Darling, nach Santo Domingo oder lieber nach Kiew?

Anti-Aging-Stammzellenkur boomt im Sektor des Medizintourismus

Vor zehn Jahren spielte so etwas wie „Medizintourismus“ keine Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung. Heute aber ist das globale Spital nicht nur ein Hype der Medizin, sondern ein etablierter Wirtschaftszweig. Gerade in Staaten wie Indien, Thailand oder Costa Rica. Mehr und mehr wird nun auch die Anti-Aging-Stammzellentherapie angeboten. Im Zeitalter der biotechnischen Hightech-Revolution werden herkömmliche Mittelchen, wie Anti-Age-Trunk, Fatblocker oder Hormonpräparate gegen das Altern, durch Stammzellenkuren abgelöst. Sie sollen dem Traum zur ewigen Jugend endlich ein reales Gesicht geben. Während in Europa Ethikkommissionen zwanghaft diskutieren, sprießen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion „regenerative Zentren“ wie Pilze aus dem Boden. Aber auch die asiatischen Aufsteigerstaaten fegen wie der Chuo Shinkansen am Anti-Aging-Stammzellengleis entlang. Alles was zur Stammzellenkur benötigt wird ist Geld und - etwas Mut.

Das Immortality Institute wurde gegründet, um den "unfreiwilligen Tod" abzuschaffen. Das Versprechen ist so alt, wie das Paradies oder der Jungbrunnen

Globales medizinisches Outsourcing

Die so genannten Schwellen- u. Entwicklungsländer setzen voll auf den Hoffnungsmarkt der Stammzellentherapie und seinen lukrativen Deviseneinnahmen. Länder wie Indien, Südafrika, Ukraine oder Thailand punkten mit extrem hohem medizinischem Standard und – als Zusatzbonus - mit Therapien die bei uns oft nicht erlaubt sind. Der perfekte Fünf-Sterne-Service während des Klinikaufenthalts versteht sich von selbst. The Scientist stellt in einem Artikel fest, dass reiche Menschen Hightechkliniken in weit entfernten Destinationen deshalb aufsuchen, weil sie dort medizinische Behandlungen bekommen, die zu Hause (noch) nicht genehmigt sind, wie etwa bestimmte Krebs- und Stammzellenbehandlungen.

Die weltweiten Anti-Aging-Stammzellenbehandlungen bauen auf einem etablierten Markt auf: So weisen US-Experten Frederick J. DeMicco, Marvin Cetron und Owen Davies in ihrem Buch „Hospitality 2010: The Future of Hospitality and Travel“ explizit darauf hin, dass für die Medizintouristen nach wie vor das Preisdumping hohe Anziehungskraft besitzt. So besuchten im Jahr 2004 etwas mehr als eine Million medizinischer Touristen aus Australien, Europa oder den Vereinigten Staaten thailändische Kliniken, weil sie verhältnismäßig günstig sind. Derzeit reisen ca. eine halbe Million Gesundheitstouristen für medizinische Behandlungen nach Indien, während es 2002 nur 150.000 waren.

Laut Prognosen steigern sich die Einnahmen aus dem Medizintourismus bis zum Jahr 2012 stetig auf ca. $2.2 Mrd. pro Jahr. Für ihre westlichen Patienten werden sie mit der neuesten elektronischen und medizinischen Diagnoseausrüstung vom Staat ausgestattet. Und der Subkontinent gehört zu den Top-Ten-Ländern der Biotechnologieforschung. Gentherapien sind praktisch in allen Hightechkliniken Indiens Standard. Auch lässt sich schlechterdings nicht von einer „Dritten-Welt-Chirurgie“ in den asiatischen Staaten sprechen: So hat das Krankenhaus Bumrungrad in Bangkok mehr als 200 Chirurgen angestellt, die in den Vereinigten Staaten ausgebildet wurden. Und eines von Singapurs Hauptkrankenhäusern ist eine Niederlassung der prestigeträchtigen John Hopkins Universität aus Baltimore. Gerade Zusatzleistungen wie Safaris, Rundreisen, usf. werden im heißumkämpften Markt der Gesundheit und des Anti-Aging immer wichtiger.

Der neueste Trend am Markt sind die regenerativen Anti-Aging-Stammzellentherapien. Die Ukraine, Russland, die Dominikanische Republik oder China entwickelten sich zu Mekkas der Jungbrunnenkuren aus (embryonalen) Stammzellen. Erfolgstorys über die Möglichkeiten, an das Wundermittel „Stammzellen“ ohne großartige Gesetzesbeschränkungen heranzukommen, löste den Anti-Aging-Stammzellenboom der letzten zwei, drei Jahre aus. Reiche Westler, Saudis oder Russen reisen um den Globus, um an den begehrten Stammzellenjungbrunnen zu gelangen.

Jungbrunnen Stammzellen

Studien zeigen immer wider, dass uns ist die Erhaltung der Gehirnvitalität genauso wichtig, wie der jugendliche, agile Körper bis ins Greisenalter. Daher forschen die Life Sciences auch intensiv am genetischen Geheimnis des langen Lebens. Der genetischen Alterungsforschung geht es um die Verlängerung des Lebens, wobei die regenrative Stammzellenforschung die zellulären Alterungsschäden bekämpfen will. Kurativ. Sie verspricht, unseren Körper von Innen her, an der Zellbasis, zu regenerieren.

Die regenerativen Therapien ermöglichen uns heute die gentechnische Regeneration körperlicher Defekte. Mit zunehmendem Lebensalter erschöpft sich die Reparaturfähigkeit unserer Zellen. Der Alterungsprozess bewirkt eine Degeneration, eine abnehmende Reparaturfähigkeit der körpereigenen Zellen. Stammzellen besitzen demgegenüber die Fähigkeit, ständig neue Tochterzellen zu erzeugen und somit die Zellen zu regenerieren. Die Stammzellenforschung bringt immer mehr ans Tageslicht, dass die körpereigene Zellregeneration durch Zufuhr von „frischen“ Stammzellen wieder angeregt werden kann. Mehr noch, sie besitzen sogar die Fähigkeit, geschädigtes Gewebe etwa nach einem Herzinfarkt zu reparieren.

Eine der erprobtesten Anwendungen ist derzeit die In-vitro-Erzeugung von Zellen aus körpereigenem Gewebe, das benutzt wird, um geschädigtes Gewebe oder Organe zu reparieren. Durch Impfen von Stammzellen lässt sich der Degenerationsprozess der Zellen verzögern. Insbesondere embryonale Stammzellen besitzen hohe Fähigkeit den Körper zu erneuern. So ist etwa das Nabelschnurblut reich an Stammzellen. Wird es eingelagert, kann es später für Stammzellentherapien herangezogen werden.

Da derzeit noch sehr wenige Menschen embryonales Eigennabelschnurblut eingelagert haben, greifen sie auf embryonale Stammzellen bei ihren Anti-Aging-Therapien zurück. Das Verjüngungspotential ist in den embryonalen Stammzellen des menschlichen Fötus weitaus reichlicher vorhanden als in adulten. Sobald diese leistungsfähigen Zellen im Labor extrahiert und eingespritzt werden, regen sie die Zellverjüngung an.

Anti-Aging-Gentherapie

Die Chance durch eine Stammzellenbehandlung jünger auszusehen, wollen immer mehr Menschen in Anspruch nehmen. Das Denkpaar - Jugendlichkeit und Sexualität - ist in unserer Gesellschaft tief verwurzelt. Genau dieses Sehnsuchtspaar lanciert den Markt der Anti-Aging-Stammzellenbehandlung, denn die Nachfrage bestimmt das Angebot. Das Lebensgefühl, der Lebensstil und die Körpervorstellungen von älteren Generationen gleichen sich immer mehr denen der Jüngeren an. Dahingehend versprechen die diversen Kliniken in China, Ukraine oder Indien, dass mit Hilfe der Stammzellentherapie die Jugend wiedererlangt, die Gehirnkapazität gesteigert oder eine ausgeprägte Libido wieder hergestellt werde.

Obwohl die embryonale Anti-Aging-Stammzellentherapie bei uns ausgesprochen kontrovers diskutiert wird und auch sehr teuer ist ($ 23.000), erfreut sich der Anti-Aging-Gentherapietrip steigender Beliebtheit. Die Kosten der Behandlung sind teuer und enorme Risken werden in Kauf genommen, denn das ultimative Jugendelixier ruft. Die Behandlung hält laut unterschiedlichen Angaben der regenerativen Zentren ca. ein Jahr bis ein paar Jahre, danach muss/soll sie wiederholt werden. Und so ist natürlich für den laufenden Devisenstrom gesorgt.

Die Ukraine, ein Mekka der Stammzelltherapie, hat auch mit dem Rohstoff, den Abtreibungsembryonen, keine Probleme. Die Abtreibung findet daher breite gesellschaftliche Akzeptanz und wird rege betrieben, ja sogar gefördert. In der Hauptstadt Kiew ist Emcell, die weltgrößte Stammzellentherapie-Klinik der Welt, angesiedelt. Emcell führt jährlich hunderte Anti-Aging-Stammzellentherapien durch – mit steigender Tendenz.

Die schöne neue Anti-Aging-Welt wird auch in Russland gemacht. Reiche Russen und Westler holen sich die Jugend dort, wo sie angeboten wird. Und Moskau mischt am lukrativen Anti-Aging-Stammzellenmarkt gewaltig mit. In der russischen Hauptstadt sind in den letzten drei Jahren mehr als fünfzig Kliniken, die Anti-Aging-Stammzellenbehandlungen anbieten, aus dem Boden geschossen. In den diversen Beautykliniken werden Injektionen von embryonalen Stammzellen in die Oberschenkel, das Gesäß und den Bauch verabreicht. Aber auch Behandlungen mit Stammzellen von Kühen und Schweinen oder Nabelschnurstammzellen werden angeboten. Professor Alexander Tepljaschin ist ein (selbsternannter) Spezialist für jugendliches Aussehen durch Stammzellentherapie. Seine Schönheitsklinik Beauty Plaza in Moskau ist Gegenstand kontroverser Reportagen der Weltpresse. Um die 25.000 Euro kostet eine Behandlung mit körpereigenen Stammzellen. Professor Tepljaschin verspricht, dass die Behandlung funktioniert und man nach einer Behandlung tatsächlich um Jahre verjüngt ist.

Auf der anderen Seite der Weltkugel boomt in der Dominikanischen Republik, ein Land, das als All-Inclusive-Wohlfühl-Destination bekannt wurde, die Stammzellenbehandlung dank US-amerikanischer Unterstützung ebenfalls. Der Gründer der Medra-Klinik, Dr. William Rader, erklärt auf seiner Homepage, dass die embryonalen Stammzellen den Körper dazu stimulieren würden, seinen eigenen Heilmechanismus wieder flott zu machen. „Stammzellentherapie ist die Zukunft“, erklärt er.

Der große Bruder am Gelben Fluss zeigt ebenfalls, wohin die Stammzellentherapiereise geht. Das Beijing Xishan Institut für Neuroregeneration hat sich der Stammzellenbehandlungen von neurodegenerativen Krankheiten angenommen. Die neuronale Reparatur schlägt mit $20.000 zu Buche und heilt laut Homepage die Alterskrankheiten Alzheimer oder Parkinson. Der Chuo Shinkansen der Anti-Aging-Stammzellentherapie ist in Wirklichkeit nicht mehr zu bremsen. Zwischen den einzelnen Ländern ist sogar bereits ein reger und florierender Handel mit dem „embryonalen Rohstoff“ entstanden.

Springt der Westen auf?

In der Europäischen Union gibt es in den meisten Staaten sehr strenge Stammzellengesetze. In den USA dürfen Wissenschaftler embryonale Stammzellen „zu Forschungszwecken“ nutzen. Am 11. Januar 2007 verabschiedete das US-amerikanische Repräsentantenhaus zwar ein ausgeweitetes Stammzellengesetz, allerdings kam das Veto von Präsident Bush. In Deutschland wurden alle bisherigen Bemühungen, das Stammzellengesetz von 2002 aufzuweichen, blockiert.

Auf Grund fehlender Gesetzeseinschränkungen bleibt der ethisch umstrittene Anti-Aging-Gentherapietourismus in Händen der Schwellenländer. Der Trend wird noch dadurch verstärkt, dass Indien, China oder die Ukraine einen sehr starken Forschungsbereich besitzen und diesen rasant weiterentwickeln. Die Ergebnisse der Stammzellen-Verjüngung bleiben allerdings fraglich. Wer garantiert, dass man tatsächlich embryonale oder körpereigene Stammzellen injiziert bekommt und nicht Kalbsleberzellen? Zurzeit fehlen noch anerkannte Daten über den Erfolg oder Misserfolg der Anti-Aging-Gentherapien. Geld und die Sucht nach ewiger Jugend bestimmen den Markt. Wichtige ethische Diskussionen sowie gesetzliche Regulierungen werden daher wohl auch weiterhin unterhöhlt werden. Der Stammzellen-Run bleibt eine Option. - 8 - (Roland Kobald)

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