Cyberkultur

Universalität ohne Totalität

Der Cyberspace mit seinen unendlich miteinander verbundenen Hypertexten verändert die Struktur unseres Wissens radikal. Der französische Philosoph Pierre Lévy stellt die Konturen der künftigen Cyberkultur vor, die auf den Wogen des unübersichtlichen Informationsmeeres schwimmt und eine neue Art des kollektiven Wissens hervorbringt.

Pierre Lévy ist Professor für Informations- und Kommunikationswissenschaften am Hypermedia- Depertment der Universität St. Denis in Paris. In Telepolis finden Sie einen weiteren Beitrag von ihm: Städte, Territorien und Cyberspace

Die zweite Sintflut

In einer meiner Veranstaltungen an der Universität mit dem Titel "digitale Technologien und kulturelle Mutationen" bitte ich jeden Studenten, einen kleinen Vortrag von 10 Minuten zu halten. Danach sollen sie mir eine Zusammenfassung von zwei Seiten mit einer Bibliographie geben, die für die anderen kopiert werden kann, wenn sie am Thema interessiert sind.

Im letzten Jahr gab mir ein Student die zwei Seiten und sagte mit einer ein wenig geheimnisvollen Attitüde: "Hier ist es! Es handelt sich um ein virtuelles Exposé!" Ich sah mit seine Arbeit über Instrumente der digitalen Musik durch und konnte nicht entdecken, in was es sich von gewöhnlichen Zusammenfassungen unterschied: ein Titel in fettgedruckten Buchstaben, Untertitel, unterstrichene Worte in einem meist gut formulierten Text, eine Bibliographie. Ich machte mich über meine Skepsis lustig, ging zum Computerraum und setzte mich mit ein paar anderen Studenten, die mir gefolgt waren, vor die Bildschirme. Dann entdeckte ich, daß die zweiten der Zusammenfassung, die ich auf Papier erhalten hatte, aus dem Web abgedruckt worden waren.

Anstelle eines lokalisierten Textes, der auf einem Träger aus Zellulose fixiert ist, anstelle eines kleinen Territoriums mit einem Autor als Eigentümer, einem Beginn, einem Ende und Rändern, die Grenzen bilden, war ich mit einem dynamischen, offenen, allgegenwärtigen Dokument konfrontiert, das mich auf einen praktisch unendlichen Korpus an Texten verwies. Derselbe Text hatte sich in seinem Wesen verändert. In beiden Fällen spricht man von Seiten, aber im ersten Fall ist es ein "pagus", ein begrenzter Raum, ein Eigentum, ein Feld verwurzelter Zeichen, und im zweiten eine bewegliche Einheit, die den Kapazitätsgrenzen in den Netzen unterworfen ist. Auch wenn man diese Charakterisierung auf Artikel oder Bücher bezieht, ist die Seite im ersten Fall materiell geschlossen, während sie uns im zweiten Fall technisch und direkt mit den Seiten anderer Dokumente verbindet, die über die ganze Erde verstreut sind und die sich wiederum endlos auf andere Seiten, auf andere Tropfen desselben weltweiten Ozeans von zirkulierenden Zeichen beziehen.

Ausgehend von der Erfindung einer kleinen Gruppe des CERN hat sich das World Wide Web unter den Benutzern des Internet wie ein Kondensstreifen ausgebreitet, um innerhalb weniger Jahre zu einer der wichtigsten Achsen in der Entwicklung des Cyberspace zu werden. Das bringt vielleicht nur eine vorläufige Tendenz zum Ausdruck. Deswegen stelle ich die Hypothese auf, daß uns das unaufhörliche Wachstum des Web auf einige wesentliche Merkmale einer Kultur hinweist, die gerade am Entstehen ist.

Eine Webseite ist ein Element, ein Bestandteil des nicht zu fassenden Korpus aller Dokumente des World Wide Web. Doch durch die Verbindungen, die sie zum Rest des Netzwerkes herstellt, durch die Kreuzungen und Verzweigungen, die sich anbietet, stellt sie auch eine organisatorische Selektion, eine strukturierende Kraft, einen Filter dieses Korpus dar. Jedes Element dieses unentwirrbaren Knäuels ist gleichzeitig ein Informationspaket und ein Navigationsinstrument, ein Bestandteil des Archivs und ein eigener Blickpunkt über dieses Archiv. Auf der einen Seite ist die Webseite das Tröpfchen eines Stromes und auf der anderen Seite ist sie ein einzigartiger Filter des Informationsmeeres.

Auf dem Web befindet sich alles auf der gleichen Fläche. Deswegen ist alles differenziert. Es gibt keine absolute Hierarchie, sondern jede Seite ist ein Selektionsmittel, eine Weiche oder eine bestimme Hierarchisierung. Das Web, weit davon entfernt, eine gestaltlose Masse zu sein, verbindet eine offene Vielzahl von Gesichtspunkten, doch diese Verbindung wird transversal verwirklicht, als Rhizom, ohne göttlichen Gesichtspunkt, ohne überragende Vereinheitlichung. Neue Instrumente der Indexierung und der Suche müssen erfunden werden, was die vielen aktuellen Forschungsarbeiten über die dynamische Kartographie der Datenräume bezeugen, z.B. die Entwicklung von intelligenten "Agenten" oder von kooperierenden Informationsfiltern. Trotzdem ist wahrscheinlich, daß der Cyberspace, wie auch immer die Navigationstechniken sich entwickeln werden, seinen überquellenden, offenen, radikal heterogenen und nicht totalisierbaren Charakter bewahren wird.

Die zweite Flut und die Unerreichbarkeit des Ganzen

Ohne semantische oder strukturelle Schließung ist das Web nicht mehr in der Zeit fixiert. Es dehnt sich, bläht sich auf und verändert sich dauernd. Es ist im Fluß und zeigt so mit seinen unzähligen Quellen, seinen Turbulenzen, seinem unaufhaltbarem Anstieg den Kern der zeitgenössischer Information. Jeder Speicher, jede Gruppe, jedes Individuum, jedes Objekt kann zum Sender werden und die Wellen verstärken. Roy Ascott nennt das, bildlich gesprochen, die zweite Flut - die Informationsflut. Ob zum Besseren oder Schlechteren folgt auf diese Flut keine Ebbe. Wir müssen uns an diese verschwenderische Fülle und an diese Unordnung gewöhnen. Ohne kulturelle Katastrophe wird uns keine große Wiederherstellung der Ordnung, keine zentrale Autoritität wieder auf festen Boden oder stabile und gut vor der Überschwemmung gesicherte Landstriche führen.

Die geschichtliche Umorientierung des Bezugs zum Wissen läßt sich zweifellos am Ende des 18. Jahrhunderts sehen, im Augenblick des fragilen Gleichgewichts, wo die alte Welt am schönsten blühte, während der Rauch der industriellen Revolution bereits die Farbe des Himmels zu verändern begann. Es war die Zeit als Diderot und d'Alembert ihre große Enzyklopädie herausgaben. Bis zu dieser Zeit konnte eine kleine Gruppe die Gesamtheit des Wissens (oder zumindest die wichtigsten Elemente) beherrschen und anderen das Ideal dieser Beherrschung vermitteln. Das Wissen war noch totalisierbar, man konnte es noch zusammenfassen.

Seit dem 19. Jahrhundert wurde das Projekt einer Beherrschung des Wissens seitens eines Individuums oder einer Gruppe mit der Vergrößerung der Welt, der fortschreitenden Entdeckung ihrer Verschiedenartigkeit und der immer schneller wachsenden wissenschaftlichen und technischen Kenntnisse mehr und mehr illusionär. Heute ist es offensichtlich und für alle begreifbar geworden, daß das Wissen endgültig nicht mehr totalisierbar und beherrschbar ist. Wir müssen dieses Projekt aufgeben.

Von der großen Arche zu mobilen Flottillen

Die Entstehung des Cyberspace bedeutet keineswegs, daß jetzt alles zugänglich sei, sondern vielmehr, daß das Ganze endgültig außer Reichweite ist.

Wie kann man sich vor der Flut retten? Sollen wir uns in die Arche begeben? Die Vorstellung, daß wir uns eine Arche bauen könnten, die das Wichtigste enthält, würde gerade heißen, sich der Illusion der Totalität hinzugeben. Wir alle, Institutionen, Gemeinschaften, Menschengruppen und Individuen, müssen Sinn erzeugen, uns in vertrauten Zonen einrichten, uns im umgebenden Chaos zurechtfinden. Aber einerseits muß jeder seine partiellen Totalitäten auf seine Weise nach seinen eigenen Bedeutungskriterien errichten und andererseits sollten diese Zonen einer angeeigneten Bedeutung äußerst beweglich, veränderlich, im Werden begriffen sein. Das Bild der großen Arche sollten wir durch das der Flottille kleiner Archen, Kähne und Hausboote ersetzen, durch eine Milliarde kleiner unterschiedlicher, offener und provisorischer Totalitäten, die von aktiver Filterung durchdrungen sind und sich ständig durch das Können der intelligenten Kollektive verändern, die sich mit den großen Wassermassen der informationellen Sintflut überkreuzen, gegen sie prallen oder sich mit ihnen vermischen.

Die zentralen Metaphern des Verhältnisses zum Wissen sind heute die Navigation und das Surfen. Sie beinhalten die Fähigkeit, mit den Wellen, den Strudeln, den Strömungen und den gegensätzlichen Winden auf einer unbegrenzten und sich stetig verändernden großen Fläche zurechtzukommen. Die alten Metaphern der Pyramide (das Besteigen der Wissenspyramide), der Leiter oder des Studiengangs lassen hingegen die unbeweglichen Hierarchien der Vergangenheit wiedererstehen.

Das Verhältnis zum Wissen und die materiellen Hilfsmittel

Die Geschichte, die materielle Hilfsmittel und das Verhältnis zum Wissen verbindet, läßt sich schematisch durch die Interferenzen und Überschneidungen von vier idealen Formen darstellen.

Die erste Form: In den Gesellschaften vor der Schrift war das praktische, mythische und rituelle Wissen in der lebendigen Gemeinschaft verankert. Wenn ein alter Mensch starb, brannte eine Bibliothek ab.

Die zweite Form: Mit der Schrift ging das Wissen in das Buch über. Das Buch war einzigartig, unendlich deutbar, transzendent. Man nahm an, daß es alles enthielt: die Bibel, der Koran, die heiligen Texte, die Klassiker, Konfuzius, Aristoteles. Der Interpret war der Herr des Wissens.

Die dritte Form: Seit dem Buchdruck und bis vor kurzem geisterte die Gestalt des Weisen, des wissenschaftlich Gebildeten, die der Enzyklopädie herum. Das Wissen kommt nicht mehr aus dem Buch, sondern aus der Bibliothek. Es wurde durch ein Netz von Verweisen strukturiert, das vielleicht schon immer ein Vorschein des Hypertextes war.

Die Deterritorialisierung der Bibliothek, zu der wir heute beitragen, kann nur das Vorspiel für den Beginn einer vierten Form des Verhältnisses zum Wissen sein. Durch eine Art Rückkehr in der Spirale zur ursprünglichen Oralität, könnte das Wissen eher wieder durch lebendige menschliche Gemeinschaften getragen werden als durch die davon abgespaltenen Arbeitsleistungen der Interpreten und Weisen. Nur ist der unmittelbare Träger des Wissens dieses Mal im Unterschied zur archaischen Oralität nicht mehr die körperliche Gemeinschaft und deren fleischliches Gedächtnis, sondern der Cyberspace, der Ort der virtuellen Welten, durch deren Vermittlung die Mitglieder der Gemeinschaft ihre Objekte entdecken und konstruieren und sich selbst als intelligente Kollektive erkennen.

Die Reinkarnation des Wissens

Webseiten, um wieder zum Beispiel des Beginns zurückzukehren, bringen die Ideen, Wünsche, Erkenntnisse und Angebote zum Austausch von Personen und Gruppen zum Ausdruck. Hinter dem großen Hypertext steckt das Gewimmel der Menge und ihrer Beziehungen. Im Cyberspace wird das Wissen nicht mehr als etwas Abstraktes oder Transzendentes verstanden: Es wird mehr und mehr sichtbar - und in Echtzeit sogar begreifbar -, da es der Ausdruck einer Population ist. Die Webseiten sind nicht nur wie die Papierseiten mit Unterschriften versehen, sie eröffnen auch oft über Email, elektronische Foren oder andere Kommunikationsformen in virtuellen Welten wie den MUDs oder MOOs eine direkte, interaktive Kommunikation. Daher sind die digitalen Netzwerke, ganz im Gegensatz zu der in den Medien kursierenden Meinung von der Kälte des Cyberspace, mächtige Faktoren der Personalisierung oder der Verleiblichung des Wissens.

Genauso wie die Kommunikation mit dem Telefon die Menschen nicht davon abhielt, sich auch körperlich zu begegnen, da man telefonisch Treffen ausmachen kann, geht die Kommunikation mittels elektronischer Botschaften oft Reisen, Konferenzen oder geschäftlichen Treffen vorher. Selbst wenn sie nicht von einer leiblichen Begegnung begleitet wird, enthält die Interaktion im Cyberspace eine Form der Kommunikation. Aber, so hört man immer wieder, manche halten sich stundenlang "vor dem Bildschirm" auf und isolieren sich von den anderen. Solche Exzesse sollten natürlich nicht verstärkt werden. Doch sagt man auch von jemandem, der etwas liest, daß er "stundenlang vor dem Papier sitzt"? Nein, weil derjenige, der liest, nicht in Beziehung zu einem Blatt aus Zellulose steht, sondern mit einem Diskurs, mit Stimmen, mit einem Universum an Bedeutung, zu dessen Konstruktion er beiträgt und das er durch seine Lektüre bewohnt. Daß der Text sich jetzt auf dem Bildschirm befindet, ändert daran nicht. Es handelt sich immer um eine Lektüre, auch wenn sich die Modalitäten von dieser verändern.