Covid-19: Viele Ärzte und Pflegekräfte in Italien und Spanien infiziert

Bild von Sasin Tipchai auf Pixabay

In Spanien und Italien kommt auf etwa 10 Coronavirus-Infektionen ein Arzt oder eine Krankenschwester. Marode Gesundheitssysteme infolge der Finanzkrise 2008?

Weltweit explodieren die Neuinfektionen. Die USA haben als erstes Land der Welt mehr als 100.000 bestätigte Fälle gemeldet. Die spanischen Behörden gaben bekannt, dass seit gestern ein Rekord von 832 Personen an Covid-19 gestorben seien, was die Gesamtzahl der Todesfälle im Land auf 5.690 ansteigen lässt. Italien bleibt jedoch das am stärksten betroffene Land der Welt und meldete am Freitag weitere 919 Todesfälle. Die Zahl der Todesopfer in Italien hat nun 9.183 erreicht, und das Land verzeichnete insgesamt 86.931 bestätigte Fälle gegenüber 72.248 in Spanien.

Die Zahlen geben nur wenig Einblick in die Notlage, in der sich das medizinische Personal in überfüllten und unterversorgten Krankenhäusern befindet. Mittlerweile sind 50 italienische Ärzte infiziert, wie der Ärzteverband FNOMCEO mitteilt. Die Zahl der mit dem Coronavirus infizierten des Gesundheitspersonals in Krankenhäusern ist auf 6.414 gestiegen, das sind etwa 9% der insgesamt gemeldeten Fälle, schreibt Il Messagero. "Das Durchschnittsalter liegt bei 49 Jahren und 35% sind männlich."

In Spanien liegt der Anteil des Gesundheitspersonals unter den Infizierten noch höher: knapp 15 Prozent. Am Freitag wurden 9.444 Fälle bestätigt. Infizierte Arbeiter und ihre Krankenhäuser werden zunehmend als Überträger für die Verbreitung des Virus erkannt. "Die Krankenhäuser in Spanien gehören bereits zu den schlimmsten Infektionsquellen des Landes", sagte Jesus Garcia Ramos, ein Sprecher der spanischen Gewerkschaft der Pflegekräfte SATSE der New York Times.

"Wenn das medizinische Personal in Gefahr sei, sind alle in Gefahr", warnte WHO-Chef Tedros diese Woche in Genf. Doch die Worte kommen für viele in Spanien oder Italien zu spät. Anfang des Monats schätzt die WHO, dass weltweit monatlich mehr als 90 Millionen medizinische Masken sowie 76 Millionen Handschuhe und 1,6 Millionen Schutzbrillen benötigt würden. Zahlen, die mittlerweile nach oben korrigiert werden müssen. Neben dem Mangel an Masken, Handschuhen und anderer wichtiger Ausrüstung, fehlt es an Ärzten und Pflegekräften.

Krankenhauspersonal im Dauerstress

Die Abwesenheit der infizierten Kollegen hat wiederum den Druck auf das verbleibende Krankenhauspersonal erhöht, das bereits unter extremem Stress steht. Krankenpfleger müssen weiterarbeiten, auch wenn sie womöglich selbst infiziert sind. "Wer sich nicht mit dem Coronavirus ansteckt, wird irgendwann wegen Erschöpfung ausfallen", so Jesus Garcia Ramos von SATSE. Die Gesundheitssysteme und Krankenhäuser ächzen unter dem Druck der Pandemie, Ärzte und Pflegekräfte sind mehr als am Limit.

"Auf einigen Stationen des Krankenhauses beträgt das Verhältnis zwischen Patienten und Krankenschwestern 1 zu 12 bis 14, während es 1 zu 6 sein sollte. Da die Intensivstation mehr Krankenschwestern benötigt, verfügen andere Stationen nicht über das notwendige Personal, um die Patienten zu betreuen", sagte Mauro D'Ambrosio, Mitglied der Gewerkschaft Nursing Up. Wie die New York Times berichtet, wurden in der Provinz Brescia, dem Zentrum des Ausbruchs in Italien, nach Angaben eines Arztes aus der Region 10 bis 15 Prozent der Ärzte und Krankenschwestern infiziert und arbeitsunfähig gemacht.

Der Präsident des italienischen Krankenpflegeverbandes (CNAI) Walter de Caro sagte: "Italien führt mit diesem Virus einen 'Krieg'. Die Krankenhäuser im Norden sind überfüllt, und in der Lombardei gibt es keine freien Intensivbetten. Es werden große Anstrengungen unternommen, um in diesen sehr schwierigen Zeiten neue Einrichtungen vor Ort bereitzustellen. Es gibt Probleme im Zusammenhang mit der Planung und den Ressourcen, und es besteht ein Bedarf an mehr spezialisierten Intensivpflegeschwestern."

Viele in Italien und Spanien erleben bereits jetzt, was in China Anfang Februar der Fall war. Eine von chinesischen Ärzten durchgeführte und vom The Lancet veröffentlichte Studie zeigte, dass 70 % der Beschäftigten im Gesundheitswesen an der "Front" in Hubei, der Provinz, in der der chinesische Ausbruch begann, unter extremen Stress litten, 50 % hatten depressive Symptome, 44 % Angstzustände und 34 % Schlaflosigkeit.

Die Zahl gemeldeter Infektionen unter Ärzten und Pflegekräften in Italien und Spanien liegt zwei- und dreimal höher als in China während der Peak-Zeit der Krankheit. Dort wurde auch mit dem Einsatz von Robotern zur Lieferung von Medikamenten, Lebensmitteln und zur Desinfektion von Räumen reagiert. Anfang März wurde in Wuhan eine vollständig von Robotern betriebene Krankenhausstation eröffnet, um das medizinische Personal vor der Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. Maßnahmen, die in Europa noch Zukunftsmusik sind.

Sparmaßnahmen in Italien und Spanien nach der Finanzkrise

Im Jahr 2000 bewertete die WHO das italienische Gesundheitssystem als das zweitbeste der Welt, nach Frankreich, Spanien lag auf Platz 7, weit vor Deutschland auf Platz 25. Doch das änderte sich nach der Staatsschuldenkrise in der Eurozone, schreibt Rossella De Falco von der Universität Padua. Drakonische Sparmaßnahmen waren die Folge, die finanzielle Unterstützung für das Gesundheitssystem wurde sukzessive abgebaut.

In einem Artikel von 2018 schreibt de Falco: Im Jahr 2012 verabschiedete die italienische Regierung eine Reihe von Gesetzen, mit denen die Gesamtfinanzierung der öffentlichen Gesundheit um 900 Millionen Euro im Jahr 2012, 1,8 Milliarden Euro im Jahr 2013 und weitere 2 Milliarden Euro im Jahr 2014 gekürzt wurde, wodurch die Mittel für unentbehrliche Medikamente und den nationalen Gesundheitsfonds zurückgingen. Darüber hinaus wurde zwischen 2009 und 2010 das Personal des nationalen Gesundheitsdiensts (Servizio Sanitario Nazionale) reduziert.

Infolge der Finanzkrise kaputt gespart ist auch das Gesundheitssystem in Spanien. Laut einer Untersuchung der CCOO, der größten Gewerkschaft in Spaniens, wurde nach 2010 das Budget des Gesundheitswesens um knapp 10%, die Personalausgaben um 7% und das Investitionsbudget um 62% gekürzt. Die gesamten öffentlichen Gesundheitsausgaben wurden um 11% reduziert, die Gesundheitsausgaben in den öffentlichen Verwaltungen sind pro Einwohner um 12,6% gesunken. Insgesamt wurden Gehaltskürzungen zwischen 18% und 23% (je nach Region und Berufskategorie) vorgenommen.

Wenn man sich fragt, warum Italien und Spanien von der Pandemie so stark betroffen sind, muss man auf die Austeritätspolitik nach der Finanzkrise schauen - und damit auch auf die deutsche Politik unter dem damaligen Finanzminister Schäuble. (Bulgan Molor-Erdene)