Covid-Origins: Vielleicht doch kein "China-Virus"?

Sars-CoV-2-Viren. Bild: NIAID/CC BY-2.0

Aktuellen Befunden zufolge trat das Coronavirus in Italien bereits im September 2019 auf

Aus der Welt der Superhelden und der Superschurken ist bekannt, dass jeder gestandene Protagonist eine ordentliche Vorgeschichte, auf Neudeutsch: "Back-Story", braucht. Die Back-Story macht den Plot plausibel und verleiht den Handlungen der Charaktere einen Sinn. Oft wird die Hintergrundgeschichte nur Stück um Stück enthüllt. Nicht selten wird sie nachträglich revidiert.

Ähnlich die komplizierte Vorgeschichte von COVID-19, die, das liegt wohl in der Natur der Sache, nur stückweise bekannt wird und gelegentlich wieder aufgeräumt werden muss. So wurde gerade bekannt, dass das neue Coronavirus vermutlich bereits im September 2019 in Italien auftrat. Darauf jedenfalls weisen Ergebnisse einer aktuellen Studie des Nationalen Krebsinstituts (Instituto Nationale dei Tumori, INT) in Mailand hin.

Die Forscher untersuchten Blutproben aus Lungenkrebs-Screenings, die bis in den September 2019 zurückreichen. Dabei seien Antikörper, die für SARS-CoV-2 spezifisch sind, in Proben von asymptomatischen Patienten aus ganz Italien festgestellt worden.

Damit zeige sich, so die Autoren, eine sehr frühe Verbreitung des neuen Coronavirus unter asymptomatischen Personen, mehrere Monate bevor der erste Patient in Italien identifiziert wurde. "Das Auffinden von SARS-CoV-2-Antikörpern bei asymptomatischen Personen vor dem Covid-19-Ausbruch in Italien", so die Forschergruppe des INT, "könnte die Geschichte der Pandemie verändern." Der erste laborbestätigte italienische Covid-Fall wurde am 20. Februar registriert.

Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass auch an der Universität Siena Antikörpertests im Zusammenhang mit der Studie durchgeführt wurden. Dabei habe man vier Fälle entdeckt, die Anfang Oktober 2019 aufgetreten seien. Dies bedeute, einem Koautor der Studie zufolge, dass die Infektionen im September stattgefunden hätten.

Personen ohne Symptome seien den serologischen Tests zufolge nicht nur positiv gewesen, sie hätten auch Antikörper aufgewiesen, die das Virus abtöten können. Daraus sei abzuleiten, dass das neue Coronavirus in der Population sehr lange und mit geringer Letalität zirkulieren könne, nicht weil es verschwinde, sondern um danach wieder stark anzusteigen.

Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge war das neue Coronavirus bis zu dessen Entdeckung Ende Dezember letzten Jahres in Wuhan nicht bekannt. Allerdings war die Möglichkeit nicht ausgeschlossen worden, dass das Virus sich andernorts unbemerkt verbreitet hat. Laut Reuters habe die WHO am Montag erklärt, sie werde die Ergebnisse aus Italien überprüfen.

Bereits im Frühjahr hatten italienische Forscher von ungewöhnlich hohen Fallzahlen von Lungenentzündung und Grippe in der Lombardei im letzten Quartal 2019 berichtet. Möglicherweise handelte es sich dabei um COVID-19-Fälle, die nicht als solche erkannt wurden.

Ebenfalls bereits im Frühjahr gaben Mediziner des Albert-Schweitzer-Krankenhauses in Colmar bekannt, dass sie mittels Brustscans den ersten COVID-19-Infizierten in Frankreich auf den 16. November 2019 datiert hätten. Ähnlich der neuen Studie aus Italien gab es Hinweise darauf, dass das Virus sich zunächst nur sehr sporadisch verbreitet habe, bevor sich die Ansteckungen beschleunigt hätten.

Untersuchungen von Abwasserproben in Barcelona ergaben, dass eine Probe vom 12. März 2019 coronapositiv war. Dies deute darauf hin, so das Forscherteam der Universität Barcelona, dass die Infektion in Spanien präsent war, bevor der erste importierte Fall registriert wurde. Allerdings wurde das Virus in der Studie, die als Preprint veröffentlicht wurde, nur in einer Probe und nur in geringer Konzentration gefunden.

Um die Frage nach dem tatsächlichen Ursprung der Pandemie hat sich in den letzten Monaten ein heftiger internationaler Streit entwickelt. Der noch amtierende U.S.-Präsident Donald Trump sprach im Wahlkampf regelmäßig von einem "China Virus". Dahinter standen Spekulationen, das Coronavirus sei aus einem chinesischen Hochsicherheitslabor entwichen.

Chinesische Medien nehmen die Ergebnisse der italienischen Studie nun für Erklärungen zum Anlass, dass China für den Beginn der Pandemie nicht verantwortlich sei. "Dies zeigt einmal mehr", so ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums, "dass die Rückverfolgung der Virusquelle eine komplexe wissenschaftliche Frage ist." (Thomas Schuster)