Covid-19: Wild-, Fleisch- und Fischmärkte - und Schlachthöfe?

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Nach dem chinesischen Chef-Epidemiologen gleichen sich Covid-19-Ausbrüche auf den Märkten in Wuhan und in Peking. Und dann gibt es noch den Ausbruch im Schlachtbetrieb von Tönnies

In Deutschland brach die Covid-19-Epidemie kürzlich in dem Schlacht- und Fleischbetrieb von Tönnies in Rheda-Wiedenbrück aus. Nach Auswertung von 1106 Testergebnissen bis Donnerstagabend waren 730 Mitarbeiter positiv, am Freitag waren es schon 803, es wurden allerdings gestern alleine 140 Mitarbeiter getestet. Im Stammwerk müssen noch 5000 weitere Angestellte getestet werden, wodurch die Zahl der Infizierten noch ansteigen dürfte. Alle Mitarbeiter bis hin zur Unternehmensführung müssen mit ihren Angehörigen in Quarantäne. Ministerpräsident Armin Laschet erklärte, dass auch ein "flächendeckender Lockdown in der Region" verhängt werden könnte, sollte sich das "nie dagewesene Infektionsgeschehen" ausweiten.

Die Vermutungen gehen dahin, dass die Arbeits- und Lebensbedingungen, durch die sich Hygieneregeln nicht einhalten lassen, den Ausbruch befördert haben. Aber es könnten auch der Aufenthalt in größeren Menschengruppen, die anstrengende Arbeit, der lange Aufenthalt in geschlossenen Räumen - oder die niedrige Temperatur sowie die Zerlegung des Fleisches eine Rolle spielen. Auch in den USA waren Schlachthöfe Hotspots für Covid-19-Ausbrüche, ebenso Schlachthöfe in Brasilien, Frankreich, Spanien oder Australien.

Eine Kontamination von Fleisch oder Fleischwaren mit Coronaviren könnte theoretisch während der Schlachtung oder bei der Fleischzerlegung und -verarbeitung erfolgen. Dem BfR sind jedoch bislang keine Infektionen mit SARS-CoV-2 über den Verzehr von Fleischwaren oder Kontakt mit kontaminierten Fleischprodukten bekannt. Landwirtschaftliche Nutztiere, die zur Fleischproduktion verwendet werden, sind nach gegenwärtigem Wissensstand nicht mit SARS-CoV-2 infizierbar und können das Virus somit über diesen Weg nicht auf den Menschen übertragen.

Bundesinstitut für Risikobewertung

Von Fledermäusen, Fischen und Rindern

In China sind seit 11. Juni 172 Neu-Infektionsfälle (Stand 18. Juni) aufgetreten, davon 158 in Peking, darunter viele lokale Ansteckungen, die nicht durch Reise aus dem Ausland eingeführt wurden. Am 18. Juni wurden 25 neue Fälle entdeckt. In der Hauptstadt wurde das Infektionsgeschehen wie in Wuhan auf einen Großmarkt zurückgeführt. Wie bei Tönnies geht es um Tiere, in Wuhan fiel der Verdacht auf einen Wildtiermarkt - und damit auf Fledermäuse und Schuppentiere als mögliche Wirte, von denen das Virus übergesprungen sein könnte. Aber der Wildmarkt ging in einen Fischmarkt über. In Peking konzentriert man sich bislang auf den Fisch- und Meersfrüchtemarkt Xinfadi im Stadtviertel Fengtai, der sich aber wiederum neben einem Markt für Rind- und Lammfleisch befindet.

Der CDC-Chefepidemiologe Wu Zunyou erklärte am Donnerstag, dass der Covid-19-Ausbruch wieder unter Kontrolle sei, alle jetzt entdeckten Neuinfektionen seien vor dem 12. Juni geschehen. Die Zahl der positiv Getesteten werde erst einmal weiter ansteigen, aber es handele sich um keine Neuinfektionen, sondern nur um die Bestätigung von bereits Infizierten. Bislang seien alle Infektionen auf den Xinfadi-Markt zurückführbar gewesen, so Pang Xinghuo, der CDC-Chef für Peking.

In Peking war erstmals seit 2 Monaten am 11. Juni ein Infektionsfall entdeckt worden, der mit dem Fischmarkt zu tun hatte. Nach Entdeckung weiterer Fälle wurden in den "Risiko"-Stadtvierteln um den Markt Schulen geschlossen, Massentests und Straßenkontrollen angeordnet sowie Reiseverbote für diejenigen erlassen, die positiv getestet wurden, unter Verdacht stehen, infiziert zu sein, die auf dem Markt waren, Kontakt mit dort Arbeitenden hatten oder in Vierteln um den Markt leben. Wer raus oder rein will, muss negativ getestet sein. Weil die Märkte geschlossen wurden, werden 5.000 Tonnen an Gemüse aus der Nachbarprovinz in die Risikogebiete in Peking zur Sicherung der Lebensmittelversorgung gebracht.

Zu dem erneut massiven Mittel griff die Regierung, weil sie sich auch gegenüber dem Ausland so darstellte, dass sie das Richtige rechtzeitig und vorbildlich nach dem Ausbruch in Wuhan getan habe, und bei jedem etwas größeren Infektionsgeschehen Sorge vor wachsendem Misstrauen der Bevölkerung hat. Vor allem wird ein Auftreten einer zweiten Welle gefürchtet, weswegen man schnell und hart zuschlug.

Weil das Virus auch auf Schneidebrettern für Lachs auf einem anderen Markt nachgewiesen wurde, ohne dass dies bislang zu entdeckten Neuinfektionen geführt hat, nahmen Supermarktketten diesen schnell aus ihrem Sortiment, schließlich wurde ein Importverbot für Lachs verhängt. Eindeutig auf den Fisch- und Meeresfrüchtemarkt zurückführen lässt sich das Infektionsgeschehen aber nicht. Angeblich seien mehr Fischverkäufer als Fleischverkäufer infiziert worden, zudem wären bei den Fischverkäufern die Symptome eher aufgetreten.

Spielen kühle Räume und Umgang mit gekühlten Lebensmitteln eine Rolle?

Die Fischabteilung des Großmarkts sei auch stärker Covid-19 kontaminiert, so der CDC-Chefepidemiologe Wu, aber daneben waren auch im Bereich für Rind- und Lammfleisch mehr Sars-Cov-2-Spuren als in den anderen Bereichen des Großmarkts gefunden worden. Wu verwies darauf, dass es zu Beginn des Covid-19-Ausbruchs auch in Wuhan Infektionscluster auf einem Markt gegeben hatte, der direkt neben dem Fischmarkt lag. Es könnte sein, so vermutet er, dass die feuchte Umgebung des Fischmarkts und die eingefrorenen Produkte für ein Überleben des Virus günstig sind. Durch einen Vergleich der Ausbrüche in Wuhan und Peking könne man einen Weg finden, das Geheimnis zu lüften.

Man könnte auch hinzufügen, dass ein Vergleich mit dem Ausbruch in der deutschen Fleischfabrik neue Aufschlüsse geben könnte. Vermutet wird zwar, dass Sars-CoV-2 von Fledermäusen direkt auf den menschlichen Wirt übergesprungen ist, aber es wird auch die Spur verfolgt, dass dabei Schuppentiere als Zwischenwirte eine Rolle gespielt haben könnten. Mit Fischen und Rindern sowie Schafen könnten aber nun weitere verdächtige Tiere hinzukommen, schließlich wurde nachgewiesen, dass auch Hunde und Katzen infiziert werden können. Oder es sind eben bestimmte Bedingungen, die auf Fisch- und Fleischmärkten, vielleicht auch in Schlachthöfen günstig für die Verbreitung des Virus sind.

Dirk Pfeiffer, Professor an der Abteilung für Veterinärmedizin der City University von Hong Kong, sagte dem South China Morning Paper (SCMP), dass man annimmt, dass Fische nicht die Rezeptoren hätten, um von Sars-CoV-2 infiziert werden zu können: "Aber das Fischfleisch könnte beim Bearbeiten durch Menschen kontaminiert werden." Auch die Kühlung und der starke Einsatz von Wasser könnten eine Rolle spielen.

Zu der Schlussfolgerung war ein internationales Wissenschaftlerteam ebenfalls in einer in Asian Fisheries Science veröffentlichten Studie gekommen, da Betacoronaviren nur bei Säugetieren zu finden seien. Fische und andere Meerestiere würden bei der Verbreitung von Covid-19 daher keine Rolle spielen. Sie könnten wie alle anderen Oberflächen aber kontaminiert werden, etwa durch infizierte Menschen. Das aber sollte mit gebräuchlicher Hygiene und angemessenem Umgang vernachlässigbar sein.

Das könnte dann wieder auf Säugetiere wie Fledermäuse und Schuppentiere, aber auch Rinder und Schafe verweisen. Schweine und Hühner sollen nach dem Friedrich-Loeffler-Institut, das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, im Gegensatz zu Fledermäusen (aber nicht die heimischen Arten) und Frettchen "nicht empfänglich" für Sars-CoV-2 sein.

Nur diese wurden bislang untersucht, das Institut schreibt: "Es gibt bisher keine Hinweise darauf, dass sich Schweine, Hühner und andere bei uns übliche Nutztiere/lebensmittelliefernde Tiere mit SARS-CoV-2 infizieren können. Daher ist auch eine Untersuchung von Schlachttieren auf SARS-CoV-2 zum jetzigen Zeitpunkt nicht sinnvoll. Das Friedrich-Loeffler-Institut hat Studien zur Empfänglichkeit von Tieren gegenüber SARS-CoV-2 begonnen." Da in dem betroffenen Tönnies-Standort wohl vor allem Schweine verarbeitet werden, sollte von diesen nach dem FLI keine Gefahr ausgehen.

Die chinesische Nationale Gesundheitskommission erklärt, es gebe bislang keinen Beweis für eine Verbreitung von Covid-19 durch Lebensmittel (Fleisch, Fisch, Gemüse etc.). Übertragen werde die Infektion vor allem durch Tröpfchen und Aerosole, andere Übertragungswege müssten erst noch bestätigt werden. Aber man schlägt doch Vorsichtsmaßnahmen vor im Umgang mit Lebensmitteln.

Geraten wird zu verschiedenen Schneidebrettern für rohe und gekochte Lebensmittel, Salat soll man lieber nicht essen und Früchte vor dem Verzehr schälen. Vor und nach dem Umgang mit Lebensmitteln sollen sorgfältig die Hände gewaschen werden, bei Küchengeräten reiche 15 Minuten kochen, um sie zu desinfizieren. Verpackte Fertigessen sollten vor dem Verzehr erhitzt, große Mengen an Gemüse im Sommer nicht gelagert werden. (Florian Rötzer)