Curiosity

Philosophische Kolumne: Von Marssonden und Marsriegeln

Der philosophische Fachbegriff der letzten Woche war zweifelsohne der Name der Marssonde: "Curiosity" bedeutet eigentlich "Neugier" und sollte wohl die grundlegende Motivation ihrer amerikanischen Erbauer umschreiben. Das ist also so, als ob man seinen Hund "Streichelbedürfnis" nennen würde. Zumindest wenn der Hund so katzengroß ist wie die "Curiosity". Es gibt auch größere Hunde.

Erste Panoramaaufnahme mit Farbbildern vom 9. August. Bild: NASA/JPL-Caltech/MSSS

Aber im vorliegenden Fall einer ganzheitlichen Begriffsbestimmung des Lexems "Curiosity" liegt die Assoziation zu einer Katze insofern nahe, als ein amerikanisches Sprichwort sagt: "Curiosity kills the cat". Das bedeutet so viel wie: Neugier kann schaden, auch und vor allem Katzen. Zwar gibt es auf dem Mars keine Katzen. Es wäre auch unwahrscheinlich gewesen, dass "Curiosity" ausgerechnet auf einer freilaufenden Marskatze landet.

Trotzdem spiegelt dieses von Stabreimen geplagte Sprichwort die ursprüngliche Bedeutung der mittelalterlichen "curiositas" wieder. Curiositas war eine Sünde, sogar eine Todsünde. Darum wäre Augustinus von nichts so kulturgeschockt gewesen wie von der Landung der Raumsonde. Nicht nur, weil zu seiner Zeit Amerika noch nicht entdeckt war, auch nicht wegen des interplanetaren Raumflugs, sondern wegen des Taufnamens der Sonde. Laut Augustinus überschreitet der Mensch nämlich kraft seiner Neugier die ihm gesetzten Grenzen, und lenkt ihn von allem ab, was er gottgewollt tun sollte. In manchen Fällen inspiriert Neugier sogar zu ganz schlimmen Dingen.

Genau genommen, hätte die NASA für Augustinus ihre Sonde auch "Mordlust" oder "Ketchupverachtung" nennen können – was sie aber nicht getan hat, und zwar unter anderem deshalb, weil sich die Bewertung mittelalterlicher Neugier im Zuge mentalitätsgeschichtlicher Neuerungen und Wirtschaftsförderung grundsätzlich ins Gute gewandelt hat. Neugier gilt – wie könnte es anders sein – in der Neuzeit als eine der höchsten Tugenden. Sie bringt uns laut Star Trek dazu, "dorthin zu gehen, wohin noch nie ein Mensch zuvor gegangen ist" bzw. hat laut dem Philosophen Hans Blumenberg mit dem "Prozess der theoretischen Neugierde" die Neuzeit überhaupt erst so richtig in Schwung gebracht und so ihres Geistes Kinder in die moderne Welt gesetzt bzw. die innerfamiliäre Hackordnung grundsätzlich umstrukturiert: Die alte curiositas hatte so etwas wie ein zweieiiges Zwillingsgeschwisterchen, nämlich die studiositas. Das ist gute Neugier, und die sollte fortan bevorzugt werden. Heutzutage wird die Neugier gelobt und man unterstellt ihr im Guten, Neuerungen voranzutreiben, Erfindungen zu ermöglichen und Ehebrüche aufzudecken.

Des einen Neugierde ist des anderen tödliche Langeweile

Aber was sollten uns diese Woche die Ergebnisse marsianischer Neugier bringen? Welche metaphysische Erkenntnis bringt die Erkenntnis, dass es auf dem Mars so aussieht wie bei Hempels unterm Sofa. Die Welt verdankt zwar (Carl Gustav) Hempel (ebenfalls Philosoph) die Idee, dass alles im Universum unter ein einziges Naturgesetz fallen könnte. Wahrscheinlich muss man nur neugierig genug sein, danach zu suchen, aber warum sollte man?

Die Antwort darauf gibt derzeit "Curiosity" selbst, endlich ausgestattet mit einer eigenen Meinung: Zumindest twittert seit dem 6. August ein Sarcastic Rover atmosphärische Erlebnisberichte vom Mars. Am 10. August hieß es zum Beispiel: "SUPERSTRING THEORY answers the questions of the universe. SILLY-STRING THEORY answers the questions of what to have at a birthday party”. Oder am 8. August: "Just ordered a PIZZA… this ougtha be interesting. LOL Avoid the NOID!!” (Noid war eine amerikanische Werbetrickfigur aus den 80ern, die bei jeder Gelegenheit versucht hat, die rechtzeitige Auslieferung einer Pizza zu verhindern.

Und so macht sich ein bislang Unbekannter dergestalt in dieser Woche darüber lustig, wie sich Curiosity fühlen und was es denken müsste, wenn diese Sonde das Bewusstsein eines Durchschnittsamerikaners hätte: Millionen Kilometer von der Erde entfernt, allein, mit Songs wie David Bowies "Is there life on mars?" im Hinterkopf und auf einer Wissenschaftsmission, die darin besteht herauszufinden, aus welchem Dreck Dreckklumpen gemacht sind. Des einen Neugierde ist des anderen tödliche Langeweile, die in diesem Fall in kuriose Wortspiele ausartet wie der Forderung nach einer "Aresologie" (Ares = Mars, Arse = Ars..) oder der ästhetiktheoretischen Forderung nach mehr Schönheit auf diesem Planeten (würde man auch dort die Polkappen schmelzen lassen können), oder der Phantasie, irgendwann als Bösewicht in einem Star Trek-Film spielen zu dürfen (wie es die "Voyager" vorgemacht hat).

Aber ist das alles, worüber man dort philosophiert, wo noch nie ein Mensch zuvor war? War es angebracht, so weit zu reisen und hat sich diese Neugier gelohnt? Zweieinhalb Milliarden Dollar? Wie viele Marsriegel könnte man sich für eine Marssonde kaufen? Oder Menschenleben retten?

Sicher ist es eine Prinzipienfrage, ob man gut augustinisch ein Übermaß an Fortschritt und Grenzüberschreitungen ablehnt oder eher in Richtung Raumfahrt tendiert (oder ab man sich mit Star Trek begnügt, und mit der vergleichsweise kostengünstigen Präsentation von martialischen Männern in Schlafanzuguniformen, deren alleiniger Anblick schon so viele Probleme des irdischen Alltags relativieren konnte). Aber in Polen, wo das Sprichwort mit der gefährdetet Katze herkommt, sagt man auch: Neugier ist die erste Stufe zur Hölle. Falls es dort (also in der Hölle, nicht in Polen) so aussieht wie auf dem Mars, will sicher niemand freiwillig dorthin. (Stefanie Voigt)

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