Dänische Energiebehörde genehmigt alternative Nord-Stream-2-Route

Bild: Sami P. Lehtonen. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Rennen um Fertigstellung vor dem Auslaufen des Transitvertrages mit der Ukraine

Mehr als zwei Jahre nach der Antragstellung hat die dänische Energieverwaltungsbehörde Energistyrelsen einen durch die dänische Ostsee-Interessensphäre führenden Abschnitt der Gaspipeline Nord Stream 2 genehmigt. Dabei handelt es sich weder um die ursprünglich beantragte, noch um eine der beiden nachgereichten Alternativrouten, sondern um eine mit insgesamt 147 Kilometern etwa acht Kilometer längere vierte, die südöstlich an der Insel Bornholm vorbeiläuft. Diese Strecke führt zwar durch die Ausschließliche Wirtschaftszone des skandinavischen Königreichs, hat der Energistyrelsen nach aber geringere Auswirkungen auf den Schiffsverkehr und die Meeresfauna- und flora.

Trotz einer einmonatigen Einspruchsfrist, die gestern zu laufen begann, will das Nord-Stream-2-Konsortium seinem Sprecher Steffen Ebert nach bereits "in den kommenden Wochen" an Kreuzungen mit anderen Unterwasserkabeln und -rohren Gestein aufschütten. Die Hoffnung, dass die Pipeline wie geplant bis Ende 2019 betriebsbereit ist, scheint sein Arbeitgeber trotz der dänischen Verzögerung noch nicht aufgegeben zu haben: Man arbeite, so Ebert, "hart daran, das Projekt in den kommenden Monaten abzuschließen".

Die gut 1.050 Kilometer Doppelröhren, die bislang in russischen, finnischen und schwedischen Meeresanspruchsgebieten verlegt wurden, machen seinen Angaben nach über 87 Prozent der Gesamtstrecke aus - und für den dänischen Abschnitt lagern die Rohre bereits auf Rügen. Auch die Anlandestationen in Deutschland und Russland sollen kurz vor der Fertigstellung stehen.

Der Inbetriebnahmetermin ist auch deshalb von Bedeutung, weil zum 31. Dezember 2019 ein zehnjähriger Transitvertrag mit der Ukraine ausläuft, durch deren alte sowjetische Druschba-Leitungen bislang ein Großteil des russischen Erdgases für Deutschland strömt. Steht Nord Stream 2 nicht als fertige oder absehbar fertige Alternativkapazität zur Verfügung, kann die ukrainische Seite bei den Verhandlungen über einen neuen Transitvertrag und dessen Gebühren und Bedingungen Druck ausüben. Der für den Transit zuständige ukrainische Staatsbetrieb Naftogas hoffte deshalb in der Vergangenheit ganz offen, dass sich die Fertigstellung von Nord Stream 2 "verlangsamt, wenn eine Genehmigung Kopenhagens ausbleibt" (vgl. Dänen verzögern Nord Stream 2 weiter).

Vitrenko schwebt Power-to-Gas-Speicherung vor

Yuri Vitrenko, der geschäftsführender Direktor des staatlichen ukrainischen Energiekonzerns Naftogaz, denkt aber auch schon darüber nach, wie sich die Druschba-Leitungen nutzen lassen, wenn Deutschland nicht mehr so sehr darauf angewiesen ist. Eine Möglichkeit sieht er darin, Ländern wie der Slowakei und Rumänien mehr Gas zu liefern. Als Alternative oder Ergänzung dazu schwebt ihm vor, in den Rohren Gas zu lagern, mit dem die Deutschen zeitweise anfallende Energie-Überkapazitäten aus Photovoltaikanlagen und Windrädern speichern könnten. Damit, so Vitrenko, werde sich allerdings wahrscheinlich kaum so viel Geld verdienen lassen wie mit der Durchleitung von russischem Gas.

Vorher hatte der deutsche Wirtschaftsminister Peter Altmaier "Eckpunkte" dazu vorgelegt, wie Erdgas "insbesondere nach 2030" durch "strombasierten Gase […] substituiert" werden soll. Die Pläne dazu sehen vor, dass Strom aus Photovoltaikanlagen und Windrädern in Zeiten von Überkapazitäten dazu genutzt wird, über Elektrolyse Wasserstoff zu erzeugen. Aus diesem Wasserstoff lässt sich dann beispielsweise Methangas gewinnen, mit dem geheizt werden kann. Wirtschaftlich sind solche effizienzverlustreichen Power-to-Gas-Verfahren bislang jedoch nicht (vgl. Polen gewinnt OPAL-Gasleitungsstreit vor EU-Gericht).

Polen bekommt Gasleitung aus Norwegen genehmigt

Neben der ukrainischen gaben sich auch die amerikanische und die polnische Staatsführung in der Vergangenheit als Gegner von Nord Stream 2: Beide machten als Grund dafür eine ihrer Meinung nach zu große Abhängigkeit von Russland geltend. Polen ließ sich deshalb von Dänemark gerade eine weitere Unterwassergaspipeline genehmigen: Die "Baltic Pipe" wird das Land mit jährlich etwa zehn Milliarden Kubikmeter norwegischem Erdgas beliefern.

Das ist zwar nur ein Zehntel der Nord-Stream-2-Kapazität - aber die polnische setzt anders als die deutsche Staatsführung auf Kernkraft, um ihre in Paris und Brüssel eigegangenen Verpflichtungen zu erfüllen und den Kohleanteil an der Stromproduktion zu reduzieren (vgl. Polen plant erstmals seit 30 Jahren Haushalt ohne Defizit).

Mit den geplanten polnischen Kernkraftwerken könnte Strom auch profitabel exportiert werden, wenn die deutsche Energiewende nicht so läuft, wie von der dortigen Politik versprochen. Eine ganz ähnliche Politik verfolgt man in den anderen deutschen Nachbarländern Tschechien und Frankreich. (Peter Mühlbauer)