"Dark" - Schwere Kost aus dem Land des Nichtlächelns

Szene aus Dark-Trailer. Bild: Netflix

Aus deutsch-depressiven Landen frisch in die Wohnstuben dieser Welt - die dritte und letzte Staffel von "Dark" wird gerade vom Publikum und Feuilleton gefeiert

Der Name der ersten deutschen Netflix-Serie Dark" ist Programm. Ein Ausschnitt: Ein älterer Herr mit Glatze und vernarbtem Gesicht meint in einem wenig hellen Maschinenraum: "Das Paradies ist die unendliche Dunkelheit, in der nichts passiert." Die Wunden und die Erkenntnis erhielt er durch Zeitreisen.

Zeitreisen bilden den Handlungsmotor auch der letzen Staffel, die noch komplexer als die ersten beiden erscheint. In der westdeutschen Kleinstadt "Winden" verschwinden im Abstand von 33 Jahren Bewohner des Ortes - nahe einem Atomkraftwerk kann in einer Waldeshöhle in die Vergangenheit und Zukunft gereist werden. Diese Bewegungen in der vierten Dimension betreffen vier Familien, die miteinander verwoben sind.

Es gibt zudem Parallelwelten, in der die gleich aussehenden Personen in einem anderen Verhältnis stehen und Begegnungen mit älteren und jüngeren Ichs, die nicht immer harmonisch verlaufen. Zudem kommen Gottesteilchen vor, dunkle Materie, eine Apokalypse, die verhindert werden oder stattfinden soll, der heilige Christopherus, ein Pudel namens Gretchen, Schrödingers Katze, das Großvaterparadoxon, eine Geheime Loge, eine Bushaltestelle, ein Caspar David Friedrich Novemberwald, Morde, Mörder mit einem Hang zu Gelehrten-Zitaten, Zeitmaschinen in Groß- und Mittelformat sowie in der Pocketausgabe.

Doch was nicht existiert, in keiner Szene, in keiner Zone, in keinem Raum und keiner Zeit, das ist ein Lächeln, ein Lachen, ein Späßchen. "Dark" wird streng durchgehalten.

Eigentlich ein Film über das Nachstrahlen der "dunklen Materie" NS-Zeit

So kennen die Figuren eigentlich vor allem negative Emotionen oder gar keine, und das Sprechen wird von einem großen, angestrengten Ernst getragen. Ein wenig erinnert dies an die späte Pubertät: Man ist noch nicht richtig erwachsen, will es aber sein, und man spielt und erprobt diese Reife - und wehe, jemand lachte darüber. Das Schultheater ist ein Ort, wo ein Jugendlicher dies ausleben kann, und "Dark" beamt den Betrachter in die gefühlt unendliche Aufführung eines Oberstufenstücks ohne ein Wurmloch, das aus dieser artifiziellen Griesgrämerei heraus führte. Übrigens kommt die Probe eines Schultheaters auch in der Serie vor, und nein, eine Komödie üben die Heranwachsenden selbstredend nicht, sondern mit Sätzen wie "Weil sie blind waren mit Augen und Herz, wurden sie gestraft für ihre Sünden" gebrauchen sie eine Sprache wie sonst in der Serie. Oft unkt eine Art Unglücksmusik in den Dialogpausen, um die Beladenheit der Sätze noch schwerer zu machen.

Dann gibt es Szenen, die authentisch, alltagsnäher wirken sollen. Sie erscheinen dem Betrachter wie übersteigerte Zitate zeitkritischer Fernsehspiele, welche die Beziehungsstörungen der Deutschen, die Fassaden der sogenannten Spießbürgerlichkeit zum Thema haben: Auf einer Trauerfeier mit betretenen Menschen in Schwarz wird ein Mann von seiner Frau laut schreiend damit konfrontiert, dass er eine andere "gef.. t und gev..t" habe und die Anwesenden schauen darum noch betroffener.

Auch die Dialoge über das Resultat der körperlichen Liebe sind vorwurfsbeladen und nicht frei von unfreiwilliger Situationskomik:

Ich bin schwanger.(Pause)
Ich dachte, Du hättest aufgepasst .(Pause)
Ihr seid alles Arschlöcher. (Pause)
Ich fahre Dich besser nach Hause.(Pause)

Verkorkste Familienverhältnisse, schuldbeladene Figuren mit einer dunklen Vergangenheit in einer deutschen Kleinstadt, die sich nach "Erlösung" von der "ewigen Verdammnis" sehnen - eigentlich ein Film über das Nachstrahlen der "dunklen Materie" NS-Zeit. Die 1930er und 1940er Jahre werden zwar bei den Zeitreisen tunlichst umschifft, dennoch schwingen sie deutlich mit, nolens volens.

Auch die Auslöschungsphantasien gegenüber Gefühlen und der ganzen Menschheit, die die Protagonisten immer wieder äußern, kann man sich ohne den deutschen Abgrund "Drittes Reich" kaum vorstellen. Zudem stoßen die oft emotionslos ausgeführten Morde auf. So erwürgt Jonas seine eigene gleichaltrige Mutter, die ebenfalls durch die Zeit gereist war, nachdem er ihr erklärt hat: "Du bist hier falsch. Die Spielsteine müssen auf der richtigen Stelle stehen."

Bestätigung von Klischees

Eigentlich ist die "Charakter-Entwicklung" typisch für US-Filme, aber wie sich der sympathische Teenager Jonas zu einem solchen Monster entwickelt, darüber hätte der Autor dieser Zeilen schon gerne mehr gewußt. Und auch hier ist die Parallele zu grausamen Nationalsozialisten, die aufgrund einer Ideologie andere Menschen vom Spielbrett des Lebens entfernen, nicht weit.

Für viele der ausländischen Zuschauer, bei Staffel 2 schauten über 90 Prozent außerhalb des Produktionslands mit, wird hierbei ein Bild der Deutschen bestätigt, welches sie mittels jahrzehntelangem Konsum von Kinofilmen und TV-Produktionen längt verinnerlicht haben: Kriegsverfilmungen, die Namensvergebung bei Bösewichtern, der Akzent der Schurken in Cartoonfilmen für die lieben Kleinen und viele weitere Spielarten. Wer im Ausland lebt, wo die englischsprachigen Filme mit Untertiteln gezeigt werden, bekommt weit mehr davon mit.

Der britische Film "1917" sei erwähnt, ein Streifen mit historischen Ungereimtheiten und einer eindeutigen Propaganda-Botschaft, deren Zweck sich dem Betrachter nur erschließen würde, wenn sich Großbritannien aktuell mit der Bundesrepublik im Krieg befände.

Die meisten ausländischen Zuschauer brauchen also für die gefühllosen Morde deutscher Täter in "Dark" keine Erklärung, sie kennen diesen Typ Filmfigur bereits; dessen Handeln sich allein aus der Herkunft erklärt. Für die "ewige Verdammnis", in der das Klischee über Deutschland in Filmgeschichten steckt, scheint es keine "Erlösung" zu geben, um erneut an die zwei wichtigen Begriffe aus "Dark" zu erinnern.

Auch die Netflix-Serie schicksalmeistert hier mit, indem sie das Bild vom depressiven, emotionsgestörten, humorlosen Deutschen verbreitet, der an gefährlichen Maschinen herumbastelt, zur Welt-Herrschaft neigt und dem etwas von der Menschlichkeit fehlt. Die enorme Zuschauerzahl macht das Netflix-Produkt, ob gewollt oder nicht, zu einem einflussreichen Landeskundeunterricht.

Auch der Schluss, der nicht verraten werden soll, ist hierzu vielsagend. Die Form der "Erlösung", die die Filmfiguren, die "Verdammten" in der Serie dann erfahren, stimmt den Betrachter, so viel sei gesagt, nicht gerade fröhlich. Dafür ist "Dark" ja auch nicht gedacht. (Jens Mattern)