Cyberwar: Die Risiken steigen mit zunehmender Vernetzung

Weltweit verlegte Telekommunikations-Seekabel (Stand 2015). Bild: Greg Mahlknecht/CC-BY-SA-2.0

Pentagon warnt, Russland könnte im Konfliktfall Seekabel kappen und damit die "zivile und militärische Infrastruktur" lahmlegen

In einer vernetzten und digitalen Welt ist die Zahl der möglichen Verwundbarkeiten unüberschaubar, zumal es überall Kaskadeneffekte geben könnte. Kürzlich warnte etwa Admiral Michael Rogers, der Kommandeur des Cyber Command des Pentagon, in einer Anhörung des Streitkräfteausschusses des Senats, dass die lange propagierte Strategie, gemäß der netzwerkzentrierten Kriegsführung alles zu vernetzen, was man heute Internet der Dinge nennt, zu großen Sicherheitsrisiken geführt hat. Der oberste Geheimdienstchef James Clapper stieß ins selbe Horn und sagte, die Cyberbedrohung könne nicht eliminiert werden, man müsse mit ihr umgehen.

Das Cyber Command hat die Aufgabe, die Computersysteme des Pentagon zu schützen, "cyber operations" in alle Bereiche einzuführen und sich auf den Angriff auf Computersysteme des Gegners vorzubereiten. Man sei allerdings jetzt an einem Wendepunkt angekommen, so Michael Rogers"an dem das große Versprechen und die Chancen, die die Cyberspace-Innovation angeboten hat, es den möglichen Feinden immer einfacher macht, Verletzlichkeiten zu finden, die sie benutzen können, um uns zu drohen". Jahrzehnte der Investition in Militärtechnik seien jetzt gefährdet, wo Gegner die Kampfmöglichkeiten des US-Militärs übertreffen und "unsere zivile und militärische Infrastruktur" bedrohen können. Das sei eine reale Bedrohung, die Vorkommnisse aus der letzten Zeit belegt hätten.

Jetzt geht im US-Militär eine neue Angst um. Gut möglich freilich, dass auch wieder einmal Angst geschürt wird, um den Konflikt mit Russland köcheln zu lassen, auch wenn es möglicherweise eine Annäherung über Syrien geben könnte, wobei sich hier aber die Türkei sowie Iran und Saudi-Arabien weiter sperren. Die New York Times gibt Hinweise aus dem Pentagon weiter, dass angeblich russische U-Boote und Spähschiffe in der Nähe von wichtigen Seekabeln operieren. Diese würden praktisch die gesamte globale Internetkommunikation transportieren, das "Lebensblut für die Internetkommunikation und den eCommerce". 95 Prozent der globalen Kommunikation geht über das immer dichtere Netz der Seekabel, die offen im Meer liegen.

USS Jimmy Carter (SSN 23). Bild: navy.mil

Neben den allgemein bekannten Seekabeln gibt es aber auch geheime des Pentagon, die sicher von Russland aus ausgekundschaftet werden, wie das auch andersherum geschieht. So ist die USS Jimmy Carter (SSN-23) ein Atom-U-Boot, das extra zum Anzapfen von Seekabeln entwickelt wurde - und diese natürlich auch bei Bedarf kappen kann. In das U-Boot wurde eine Multi-Mission Platform (MMP) eingebaut, um kleine U-Boote zu entsenden und wieder aufzunehmen, aber auch für den Einsatz von Navy SEALs.

Strategische Kommunikation

Pentagon- und Geheimdienstmitarbeiter hätten jetzt zunehmend Sorgen, dass die Russen planen könnten, diese Kabel während eines Konflikts anzugreifen. Auf der anderen Seite weiß man jetzt freilich auch, dass just dies das US-Militär auch als Möglichkeit für einen Cyberwar ins Auge fassen dürfte. Es sei der "ultimative Hack" der Russen, die Glasfiberkabel an Stellen zu beschädigen, an die man nur schwer zum Reparieren gelangen kann. "Ich mache mir jeden Sorgen darüber, was die Russen vorhaben", wird Konteradmiral Frederick Roegge, der Kommandeur der U-Boot-Flotte im Pazifik zitiert. Um was er sich Sorge macht, erhellt er aber ebenso wenig wie das, was die Russen angeblich machen.

Letzten Monat soll das Spionageschiff Yantar, das zwei U-Boote mit sich führt, langsam an der Ostküste der USA entlang nach Kuba gefahren sein. Dort geht ein Seekabel zum US-Stützpunkt Guantanamo Bay. Mit den U-Booten könnten die Russen Kabel tief im Meer kappen, sagten Marineangehörige der NYT, um aber gleich auch die Botschaft zu vermitteln, dass das russische Schiff permanent von Spionagesatelliten, Schiffen und Flugzeugen der USA bewacht wurde.

Eingeräumt wird, dass die USA jeden Schritt Russlands mit Argwohn wie in Zeiten des Kalten Kriegs beobachtet, vor allem da nun das russische Militär weltweit auch wieder aktiver wurde. Die USA haben hingegen weltweit Stützpunkte. Wenn etwa Amiral Mark Ferguson darauf verweist, dass die Zahl der Patrouillenfahrten der russischen U-Boote im letzten Jahr um fast 50 Prozent angestiegen sei, wird natürlich nicht mitgesagt, wie dies auf Seiten der USA und der Nato aussieht, die Russland ebenfalls belauern, die Militärübungen vergrößert und vermehr, eine "Speerspitze" gegen Russland eingerichtet und Militär an die Grenzen verlegt haben.

Zudem findet gerade mit Trident Juncture die größte Nato-Militärübung "seit mehr als 10 Jahren" in Italien, Portugal und Spanien sowie den angrenzenden Atlantik- und Mittelmeerseegebieten statt, wie die Bundeswehr berichtet ("Klare Warnung an jeden potentiellen Aggressor"). Auch Russland lässt Militärübungen stattfinden. In der Barentsee probt der Flugdeckkreuzer Admiral Kusnezow ein Luftabwehrsystem. Im Schwarzen Meer wird die russische Flotte üben, einen Angriff auf die Krim abzuwehren. Und das U-Boot-Jagdschiff Vizeadmiral Kulakow fährt in den Atlantik, um auf dem Weg dorthin und dort ebenfalls Übungen durchzuführen. Auch im Mittelmeer sind Übungen geplant.

Privat, so die NYT, würden die Kommandeure und Geheimdienstmitarbeiter aber deutlicher sein, so die New York Times. Eine viel praktizierte Form der strategischen Kommunikation ist es, den Medien Informationen anzubieten, die man nicht offiziell verlautbaren, aber dennoch an die Öffentlichkeit bringen will. Die Medien spielen mit, weil sie offizielle, wenn auch anonym bleibende Quellen haben, die ihnen Exklusivität anbieten. Was das Pentagon oder die Geheimdienste mit dem Durchstechen bezwecken, ist eine andere Frage.

Wie es scheint, soll letztlich damit die aggressive Militärpolitik Russlands dargestellt werden, wie sie sich auf der Krim, in der Ostukraine und jetzt in Syrien zeige. Admiral James Stavridis spricht von einem "hochaggressiven Regime, das offenbar zurück auf die Instrumente des Kalten Kriegs, wenn auch mit einem hohen Grad der technischen Verbesserung, greift".

Klar wird auf jeden Fall, dass sich die Großmächte auf einen Konflikt mit Cyberwar-Szenarien vorbereiten. Auf dem Meer geht es eben darum, die Kommunikation lahmzulegen, um das gegnerische Militär sowie die zivile Kommunikations-Infrastruktur des Feindlandes auszuschalten. Zunehmend werden auch hier ferngesteuerte und autonome U-Boote eingesetzt, mit denen sich u.a. Kabel durchtrennen ließen, ohne dass ein großes U-Boot oder ein Kriegsschiff vor Ort notwendig wäre. Möglicherweise wäre dann nicht einmal mehr herauszufinden, wer das ferngesteuerte U-Boot geschickt hat, ähnlich wie dies bei vielen Cyberangriffen der Fall ist. (Florian Rötzer)