünftige Beurteilung der vorliegenden Daten unabdingbar ist. So muss unterschieden werden zwischen der Case Fatality Rate (CFR), der Fall-Sterblichkeitsrate, und der Infection Fatality Rate (IFR), der Infizierten-Sterblichkeitsrate, bei der im Nenner auch die asymptomatischen Fälle mit gezählt werden, die zum Beispiel durch Antikörper-Tests oder durch Modellrechnungen festgestellt werden können.

Meine Darstellung soll weiterhin deutlich machen, dass der ermittelte Zahlenwert für die Letalität der saisonalen Grippe das Ergebnis zweier voneinander unabhängiger Schätzungen ist und starken jährlichen Schwankungen unterliegt. Der Zähler des Bruches ergibt sich also nicht aus einer direkten Messung der Fälle wie bei Covid-19, sondern aus einer Abschätzung der für Influenza assoziierten Übersterblichkeit (Exzess-Mortalität), und der Zahlenwert für den Nenner ergibt sich aus der geschätzten Anzahl der mit dem Grippevirus-Infizierten pro Jahr.

Für die Letalität der saisonalen Grippe wird häufig ein IFR-Wert von 0,1 % angegeben. Danach verstirbt bei der saisonalen Grippe einer von 1000 Infizierten. Andere Autoren führen niedrigere Werte an, z. B. 0,04 %.2 In der aktuellen "List of human disease case fatality rates" (Wikipedia) der weltweiten Infektionskrankheiten findet man für die saisonale Grippe folgende Angaben: Die CFR beträgt 0,1 % und die IFR 0,025 % bis 0,04 %.

Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die die Coronavirus-Pandemie von der saisonalen Grippe unterscheiden. Bei dem Coronavirus handelt sich um ein hoch ansteckendes neues Virus, das auf eine nicht immune Bevölkerung trifft, während bei dem Grippevirus eine weitverbreitete (Teil)-Immunität besteht. Zudem haben wir gegen das Grippevirus einen Impfstoff, der eine schützende Wirkung entfaltet kann. Es muss aber erwähnt werden, dass es neuerdings Vermutungen über die Existenz einer Kreuzreaktivität durch andere weniger krankmachende Coronaviren gibt, die durch die T-Zellen vermittelt wird. Das könnte eine Erklärung dafür sein, dass so viele bei der PCR-Testung positiv Getestete keine oder nur geringe Symptome zeigen.

Die Sterblichkeit bei Covid-19 variiert stark zwischen den betroffenen Ländern. So belief sich die CFR nach Berechnungen im August 2020 in Italien auf 13,44 %, im Vereinigten Königreich auf 12,5 %, in Belgien auf 11,84 %, in Frankreich auf 10,48 % und in Spanien auf 6,75 %. In Deutschland hingegen lag die CFR zuletzt bei 3,86 %.3

Als aussagekräftiger für die Beurteilung der Letalität wird die IFR angesehen, die auch die Zahl der asymptomatischen Infizierten berücksichtigt. Bei Covid-19 wird die IFR nach den neuesten Untersuchungen bei ca. 0,5 % bis 1 % angenommen, wenn man alle Infizierten berücksichtigt. 4 Danach versterben bei Corona 5 bis 10 von 1000 Infizierten. Das bedeutet, dass die Coronavirus-Infektion rein rechnerisch wahrscheinlich etwa fünf- bis zehnmal tödlicher ist als die Influenza. Diese Einschätzung wird bestätigt durch einen aktuellen Artikel, der am 4.8.2020 von der WHO veröffentlicht wurde und ebenfalls zu diesem Ergebnis gekommen ist.

Das Coronavirus ist am tödlichsten für ältere Männer

Schweregrad und Letalität von Covid-19 sind aber stark abhängig vom Alter. Das ist im Prinzip schon seit Beginn der Pandemie bekannt. Über die Ergebnisse einer Reihe neuerer Studien dazu wird in einer aktuellen Arbeit in der renommierten Wissenschaftszeitschrift "Nature".5 berichtet, auf die ich mich im Folgenden beziehen möchte. Hier heißt es:

Von 1000 mit dem Corona-Virus infizierten Personen unter 50 Jahren wird fast keiner sterben. Von Infizierten in den fünfziger- und frühen sechziger Jahren werden etwa 5 sterben - mehr Männer als Frauen. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko dann steil an. Auf 1000 Infizierte ab dem 75-sten Lebensjahr sterben etwa 116 Menschen. Das sind drastische Zahlen, die aus den ersten detaillierten Studien über das Sterblichkeitsrisiko für Covid-19 zu entnehmen sind.

Smriti Mallapaty

In Abbildung 1 sind die Ergebnisse (IFR) dieser neuen Studien über die Altersabhängigkeit der Letalität von Covid-19, die in der Schweiz, England und Spanien durchgeführt wurden, dargestellt.

Abb. 1. Quelle: Nature. Grafik: TP

"Covid-19 ist nicht nur für ältere Menschen gefährlich, es ist extrem gefährlich für Menschen ab Mitte der 50er, 60er und 70er Jahre", sagt Andrew Levin, Ökonom am Dartmouth College in Hannover, New Hampshire, der einschätzt, dass es für einen 60-Jährigen, der sich mit Corona infiziert, mehr als 50-mal wahrscheinlicher ist, an Covid-19 zu versterben als bei einem Autounfall.

Aber "das Alter kann nicht alles erklären", sagt Henrik Salje, Epidemiologe für Infektionskrankheiten an der Universität Cambridge. Das Geschlecht ist auch ein starker Risikofaktor, wobei Männer fast doppelt so häufig an dem Coronavirus sterben wie Frauen.

Die Unterschiede zwischen den Ländern bei der Letalität für höhere Altersgruppen deuten darauf hin, dass das Risiko, an einer Infektion mit Coronaviren zu sterben, auch mit den vorhandenen Gesundheitseinrichtungen, der Kapazität der Gesundheitssysteme und der Frage zusammenhängt, ob sich das Virus unter den Menschen in Altenpflegeeinrichtungen ausgebreitet hat.

Das Immunsystem könnte auch das viel höhere Risiko erklären, das für ältere Menschen besteht, an dem Virus zu sterben. Wenn der Körper altert, kann er nicht mehr so gut mit Entzündungen auf den Angriff von Viren reagieren, und Covid-19 könnte dann das bereits überlastete Immunsystem überfordern. Schwere Verläufe von Covid-19 neigen dazu, mit einer beschleunigten und übersteigerten Immunantwort einherzugehen.

Die Studie in England verglich auch Ergebnisse bei verschiedenen ethnischen Gruppen. Sterblichkeits- und Morbiditätsstatistiken deuteten zunächst darauf hin, dass Schwarze und Südasiaten in England häufiger sterben oder ins Krankenhaus eingeliefert werden. Aber die Analyse, die von Helen Ward, Epidemiologin am Imperial College in London, durchgeführt wurde, ergab, dass schwarze und südasiatische Menschen zwar viel häufiger infiziert waren als Weiße, aber nicht häufiger an Covid-19 verstarben.

Die Forscher stellen fest, dass es einen deutlichen Unterschied bei den geschätzten IFR-Werten zwischen den untersuchten Ländern gibt, insbesondere bei Menschen im Alter von 65 Jahren und älter. So wurde auf der Basis einer Antikörper-Prävalenzstudie in Genf die IFR von 5,6 % bei Personen im Alter von 65 Jahren und älter eingeschätzt. Diese Zahl war niedriger als in Spanien, wo bei Männern und Frauen über 80 Jahren die IFR bei etwa 7,2 % lag, und in England, wo bei über 75-Jährigen eine IFR von 11,6 % ermittelt wurde (Abb. 1).

"Es könnte viele Erklärungen für die Unterschiede geben", sagt Andrew Azman, Epidemiologe für Infektionskrankheiten an der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore, Maryland, der an der Genfer Studie beteiligt war. "Es ist zu erwarten, dass Länder mit höheren Raten von Komorbiditäten wie Diabetes mellitus, Adipositas und Herzerkrankungen eine höhere IFR aufweisen. Jedenfalls werden Länder mit Gesundheitssystemen, die in der Lage sind, schwerer kranke Patienten zu behandeln, mit Covid-19 besser umgehen können. Auch werden Länder, in denen die Krankenhäuser auf dem Höhepunkt der Epidemie nicht überlastet waren, bessere Überlebensraten aufweisen."

Ein Teil der Unterschiede könnte aber auch darauf zurückzuführen sein, wie die verschiedenen Studien durchgeführt wurden, sagen die Forscher. Zum Beispiel kommen Unterschiede in der Zuverlässigkeit von Antikörpertests, die in den verschiedenen Studien verwendet wurden, in Frage, oder Unterschiede, wie Covid-19-Todesfälle aufgezeichnet wurden und wie die Forscher die unterschiedlichen untersuchten Populationen in verschiedene Altersgruppen aufgeteilt haben.

Aber ein wesentlicher Faktor für die unterschiedliche Letalität in verschiedenen Ländern scheint auch zu sein, ob sich das Virus in Pflegeheimen oder Altenpflegeeinrichtungen ausbreitet, sagt Salje. An diesen Orten leben Menschen mit fragiler Gesundheit in engen und gedrängten Wohnverhältnissen, in denen sich das Virus schnell ausbreiten kann. Bei der englischen Studie, in der die Todesfälle in Pflegeheimen berücksichtigt wurden, stieg die IFR bei den über 75-Jährigen von 11,6 % auf 18,7 %. Salje schätzt ein, dass deshalb die IFR in Kanada, wo etwa 85 % aller Todesfälle in Pflegeheimen zu beklagen sind, deutlich höher ist als in Singapur, wo nur 8 % aller Todesfälle in Pflegeheimen aufgetreten sind.

Wie viele Menschen hat das Coronavirus weltweit bisher getötet?

Die direkte Zählung Ende August 2020 hat ergeben, dass bisher bei mehr als 26 Millionen bestätigten Infektionen mehr als 850.000 Menschen weltweit im Zusammenhang mit Covid-19 verstorben sind. Wie ist diese Zahl zu beurteilen? Mit dieser Frage setzt sich eine aktuelle Veröffentlichung auseinander, die ebenfalls in der Wissenschaftszeitschrift "Nature" erschienen ist.6

Neue Untersuchungen auf der Basis der Übersterblichkeit (Exzess-Mortalität) - darunter versteht man den Vergleich der erwarteten Todesfälle mit den tatsächlich erfolgten - deuten darauf hin, dass die tatsächliche Zahl der weltweiten Todesfälle durch die Coronavirus-Pandemie viel höher sein könnte.

Die Analyse in "Nature" umfasst Datensätze aus 32 Ländern und 4 großen Weltstädten und zeigt, dass es große Unterschiede bei der Übersterblichkeit zwischen einzelnen Ländern gibt.

In den Vereinigten Staaten und in Spanien - zwei der bisher am stärksten von Covid-19 betroffenen Ländern - besteht eine Übersterblichkeit, und etwa 25 % bzw. 35 % der Exzess-Toten spiegeln sich nicht in den offiziellen COVID-19-Todesstatistiken wider. Aber in anderen Ländern ist die Diskrepanz viel größer, wie z. B. in Peru, wo 74 % der Exzess-Toten nicht durch gemeldete COVID-19-Todesfälle zu erklären sind.

Dagegen haben einige Länder, wie z. B. Bulgarien, während der Pandemie bisher sogar eine geringere Sterblichkeit zu verzeichnen. Das bedeutet, dass dort trotz des Virus in diesem Jahr weniger Menschen gestorben sind als erwartet. Dies könnte auf Faktoren wie weniger Verkehrstote aufgrund der Lockdown-Maßnahmen und/oder weniger Tote an anderen Infektionskrankheiten als Corona aufgrund der allgemeinen Hygiene-Maßnahmen zurückzuführen sein.

Bis Ende Juli 2020 waren weltweit 646.949 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 verstorben. Die zusammenfassende Auswertung der Daten in der Studie ergab, dass zu diesem Zeitpunkt in den untersuchten Ländern und Weltstädten 413.041 gezählte Todesfälle durch Covid-19 festgestellt worden sind. Demgegenüber betrug die geschätzte Zahl der Exzess-Toten zu diesem Zeitpunkt in den untersuchten Regionen 593.344 und lag damit deutlich höher.

Daraus wird abgeleitet, dass auch weltweit die Zahl der geschätzten Exzess-Toten viel höher ist als die der gezählten Covid-19-Todesfälle. Auch wenn von dieser Differenz nicht alle, sondern nur ein Teil der Fälle, Covid-19 zugerechnet werden können, wird angenommen, dass die tatsächliche Zahl der Covid-19-Todesfälle deutlich höher liegt als die Zahl der gezählten Fälle. Zusätzlich kommen viele Todesfälle durch andere Todesursachen zustande, die auf indirektem Wege durch Covid-19 verursacht werden, z. B. weil die Krankenhäuser mit den schwer kranken Covid-19-Patienten überlastet waren oder weil chronisch Kranke sich nicht in ärztliche Behandlung begeben haben, weil sie befürchteten, sich mit dem Coronavirus anzustecken.

Die Aufgabe der Medien

Angesichts der Naturkatastrophe, die wir zurzeit erleben, ist es Aufgabe der Medien, und das betrifft die Haupt- und die Regionalmedien ebenso wie die alternativen Medien, über die damit verbundenen Tatsachen sachlich, d. h. ohne Panikmache oder Verharmlosung, zu informieren. Warum passiert das so selten? Warum werden die von mir dargestellten Befunde, über die in seriösen medizinischen und wissenschaftlichen Fachzeitschriften regelmäßig und ausführlich berichtet wird, nur ausnahmsweise in den Medien so kommuniziert, dass sie von jeder interessierten Person verstanden werden können?

Stattdessen steht häufig eine Sensationsberichterstattung im Vordergrund, bei der z. B. angebliche Experten behaupten können, Covid-19 sei harmloser als die saisonale Grippe, ohne dass ihnen auf einer sachlichen Ebene widersprochen wird. Ich habe persönlich die Erfahrung gemacht, dass sowohl in der hiesigen Regional-Presse als auch in Teilen der alternativen Medien eine sachliche Darstellung des Gefahrenpotentials des Coronavirus nicht erwünscht ist. Nach meinem Eindruck hat diese Berichterstattung zu einer weit verbreiteten Verwirrung und Desorientierung in unserer Bevölkerung beigetragen und ist ein wichtiger Grund für die in Deutschland erfolgten massenhaften Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen.

Ein weiterer Grund ist das sogenannte Präventions-Paradoxon. Deutschland ist bisher (Datum: 4.9.2020) mit 248.814 bestätigten Infektionsfällen, 9399 Todesfällen und 220.487 Genesenden aus verschiedenen Gründen relativ gut durch die Corona-Pandemie gekommen. Darauf weisen auch die oben angegebenen Letalitätszahlen (CFR) in den verschiedenen Ländern hin. Das Paradoxe ist nun, dass man die Gesundheitsschäden, die aufgrund der durchgeführten Corona-Maßnahmen ausgeblieben sind, nicht sehen kann. Deshalb erscheinen vielen Menschen diese Maßnahmen, die ja auch mit Einschränkungen verbunden sind, überflüssig gewesen zu sein.

Diese Einschätzung bedeutet aber natürlich nicht, dass die beschlossenen Corona-Maßnahmen außerhalb jeder Kritik stehen und in den nächsten Wochen und Monaten unverändert aufrechterhalten werden müssen.

Ein etwas anderer Blick auf die Corona-Zahlen und Statistiken

Durch die Diskussionen über meine Corona-Artikel in Telepolis habe ich eine Reihe interessierter und kreativer Zeitgenossen kennengelernt, von denen ich viel gelernt habe. Dazu gehört auch Ken Kubota, ein Wissenschaftler und Philosoph, der sich auf seiner persönlichen Website mit der Corona-Pandemie auseinandergesetzt hat.

Dort sind auch von ihm entwickelte Diagramme/Charts aufgeführt, die aus meiner Sicht für einen rationalen Umgang mit dem Corona-Thema förderlich sind und die ich hier mit seiner Erlaubnis den Lesern von Telepolis präsentieren möchte.

Covid-19: Viel gefährlicher als die saisonale Grippe und am tödlichsten für ältere Männer (6 Bilder)

Chart 1. Diagramm/Chart von Ken Kubota

Zu seinen Diagrammen/Charts hat Ken Kubota einige Erläuterungen gegeben:

Chart 1 zeigt den täglichen Zuwachs an Neuinfektionen in Deutschland, wobei die exponentielle Entwicklung des Infektionsgeschehens mathematisch in eine lineare übersetzt worden ist, da exponentielles Wachstum intuitiv nicht erfassbar ist. In dem Chart sind die getroffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie im Verlauf vermerkt.

In der linearen Darstellung pendelt das tägliche Wachstum seit Mitte Juli recht konstant um die +0,2% (in den letzten Tagen etwas weniger). Bei einem täglichen Wachstum von umgerechnet +0,2% wäre nach 500 Tagen die Herdenimmunität erreicht, bzw. von jetzt an in etwa in 200 bis 250 Tagen.

Es ist zu hoffen, dass effektive Maßnahmen zur weiteren Eindämmung oder eine Impfung diesen Trend stoppen können, sagt Ken Kubota. Wegen der Schulöffnungen (keine Maskenpflicht im Unterricht oder zu geringer Abstand zwischen Schülern in der Klasse wegen Lehrermangel) und der Herbst-/ Wintersaisonalität (weniger Lüftung der beheizten Räume, mehr Aufenthalt im Innern) ist er aber eher skeptisch.

Chart 2 zeigt den Verlauf der aktiven Fälle von Covid-19 in Deutschland mit einer Übersetzung der exponentiellen Entwicklung in eine lineare.

Auf der linearen Skala entsprechen 0% 10 hoch 0 = 1 Infizierter. 100% entsprechen 10 hoch 7,7 = 53,3 Mio. Infizierte (Herdenimmunität = 2/3 der deutschen Bevölkerung). Die aktuell ca. 18.110 aktiven Fälle wären demnach 55,1 % auf dieser Skala und entsprechen 10 hoch 4,3 = 18.110 (4,3 liegt also etwa in der Mitte zwischen 0 und 7,7). Die aktuellen Fälle werden berechnet als Summe der Neuinfektionen der letzten 14 Tage, was in etwa mit der RKI-Zahl übereinstimmt: 241.771 bestätigte Fälle - 214.900 Genesene - 9.295 Verstorbene = 17.576 aktive Fälle. Die eigene Berechnung ergibt 17.803 Fälle (= Summe der Neuinfektionen der letzten 14 Tage). 14 Tage ist die durchschnittliche Krankheitsdauer.

Chart 3 zeigt die Reproduktions-Wert R in Deutschland im Verlauf. Dabei bedeutet R7 den 7-Tage-R-Wert, R4 den 4-Tage-R-Wert und R1 den 1-Tage-R-Wert. Der R-Wert pendelt seit langer Zeit um 1,0. Die Situation ist also noch nicht entschärft.

Chart 4 zeigt die Zahl der täglichen Neuinfektionen in Deutschland, die seit Anfang Juli wieder langsam ansteigt. Auf dem Höhepunkt des Infektionsgeschehens Anfang März lag die Zahl der täglichen Neuinfektionen bei über 6000.

Chart 5 zeigt die Tage bis zur Erreichung der Herdenimmunität (bei konstantem R) im Verlauf, die derzeit (29.8.2020) bei 328 Tagen liegen. Besonders gefährlich wird es, wenn die Säule nach rechts geht, aber kurz ist. So hätten wir am 13.03.2020 nach 30 Tagen Herdenimmunität erreicht, wären keine die Pandemie einschränkenden Maßnahmen getroffen worden. Dann wären die Krankenhäuser wahrscheinlich mit schwerkranken Covid-19-Patienten überschwemmt und unser Gesundheitssystem überlastet worden, sodass die Todesrate deutlich angestiegen wäre.

Einige abschließende Gedanken

1. Ich bin ein Mediziner der älteren Generation und gehöre im Falle einer Infektion zusammen mit vielen Millionen weiterer Bundesbürger zur vorrangigen Risikogruppe für einen schweren Verlauf von Covid-19.
2. Deshalb bin ich froh darüber, dass die große Mehrheit unserer Bevölkerung nach den erfolgten Lockerungen der Lockdown-Maßnahmen die AHA-(Abstand-Hygiene-Atemschutz)-Regeln einhält und damit dazu beiträgt, dass das Infektionsgeschehen bei uns derzeit weitgehend unter Kontrolle bleibt.
3. Ich bin natürlich auch für die Aufrechterhaltung der demokratischen Grundrechte bzw. für deren Wiederherstellung, sobald das aus seuchenmedizinischen Gründen möglich erscheint. Deshalb habe ich Verständnis für diejenigen Kritiker, die um ihre Grundrechte fürchten und sie wahrnehmen wollen.
4. Aber ein elementares Menschenrecht ist auch das Recht auf Leben und auf körperliche Unversehrtheit, das durch die Corona-Pandemie massiv gefährdet wird. Deshalb sollten die Corona-Kritiker bei ihren zukünftigen Aktionen wenigstens die gültigen AHA-Regeln beachten und nicht bewusst dagegen verstoßen.
5. Mit aller Schärfe wende ich mich auch dagegen, dass diejenigen, die bei den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen ihre demokratischen Grundrechte wahrgenommen haben, pauschal in eine rechtsextreme Ecke gestellt oder als "Corona-Leugner" und "Verschwörungstheoretiker" verunglimpft und diffamiert werden.
6. Auf die zukünftigen Herbst-, Winter- und Frühjahrsmonate blicke ich mit Sorge, weil zu befürchten ist, dass in der kalten Jahreszeit das Infektionsgeschehen durch das Coronavirus wieder deutlich ansteigen wird und sich auch eine Grippe-Welle dazugesellen kann.
7. Deshalb plädiere ich dafür, dass sich vor allem die Angehörigen der Risikogruppen im Herbst gegen die saisonale Grippe impfen lassen.
8. Eine Impfung gegen Covid-19 ist leider noch nicht in Sicht. Sobald ein wirksamer und sicherer Impfstoff zur Verfügung steht, müsste dieser wohl zuerst den Angehörigen der Risikogruppen angeboten werden. Und das ist ja vor allem die ältere Generation mit oder ohne Komorbiditäten.7

Klaus-Dieter Kolenda, Prof. Dr. med., Facharzt für Innere Medizin- Gastroenterologie-, Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin- Sozialmedizin-, war von 1985 bis 2006 Chefarzt einer Rehabilitationsklinik für Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, der Atemwege, des Stoffwechsels und der Bewegungsorgane. Er ist Mitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Nikotin- und Tabakforschung e.V. (DGNTF) und arbeitet in der Kieler Gruppe der IPPNW e.V. (Internationale Ärztinnen und Ärzte für die Verhinderung des Atomkriegs und für soziale Verantwortung) mit. Email: klaus-dieter.kolenda@gmx.de

Danksagung: Ken Kubota danke für die Überlassung der Diagramme/ Charts und für die von ihm verfassten Erläuterungen dazu.

(Klaus-Dieter Kolenda)