Danteske Szenen in Spanien: Alte Menschen zum Sterben zurückgelassen

Konsequentes Versagen

Der Leiter einer klinischen Studie zur Eindämmung des Corona-Virus hatte längst gefordert, nur noch Aktivitäten zuzulassen, die der Basisversorgung dienen. Zu dieser Maßnahme hat sich - ebenfalls viel zu spät - die italienische Regierung am späten Samstagabend durchgerungen. Nun sind alle "nicht lebensnotwendigen" Unternehmen und Fabriken im Land geschlossen, erklärte Ministerpräsident Giuseppe Conte.

Auch mit Blick auf die Entwicklungen in Italien hatte der katalanische Experte Mitjà deshalb schon frühzeitig erklärt, dass auch Spanien längst auf der "Intensivstation" liege. Wegen des Versagens des Krisenstabs, forderte er auch dessen Rücktritt, weil der unfähig war "eine vermeidbare Epidemie vorherzusagen". Seine Ansicht setzt sich im Land immer breiter durch.

Ramblas in Barcelona. Foto: Ralf Streck

Seinen Forderungen haben sich inzwischen in einem offenen Brief am Samstag 69 renommierte Epidemiologen, Molekularbiologen und Wissenschaftler anderer Fachbereiche angeschlossen. Die "totale" Isolierung der Menschen sei nun "unerlässlich". Auch diese Experten fordern, dass nur noch Beschäftigten in Sektoren der Grundversorgung zur Arbeit gehen sollten, ansonsten, so prognostizieren sie, stehe "um den 25. März herum" der Zusammenbruch des Gesundheitssystems bevor.

Gehör finden sie bei der sozialdemokratischen Regierung von Pedro Sánchez aber (noch) nicht. Dass Sánchez erst am vergangenen Samstag, eine ganze Woche nach Ausrufung des "Alarmzustands", angekündigt hat, ein "Expertenteam" zur Beratung zu gründen, zeigt eigentlich die gesamte Unverantwortlichkeit im spanischen Umgang mit der Krise.

Aber schlimmer geht immer in Spanien. Dass in der Truppe drei von sechs Experten die Pandemie lange kleingeredet haben, wie auch die Frankfurter Rundschau (FR) festgestellt hat, spricht für sich. Es lässt kaum erwarten, dass mit diesen Beratern schnell die notwendigen Schritte gegangen werden. "Irren ist tödlich", wird das spanische Vorgehen deshalb in der FR kommentiert.

Richtig wird angemerkt: "Den dreien weiter das Ohr zu leihen ist so klug, wie einem Klimawandel-Skeptiker das Umweltamt zu überlassen." Die Regierung sei der Epidemie bisher immer hinterhergelaufen. "Sie sollte nun wissen, dass es für Beschwichtiger zurzeit nur eine Aufgabe gibt: den Mund zu halten."

Denn, wie auch Telepolis seit Wochen feststellt, wieder einmal war die Regierung zunächst abgetaucht und reagierte dann viel zu spät. Sie versucht nun, sich als zentraler Akteur zu verkaufen und will sogar alle Strippen zentral aus Madrid ziehen. Dabei machen die aufgezeigten Vorgänge ihr konsequentes Versagen deutlich. Statt dem Beispiel Italien zeitnah zu folgen, hat Sánchez am vergangenen Samstag praktisch keine neuen Maßnahmen verkündet.

Er hätte den Stier bei den Hörnern ergreifen müssen, stattdessen schickte er sogar die Menschen in Madrid ab Montag wieder auf die Arbeit. Damit werden die Ansteckungsketten wieder aktiviert. Solange Menschen außerhalb der Grundversorgung sogar in Ansteckungsherden wie Madrid zur Arbeit müssen, wegen fehlender Tests infizierte Personen nicht festgestellt werden, können die Ansteckungsketten nicht unterbrochen werden.

Metro Station im Zentrum Barcelonas. Bild: Ralf Streck

Die Bevölkerung in ganz Spanien wird dafür einen tödlichen Preis bezahlen, dass noch immer mit verschiedensten lockeren Begründungen Menschen auch Madrid verlassen können, ohne dass bei ihnen auch nur die Temperatur gemessen würde. Der erste Coronavirus-Fall in Santiago de Compostela (Galicien) wurde zum Beispiel bei einer Studentin festgestellt, die aus Madrid in die Region kam.

Anders als in China oder Italien, wo die Ansteckungsherde Wuhan und Lombardei gesperrt wurden, ist das in Madrid bis heute noch immer nicht der Fall. Hier bleibt Spanien sogar hinter Vorgängen zurück, die erfolgreich waren.

Deshalb konnte und kann sich das Virus auch weiter über das gesamte Land verbreiten. Konnten in China und Italien die große Mehrzahl der Toten auf die Ansteckungsherde begrenzt werden, ist in Spanien längst ein ganz anderer Trend zu beobachten. Die Zahl der Toten und Infizierten nimmt auch außerhalb der Ansteckungsherde zu.

Kurswechsel

Allerdings, das ist wenigstens zu hoffen, wird sich mit steigenden Todeszahlen diese Politik - wie in Italien - nicht lange aufrechterhalten lassen. Inzwischen schwenken auch immer mehr Lokalpräsidenten auf den Kurs des katalanischen Regierungschefs Quim Torra ein, der selbst infiziert und in Quarantäne ist. Er fordert seit langem die Abschottung und die Begrenzung der Produktion auf die Grundversorgung und wurde dafür nicht nur in Spanien angegriffen.

So war in Der Zeit von einem "eigenartigen Streit zwischen der Madrider Regierung und dem katalanischen Regionalpräsidenten" zu lesen, da die "separatistische Regionalregierung um ihre Kompetenzen im Gesundheitswesen" fürchte. Hier wird nicht nur massiv Framing betrieben, sondern ganz real übersehen, dass mit den Krisenmaßnahmen Autonomiekompetenzen erneut ausgehebelt werden.

Nicht zuletzt wurde auch Militär nach Katalonien entsandt, das dort sogar Schutzkleidung beschlagnahmte, die für den Infektionsherd Igualada gedacht war. Der ist, anders als Madrid, allerdings seit langem abgesperrt.

Inzwischen schwenken auch andere Regionen auf den Torra-Kurs ein, die völlig unverdächtig sind, mit "Separatisten" zu sympathisieren. Besonders weit geht bisher Murcia, wo man keinen Import von Infizierten aus Madrid will. Kurz vor der Ausrufung des Alarmzustands hatten sich aus Madrid noch zahlreiche Menschen in ihre Ferienwohnungen an die Küsten abgesetzt.

In Murcia hat die Regionalregierung am Wochenende nun die "totale Abschottung" verkündet. Es dürfen in der Region nur noch Aktivitäten zur Grundversorgung stattfinden. Auch in Andalusien und anderen Regionen denkt man über ähnliche Schritte nach. (Ralf Streck)