Covid-19 und Lockdown: Was war Regierungen die Rettung von Menschenleben wert?

Bild: CDC

Wissenschaftler haben versucht, die frühe oder späte Entscheidung zum Lockdown mit den wirtschaftlichen Verlusten (BIP) und der Mortalität als ökonomisches Kalkül zu quantifizieren

Die Zahl der Menschen, die weltweit an oder mit Covid-19 gestorben sind, liegt mittlerweile über 700.000 und wird weiter ansteigen. Da es keine Medikamente und keine Impfmittel gab und gibt, haben Regierungen zu nicht-klinischen Vorbeugungsmaßnahmen gegriffen wie Hygiene- und Abstandsregeln, Maskenpflicht, Ausgangsverbote und/oder einem vollständigen Lockdown. Das hat zu schweren wirtschaftlichen Schäden und zu wachsender Arbeitslosigkeit geführt, aber auch zu erhöhter häuslicher Gewalt, steigenden psychischen Störungen und bei Kindern zum Rückgang der schulischen Leistungen. Die Folgen werden erst noch wirklich zu spüren sein, zumal wenn, wie manche befürchten, im Herbst ein zweite, vielleicht noch größere Welle kommt.

Britische Ökonomen von der University of Exeter Business School haben sich in einer Studie, die in der Zeitschrift Environmental and Resource Economics erschienen ist, angeschaut, wie viele Menschenleben ein schnelles Verhängen oder eine Verzögerung sowie die Andauer des Lockdowns gekostet bzw. gerettet hat und welche wirtschaftliche Kosten für das BIP diese politischen Entscheidungen mit sich gebracht haben. Die wirtschaftlichen Kosten werden aus Prognosen des IWF für das BIP 2020 vor (Oktober 2019) und nach dem Beginn der Pandemie (April 2020) abgeleitet. Zudem wurden Studien zur Abschätzung der wirtschaftlichen Schäden aufgrund der Länge des Lockdowns ausgewertet. Daraus leiten sie dann ab, wie hoch der Preis eines Menschenlebens in einem Staat angesetzt war, also wie viel eine Regierung bei ihrer Entscheidung gewissermaßen für die Rettung eines Menschenlebens zu zahlen bereit war. Sie wollen mit ihren Abschätzungen der Politik eine rationale Grundlage für künftige Entscheidungen an die Hand geben.

Der Zeitpunkt der Verhängung von Lockdowns

Untersucht und miteinander verglichen wurden neun Länder mit sehr unterschiedlichen Verläufen und vor allem unterschiedlicher Mortalität: Belgien, China, Dänemark, Deutschland, Großbritannien, Italien, Neuseeland, Südkorea und die USA. Die Mortalität wurde mit den offiziellen Todesstatistiken mit Daten über die Übersterblichkeit unter Berücksichtigung von demografischen und sozioökonomischen Faktoren wie Alter, Bevölkerungsdichte oder Einkommensungleichheit abgeschätzt. Der Preis für ein Menschenleben steigt, wenn der Lockdown früher beschlossen wurde, weil dann die Wirtschaft stärker beeinträchtigt wird. Allerdings bestimmt nicht alleine die Länge eines Lockdowns den BIP-Rückgang, sondern dieser setzt normalerweise bereits davor ein, wenn die Menschen ihr Verhalten verändern und hängt natürlich auch von der Situation in anderen Ländern ab. Die Wissenschaftler gehen nach anderen Studien von einem ungefähren Verlust des BIP von 15 Prozent aus.

Die Lockdowns hätten nach dem zugrundeliegenden Modell in den neun Ländern bis 24. Juni theoretisch 14 Millionen Menschen das Leben gerettet, in Deutschland 540.000, in China 10 Millionen oder in Italien 380.000. Allerdings würde die Zahl in der Realität deutlich niedriger ausfallen, weil die Menschen mit steigenden Todeszahlen auch von selbst ihr Verhalten verändert hätten, um eine Ansteckung zu vermeiden.

Nicht berücksichtigt wurde, dass die Krankenhäuser an ihre Kapazitätsgrenzen mit steigenden schweren Infektionen kommen könnten, was die Todeszahlen hochtreiben würde. Nicht berücksichtigt bei diesen Berechnungen wird auch, dass wie in Deutschland die Infektionszahlen schon vor der Anordnung der Lockdown-Maßnahmen so weit zurückgegangen sind, dass der Lockdown daran nichts mehr änderte. Der Streitpunkt ist, ob die Maßnahmen die Zahl der Infektionen unten gehalten hat und ob sie ohne diese wieder angestiegen wäre, wenn der Angstpegel bei den Deutschen angesichts der niedrigen Infektions- und Todeszahlen schnell nachgelassen hätte.

Gleich vorneweg: Großbritannien schneidet mit am schlechtesten ab. Nach den Wissenschaftlern hat das Hinauszögern des Lockdowns viele Menschenleben gekostet. Ein Lockdown drei Tage früher hätte nach dem verwendeten epidemiologischen Modell 20.000 Briten vor dem Tod gerettet. 100.000 US-Dollar sei ein Menschenleben in Großbritannien, aber auch in Italien oder in den USA wert gewesen. In Großbritannien eigentlich noch weniger, da die Zahlen beschönigt wurden. In Deutschland sei ein Menschenleben dagegen mehr als eine Million wert gewesen, in Südkorea wurde ein Leben mit 6,7 und in Neuseeland sogar mit 11,6 Millionen bezahlt. Hätte die britische Regierung noch drei Tage länger gewartet, wären vielleicht über 30.000 Menschen mehr gestorben, nach 12 Tagen mehr als 200.000.

Der Preis eines Menschenlebens schätzt die kritische Bedeutung ein, wenn eine Regierungsintervention die Möglichkeit hat, Leben zu retten, auch wenn das gegen andere Güter abgewogen wird.

Ben Balmford, einer der Autoren

Der Preis eines Menschenlebens

Länder, die sich früh für einen Lockdown entschieden haben, haben nach dem Ansatz den Preis eines Menschenlebens deutlich höher bewertet, als solche, die diesen hinausgezögert haben. Aber auch sie haben nach dem Modell natürlich ökonomisch entschieden. In Deutschland hätten bei einem drei Tage früher verordneten Lockdown 4000 Leben gerettet werden können, wäre er drei Tage später verordnet worden, wären 8000 Menschen zusätzlich gestorben. Hätte Italien nach der Berechnungen früher reagiert, wären 18.000 Menschen weniger gestorben, in Großbritannien wären 20.000 Todesfälle weniger, in den USA über 50.000.

Durch die Entscheidung, den Lockdown nicht drei Tage früher anzuordnen, haben Regierungen abgelehnt, mehr Leben zu retten, als der Preis relativ hoch war. Dieselbe Logik zeigt, dass sie den durch eine Verschiebung implizierten Preis akzeptiert haben.

Ben Balmford

Nach den Berechnungen hat Deutschland abgelehnt, einen Preis für ein Menschenleben von einer Million (547.000 - 2.218.000) zu akzeptieren, war aber mit der früheren Verhängung des Lockdown bereit, einen Preis von etwas über 500.000 (238.000 - 1.336.000) zu zahlen. Großbritannien akzeptierte nur 67.000 und lehnte bereits einen Preis von knapp über 100.000 ab. Italien akzeptierte ähnlich wie Belgien mit 57.000 noch weniger und lehnte schon einen Preis von 95.000 ab, die USA akzeptierten 87.000 und lehnten einen Preis von 150.000 ab. In der chinesischen Provinz Hubei wurden 108.000 akzeptiert und 200.000 abgelehnt. Es wurde also auch zu lange gewartet.

Diese Berechnungen basieren auf den offiziell veröffentlichten Todeszahlen. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Zahlen in den USA, in Großbritannien und Italien zu gering waren. Für Großbritannien, wo vermutlich ein Drittel der Todesfälle nicht Covid-19 zugeordnet wurde, käme nach einer Berichtigung heraus, dass nur 40.000 als Preis für ein Menschenleben akzeptiert und schon ein Preis von 65.000 beschämenderweise abgelehnt wurde. Stimmen die Einschätzungen grob in der Tendenz, dann gilt ein Menschenleben in den USA, in Großbritannien und Italien wenig, während in Neuseeland und Südkorea das Retten von Menschenleben ökonomisch am höchsten gewertet wird. So unterscheiden sich Kulturen.

Die Corona-Pandemie-Skeptiker und der Preis eines Menschenlebens

Die Corona-Pandemie-Skeptiker, die die Maßnahmen für überzogen und Covid-19 nur für eine gewöhnliche Grippewelle halten, würden aus dieser Betrachtung den Wert von Menschenleben sehr gering einordnen. Etwa so, wie Donald Trump sagt: "Sie liegen im Sterben, das ist wahr. Es ist, wie es ist.". Aus dem Lager heißt es auch, dass die Menschen sowieso gestorben wären. Also "Fehlalarm", wie Bhakdi ebenfalls mit Scheuklappenvisier konstatiert.

In Deutschland ist der Blick sehr eingeschränkt auf Deutschland, wo nach der Studie die Rettung eines Menschenleben relativ hoch angesetzt wurde, weswegen relativ wenig Menschen starben. Mit einem Blick auf Europa zeigt sich, dass die Übersterblichkeit schon jetzt höher ist als die auch bei einer schweren Grippewelle wie 2017/2018, die "tödlichste seit 30 Jahren":

Bild: Euromomo für die 31. Woche 2020. Als noch keine Übersterblichkeit verzeichnet wurde, haben Corona-Maßnahmen-Kritiker gerne auf Euromomo verwiesen. Jetzt lieber nicht mehr.

(Florian Rötzer)