DITIB beim Wort genommen

Günther Wallraff will in der umstrittenen Kölner Moschee Salman Rushdie lesen

Der Vorschlag hat es in sich: Günther Wallraff, deutscher Enthüllungs-Schriftsteller, berühmt geworden in den 70er und 80er Jahren mit Reportagen, welche u.a. die Praktiken der Bild-Zeitung und die Arbeitsbedingungen von türkischen Arbeitern in Deutschland ans Licht der Öffentlichkeit brachten, schlug in Interviews gestern vor, dass die „Satanischen Verse“ in der muslimische Öffentlichkeit gelesen und diskutiert werden müssten: in der geplanten (und umstrittenen) neuen Kölner Moschee am Ehrenfeld (vgl. Streit um die Moschee in Köln).

Man habe ihm angeboten, dem Beirat für die geplante Moschee beizutreten, als „nützlicher Idiot“ wolle er dies aber auf keinen Fall machen, Wenn, dann wolle er etwas bewegen, so Wallraff, der Rushdie zeitweise bei sich zuhause versteckt hielt, in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Diesen Anspruch, etwas zu bewegen, löst er mit seinem Vorschlag ein. Man müsse die DITIB (die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, Bauherrin der Moschee, Anm. d. V.) „auch beim Wort nehmen“, sagte Wallraff gegenüber dem Kölner Stadtanzeiger:

Sie will sich öffnen und in die Moschee zu kulturellen Veranstaltungen einladen.

Eine Provokation sei sein Vorschlag "auf keinen Fall", so der Schriftsteller, der damit wohl mit etwas Naivität kokettiert. Selbst wenn auch die DITIB nach Wallraffs Aussagen, die von dpa zitiert werden, „sein Vorhaben keineswegs als Provokation aufgefasst habe“, so gibt es doch solche - wie auch dem Dokumentaristen-Reporter Wallraff klar sein müsste - die in dieser Frage anders denken.

Spannend ist freilich zunächst, wie die Dachorganisation der türkischen Muslime auf den Lesungsvorschlag reagieren. Der DITIB-Beauftragte für den interreligiösen Dialog, Bekir Alboga, bestätigte heute „dass er eine solche Lesung nicht grundsätzlich ausschließe.“ Zu entscheiden habe das allerdings der Vorstand der DITIB. Alboga machte auf Wallraff einen "sehr aufgeschlossenen Eindruck" und rührte an eine Hoffnung, mit welcher der Schriftsteller ganz sicher nicht alleine ist:

Er wird das zur Diskussion stellen. Wenn alle Muslime so wären, hätten wir längst einen toleranten liberalen Euro-Islam im allerbesten Sinne. Er hat mir auch vorgeschlagen, in den Moschee-Beirat zu kommen. Das überlege ich mir gerade. Nur leider ist Herr Alboga nicht der typische Vertreter.

Man darf gespannt sein, wie die Führung der DITIB reagieren wird. Natürlich hat Wallraffs Vorschlag provokantes Potential. Wie aufgeladen Buch und Autor nach wie vor sind, zeigten bereits die Reaktionen auf den Ritterschlag Rushdies (vgl. Die Fenster bleiben geschlossen). Todesdrohungen von extremistischen Muslimen in Zusammenhang mit den Satanischen Versen bleiben aktuell: Erst gestern hat Al-Qaida-Sprachrohr Zawahiri wieder Rache für den Ritterschlag, angekündigt, der eine „falsche Botschaft“ an die Muslime sende.

(Thomas Pany)

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