Dämmstoff ist jetzt Sondermüll

Kombi-Dämmung mit Styropor und Steinwolle. Foto: Marcel. S. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Handwerker müssen Aufträge ablehnen, weil sie den mit HBCD versetzen Bauschutt nicht mehr loswerden

Der billigste und beliebteste Gebäudedämmstoff war in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten Styropor, von dem man Millionen Kubikmeter verbaute. Der Polystyrolschaum brennt zwar sehr leicht, wurde aber trotzdem zugelassen, weil man ihm das Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD) zusetzte (vgl. Feuerfalle Styropor).

Diese Praxis hat jedoch nicht nur einen, sondern zwei Haken: Zum einen verflüchtigt sich HBCD mit der Zeit, weshalb unklar ist, wie lange es mit Polystyrol gedämmte Häuser vor Feuer schützt. Zum anderen steht der Stoff im Verdacht, negative Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit zu haben. Deshalb gilt mit HBCD versetztes Styropor seit dem 1. Oktober als Sondermüll und darf nicht mehr von Müllverbrennungsanlagen ohne spezielle Zulassung angenommen werden.

Stillgelegte Baustellen, Kurzarbeit und drohende Entlassungen

Das hat zur Folge, dass Dachdecker und Baufirmen alte Dämmabfälle nicht mehr loswerden. Weil sie keinen Lagerplatz mehr haben, müssen manche sogar Aufträge ablehnen. Ulrich Marx, der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Dachdeckerhandwerks (ZVDH), spricht von mehreren Hundert deshalb stillgelegten Baustellen, ersten Meldungen über Kurzarbeit und bald drohenden Entlassungen. Hans Peter Wollseifer, der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), warnt sogar vor einem “Notstand”.

Inwieweit die seit 1. Oktober gültige Regelung sinnvoll ist, ist fraglich: Recherchen des BR-Magazins Quer nach wird das Dämmstyropor auf dafür zugelassenen Anlagen genau so verbrannt wie wenn es als regulärer Bauschutt angeliefert worden wäre. Das HBCD zersetzt sich dabei. Übrig bleibt Bromsalz, das ausgefiltert werden kann. Außerdem fand die Sendung Anhaltspunkte dafür, dass abgewiesene Entsorgungswillige den Müll, den sie nicht mehr los werden, jetzt wild verklappen.

Bundesumweltministerium sieht Verantwortung beim Bundesrat

Das von der Sozialdemokratin Barbara Hendricks geführte Bundesumweltministerin sieht die Verantwortung für das Entsorgungsproblem beim Bundesrat, der die Abfallkennzeichnungsverordnung änderte, nachdem die EU Brom auf eine Liste gefährlicher Stoffe setzte.

Angesichts der Folgen dieser Verordnungsänderung will der sächsische Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) die Regelung bei der Fachministerkonferenz am Mittwoch entschärfen und erlauben, dass mit HBCD versetztes Styropor wieder legal zusammen mit anderen Abfällen verbrannt werden darf.

Dafür wäre allerdings eine einstimmige Mehrheit nötig – und bislang hat nur das kleine Saarland seine Unterstützung angekündigt. Wie andere Länder abstimmen werden, ist offen. Teilweise erscheinen deren Positionen nicht ganz widerspruchsfrei: So beschwerte sich beispielsweise Thomas Griese, ein grüner Umweltstaatssekretär aus Rheinland-Pfalz, dass das Bundesumweltministerium den Beschluss der Länderkammer nicht “verkünden” hätte dürfen.

Verbot erst ab 21. August 2017

Trotz der Entsorgungsproblematik werden HBCD-Dämmungen immer noch verbaut. Erst ab 21. August 2017 sind sie verboten. Danach soll unter anderem bromiertes Styrol-Butadien-Copolymer zum Einsatz kommen, das jedoch (wie der Name schon sagt) ebenfalls Brom enthält.

Deutlich besseren Brandschutz als Styropor bieten Steinwolle oder Mineralschaum. Doch auch Platten aus diesen Materialien können zu Schimmelbildung und in deren Folge zu Krankheiten wie Asthma und Aspergillose führen. Ein Problem, dem vor allem im Sommer durch Lüften nur sehr bedingt abgeholfen werden kann. Einer Haftung für solche Schäden entziehen sich Baufirmen häufig durch ins Geschäftsmodell einkalkulierte Insolvenzen. Dieser Praxis hat der Gesetzgeber bislang noch nichts entgegengesetzt. (Peter Mühlbauer)

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