Darf's ein bisschen mehr sein?

Deutschland hat was zu tun in Afrika

Im Windschatten der WM wurde so manches auf den Weg gebracht, was noch lange nachwirken wird. Einige würden wohl behaupten, dass die WM ja auch einen möglichst großen Windschatten erzeugen sollte. Wie dem auch sei: Nachdem der spaßnationalistische Amoklauf der Deutschen glücklich gestoppt wurde, bestünde jetzt theoretisch die Chance, dass andere Themen mehr ins Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit rücken. Zum Beispiel die Großmachtpolitik, die im deutschen Verteidigungsministerium derzeit zusammengekocht wird.

Denn nach jüngeren Andeutungen des Verteidigungsministers Franz Josef Jung ist der anlaufende Kongoeinsatz der Bundeswehr nur der Anfang. Als nächstes steht vielleicht der Sudan auf dem Programm, und Jung sondiert schon einmal vor, was die Öffentlichkeit und die Welt davon hielte, wenn Deutschland auch dort mitmischte.

Dabei gäbe es gute Gründe, sich schon wegen des Kongoeinsatzes an den schmerzenden Kopf zu greifen. Das Land ist im Aufruhr. Es handelt sich derzeit um eine typische Warlord-Gesellschaft, bei der die moralische Glaubwürdigkeit aller Beteiligten, die kongolesische Regierung eingeschlossen, auf dem gleichen, unterirdischen Niveau angekommen ist. Die UN-Truppen, die für die Einhaltung zivilisatorischer Mindeststandards sorgen sollen, und zu deren Unterstützung die Bundeswehr angeblich herbei eilt, stehen dringend im Verdacht, selber an Massakern teilgenommen zu haben.

Von den Auswirkungen der jüngst im Land wieder ausgebrochenen Pest ganz zu schweigen. Mehrere maßgebliche Parteien haben angekündigt, die Wahl zu boykottieren oder sie haben zumindest damit gedroht. UN-Generalsekretär Kofi Annan hat auch wegen der desolaten Infrastruktur des Landes die Wahlvorbereitungen im April als Alptraum bezeichnet.

Die Bundeswehr sichert die demokratischen Wahlen im Kongo?

Unter diesen Umständen "demokratische Wahlen" im Kongo abhalten zu wollen ist die Wahnidee gläubiger Anhänger des Parlamentarismus, die einem Urnengang magische Fähigkeiten unterstellen. Selbst wenn die Lage für die Abhaltung von Wahlen günstiger wäre, würden die 800 Bundeswehrsoldaten, die Jung in den Kongo schicken und angeblich vor Weihnachten noch zurückverfrachten will, so gut wie nichts zu einem Gelingen des Unternehmens beitragen, schon allein deswegen nicht, weil ihr Einsatzgebiet sich auf die Hauptstadt Kinshasa und das unmittelbare Umland beschränkt.

Ein Großteil von ihnen wird außerdem in Libreville, der Hauptstadt Gabuns stationiert sein. Die Bundeswehr sichert die demokratischen Wahlen im Kongo? Firlefanz. Den einzigen unmittelbar praktischen Zweck des Kongoabenteuers hat der kommandierende General Karlheinz Viereck ausgeplaudert:

Das schlimmste Bild, das auftauchen könnte, wäre, dass wir Europäer nur die Weißen aus Kinshasa herausholen.

Bizarr in diesem Zusammenhang: Selbst Verteidgungsminister Jung geht davon aus, dass die Unruhen, vor denen man die Weißen in Kinshasa beschützen müsste, erst durch die geplante Wahl-Katastrophe provoziert würden. Aber natürlich steckt mehr dahinter. Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass das lang anhaltende Leiden des Kongo mit den wertvollen Bodenschätzen zu tun hat, über die er verfügt, und um die sich die besagten Warlords streiten, teilweise im Dienst ausländischer Unternehmen und Regierungen.

Mittel- bis langfristige Aufbauziele

Will sich Jung die kongolesischen Bodenschätze unter den Nagel zu reißen? Obwohl bei deutscher Schutzmachtpolitik nichts unmöglich ist, und obwohl Jung erst vor kurzem starke Sprüche zum ökonomischen Zweck der neuen Bundeswehrtouristik abgelassen hat, wird man das wohl kaum annehmen können. Dafür wären 800 Mann ebenfalls ein bisschen wenig.

Letztendlich wird es immer um die Wurst gehen, aber bevor es darum gehen kann, gilt es noch, ein paar mittel- bis langfristige Aufbauziele zu erreichen. Humanitäre Desaster sind spätestens seit den Balkankriegen der Neunziger ideale Übungsfelder für ein Deutschland, das groß rauskommen will. Sie bieten willkommene Vorwände für die Truppenentsendung, die Aufstellung von Eliteeinheiten und gewöhnen die eigene Bevölkerung durch die entsprechende mediale Begleitmusik daran, dass Deutschland etwas zu sagen hat in der Welt.

Wie die Krisen entstanden sind, die man nachher lösen will, ob nicht deutsche Manöver selbst - wie im Falle Jugoslawiens und des Kosovo die Krise mit angeheizt haben, ob man beim besten Willen überhaupt etwas ausrichten könnte, und mit wem man sich vor Ort gemein macht, um dieses oder jenes angebliche Ziel zu erreichen - all diese Fragen treten in den Hintergrund, wenn am großen politischen Stammtisch in Berlin erst einmal gesagt worden ist: "Jetzt aber."

Bewaffneter Friedenswille

Parallel zum Eingriff um des Friedens und der Demokratie willen macht man der eigenen Bevölkerung klar, dass nur weltweite Einsatzfähigkeit Chancen im Kampf um die Ressourcen dieser Welt eröffnet, und dass geopolitische Hinterhöfe und Protektorate Großmächten nun einmal zustehen. Und so sind dann Wohlstands- und Machtchauvinismus sowie bewaffneter Friedenswille langfristig aufs Schönste miteinander vereint, wenn es in den Krisenherden der Welt Ordnung zu schaffen gilt.

Die Schützlinge können sich unter diesen Bedingungen schon einmal warm anziehen. Wie zum Beispiel im Kosovo, wo die einseitig antiserbische Parteinahme während des Krieges ihre Fortsetzung in einer gepflegten Gleichgültigkeit zu den antiserbischen Pogromen fand, die im 2004 offiziell 19 Menschen das Leben kosteten.

Was geschah, als herauskam, dass die Bundeswehr höchstwahrscheinlich im Vorhinein von den Unruhen Wind bekommen, aber trotzdem nichts unternommen hatte?

Genau, nichts.

Auf dem Übungsparcours hin zum ersehnten Status als Global Player hat Deutschland also schon einige Stationen genommen. Mit dieser Erfahrung im Rücken möchten sich die Entscheider jetzt natürlich auch beim Kongo nicht mehr dreinreden lassen. Nicht von Karlheinz Viereck, der das Publikum schon einmal im Vorhinein mit der neuesten deutschen Härte bekannt macht, und den Abschuss von kongolesischen Kindersoldaten in Aussicht stellt.

Nicht von Soldaten, die für den Kongoeinsatz vorgesehen sind, und sich zur Vorbereitung mit neckischen Obstspielchen vergnügen. Nicht von Erinnerungen an Kongo-Müller, der in den Sechzigern mit den "Affreux" auf seine Weise für Ordnung im Kongo sorgte und auch damals schon sehr an der Verbreitung demokratischer Ideale dort interessiert war.

Nichtbeteiligung an der zivilen humanitären Mission

Dem General wird widersprochen (ob er nun aus militärischer Sicht recht hat oder nicht), die soldatischen Obstfreunde werden vom Einsatz zunächst zurückgestellt, und die "Vorfälle" werden "rigoros untersucht". An Kongo-Müller erinnert sich sowieso niemand mehr. Sich noch einmal Gedanken über die Sinnhaftigkeit dieses Unternehmens machen? I wo.

Eine kaputte Weltwirtschaftsordnung und eine ebenso kaputte Stellvertreterpolitik halten den Kongo seit über hundert Jahren im Würgegriff.

Während der Gedanke völlig abwegig ist, dass 800 Bundeswehrsoldaten etwas zur Heilung der Folgeschäden beitragen können, sterben jeden Tag 1000 Kongolesen an Hunger, heilbaren Krankheiten und den Folgen der grassierenden Gewalt (die auch eine kaputte Wahl nicht zum Verschwinden bringen wird), aber an der dringend benötigten zivilen humanitären Mission zur Linderung dieser Zustände möchte sich Deutschland nicht beteiligen.

Nicht einmal der Kollateralgewinn eines Diktatorensturzes steht zur Debatte, wie bei der US-geführten Irakinvasion - die sich trotz der Stationierung massiver Kräfte mehr und mehr in ein strukturell vietnamähnliches Desaster verwandelt.

Es sieht alles danach aus, dass die Bundeswehr im Kongo einen Übungseinsatz durchführt, der sie auf die Zeiten vorbereiten soll, in denen die Verteilungskämpfe richtig losgehen. Und weil man für so was gar nicht genug üben kann, darf's immer ein bißchen mehr sein: next stop - Sudan. (Marcus Hammerschmitt)

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