Cyberkommando sucht nach "Plattformen" für Cyberangriffe

Um das Cyberkommando vom Geheimdienst NSA und dessen Wissen zu lösen, sollen leicht einsatzfähige Träger für unterschiedliche Cyberwaffen geschaffen werden - eine Art Flugzeugträger für den Cyberwar

Seit 2015 verfolgt die US-Luftwaffe im Rahmen des Programms Offensive Cyberspace Operations (OCO) die Entwicklung von "Plattformen" für Cyberangriffe. Damit gemeint ist ein aus Hardware und Software bestehendes einheitliches System oder eine Cyber Mission Platform (CMP) bzw. Military Cyberspace Operations Platform (MCOP), mit der Angriffe ausgeführt werden können. Verglichen werden solche Cyberwar-Plattformen etwa mit Flugzeugträgern (Cyber Carriers), von denen aus Angriffe mit unterschiedlichen Flugzeugen und Waffen ausgeführt werden können. Eine solche Plattform für alle Abteilungen, die unterschiedliche Cyberplattformen integriert und ein interoperables und erweiterbares Netzwerk von Cyberfähigkeiten bilden soll, wurde in der Nationalen Cyberstrategie aus dem Jahr 2015 als notwendige technische Grundlage für das Cyberkommando gesehen.

Das hat auch damit zu tun, was schon länger im Gespräch ist, den Geheimdienst NSA vom US-Cyberkommando zu trennen. Jetzt ist der NSA-Direktor gleichzeitig der Kommandeur des USCYBERCOM, das wiederum dem USSTRATCOM untersteht. Letztes Jahr ordnete US-Präsident Trump an, das Cyberkommando als unabhängiges Unified Combatant Command zu etablieren, was heißt, es aus STRATCOM zu lösen und von der NSA zu trennen. Damit soll die Zentralität des Cyberspace hierarchisch gewürdigt werden, so dass das Cyberkommando dann auf derselben Ebene wie CENTCOM, EUCOM, STRATCOM oder SOCOM stünde.

Getrennt werden sollen NSA und Cyberkommando u.a., weil ihre Aufgaben unterschiedlich sind. Das Cyberkommando soll Cyberangriffe abwehren und selbst offensive Cyberangriffe ausführen, während der Geheimdienst für verdeckte Operationen, Spionage, Massenüberwachung oder den Schutz der Regierungsnetzwerke zuständig ist.

Das Cyberkommando könne erst aus dem Schatten der NSA heraustreten, wenn es über eine für alle Abteilung einheitliche "Plattform" verfügt, auf die die Cyberwaffen angebracht werden, um sie "abzufeuern". Militärisch nennt man alle Systeme Plattformen, auf denen wie auf Schiffen, Flugzeugen oder Fahrzeugen Waffen angebracht werden können. Allerdings ist das 2009 beschlossene Cyberkommando zwar 2010 als "anfänglich" einsatzbereit erklärt worden, aber es ist personell noch nicht vollständig - man will im Oktober 2018 alle 6200 Posten besetzt haben - und offenbar noch ziemlich abhängig von der NSA.

Für das Cyberkommando ist die Luftwaffe dafür verantwortlich, eine solche Plattform zu entwickeln. Für das Programm werden im Budget für das Haushaltsjahr 2019 29,8 Millionen US-Dollar veranschlagt, für 2020 10 Millionen und für 20121 6 Millionen. Die "Cyber Operations Platform" soll die Einheiten des Cyberkommandos dazu befähigen, Missionen zu planen, Daten zu analysieren und Entscheidungen für das "Ausführen von Cyberspace-Operationen auf allen Ebenen von den operationellen bis hin zu taktischen" auszuführen. Dabei sollen kinetische und Cyberwaffen kombiniert und ebenso defensive wie offensive Operationen ausgeführt werden.

Gedacht ist daran, zunächst nur ein Minimum Viable Product (MVP) mit Kernfunktionen zu erstellen, das dann weiter entwickelt werden soll, um eine "flexible, interoperable und skalierbare Kriegführungsfähigkeit" zu bieten. Es geht also letztlich um die schnelle Herstellung eines weiter entwickelbaren Prototypen.

Dass das Cyberkommando noch nicht auf eigenen Füßen stehen kann, geht aus einer Bemerkung von General John Hyten, dem Kommandeur des Strategic Command, dem es noch untersteht, hervor: "Ich unterstütze die Trennung der beiden solange nicht, bis wir eine unabhängige Plattform in den Streitkräften haben, mit dem das Cyberkommando arbeiten kann."

Die Plattform soll also das Cyberkommando vollständig unabhängig von der NSA machen und die offensiven Teams kampfbereit werden lassen. Sie würden dann mit fertigen Waffen ausgerüstet, die sie nur anwenden müssten, ohne sie erst für Angriffe auf bestimmte Ziele anpassen oder gar erst entwickeln zu müssen. Also wie bei einem Gewehr, bei dem man nur zielen und abdrücken müsste.

Das Militär denkt sich also die Cyberwar-Kriegsführung ähnlich wie die traditionelle, wo man Soldaten für den Einsatz von Plattformen und Waffen ausbildet, die einsatzfertig vorhanden sind und nur noch an die Front gebracht werden müssen. Ob eine solche Vorstellung für den Datenkrieg angemessen ist, da sich hier Veränderungen in den Programmen und Netzwerken schnell vollziehen und eine einmal angewandte Cyberwaffe bereits unwirksam sein könnte. (Florian Rötzer)

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