Das 1,5 Grad-Ziel verschlafen

Klimaziele sind den Industriestaaten gleichgültig. Bild: jwvein, Pixabay.

Die verpassten Klimaziele weisen auf ein gehöriges Maß Neokolonialismus der Industriestaaten hin. Ein Kommentar

Es ist unvergessen: Eine Weltklimakonferenz in den Neunzigern. Der Präsident des kleinen südpazifischen Inselstaats Tuvalu bittet die Industriestaaten eindringlich, mehr für den Klimaschutz zu tun, denn sein Staat drohe bereits abzusaufen.

"Meine ersten Bürger musste ich bereits evakuieren, denn der Anstieg des Meeresspiegels zieht uns den Boden unter den Füßen weg", klagte er. Und was war die Reaktion der reichen Länder? Ein Delegierter der USA ging ans Mikrofon und fragte: "Brauchen wir diese Inseln überhaupt?"

Neokolonialismus in Reinkultur

Der "Schrei der Armen" und der "Schrei der Schöpfung" (Papst Franziskus in seiner Enzyklika "Laudato Si") wurden verdrängt und überhört. Er löste bei den reichen Industriestaaten nur Hohngelächter oder allenfalls Gleichgültigkeit aus. "Brauchen wir diese Inseln überhaupt?"

Mit dieser "Politik der Gleichgültigkeit" (wiederum Papst Franziskus) wurden 30 Jahre lang der globale Klimaschutz versäumt. Jetzt, fünf Jahre nach der Pariser Weltklimakonferenz, steht so gut wie fest, dass das dort beschlossene Ziel, die globale Erwärmung bei "deutlich unter zwei Grad, am besten bei 1.5 Grad" gemessen an 1880 zu stoppen, nicht mehr erreichbar ist. Mit dem 1,5 Grad-Ziel hätten Tuvalu, aber auch Staaten wie Bangladesch, das im Schnitt nur drei Meter über dem Meeresspiegel liegt, oder auch niedrig gelegene afrikanische Küstenstaaten, noch gerettet werden können.

Was die USA unter Präsident Biden, die EU und China jetzt vorhaben, hilft vielleicht, dem Zwei-Grad-Ziel nahe zu kommen, aber sicherlich nicht, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Die Klimaforschung sagt uns ganz klar, dass jedes Zehntel Grad mehr als 1.5 zu Katastrophen für Millionen Menschen führt, zu Massensterben und Flüchtlingsströmen. Das 1.5-Grad-Ziel war wissenschaftlich gut begründet und wurde dennoch ignoriert.

2020 sieben Prozent weniger Treibhausgase

Das Corona-Jahr 2020 brachte ca. minus sieben Prozent weniger Treibhausgase als 2019. Soll das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden, muss Jahr um Jahr sieben Prozent eingespart werden. Wie kann das gehen ohne Pandemie?

Ein entsprechender Umbau der Energiewirtschaft wird nur mit Hilfe einer CO2-Steuer funktionieren. Die Preise müssen endlich die "ökonomische und die ökologische Wahrheit sagen" (Ernst Ulrich von Weizsäcker). Dann und nur dann werden die erneuerbaren Energien rascher ausgebaut als bisher.

Und auch die dafür notwendigen Speicherkapazitäten.

Mit den jüngsten Beschlüssen der EU, bis 2030 55 Prozent CO2 statt wie bisher vorgesehen 40 Prozent einzusparen, wird nicht einmal das Zwei-Grad-Ziel erreichbar sein, sagen die Klimaforscher. Zurzeit steuert die Welt auf mindestens drei Grad globale Erwärmung zu. Und damit absehbar auf riesige Katastrophen.

Das Artensterben beschleunigt sich, noch mehr Wälder werden brennen und noch mehr Flüchtlinge werden nach Europa drängen. Noch mehr Menschen werden in Hitzewellen sterben.

Die heute noch riesigen Emissionsmengen belasten das Klima über viele Jahrzehnte. Erst wenn die Emissionen auf null sinken, kann sich das Klima erholen.

Das heißt, die Politik muss vor allem den Kohle-Ausstieg forcieren. Wenn das klassische Kohleland England, bis 2025 komplett aus der Kohle aussteigt, warum dann Deutschland erst 2038? Wenn die skandinavischen Länder den Verbrennungsmotor 2030 verbieten, warum dann Deutschland erst 2035? Nicht in zehn oder 20 Jahren müssen wir das fossile Zeitalter beenden, sondern in wenigen Jahren.

In den letzten 30 Jahren hat die Welt den Klimaschutz sträflich verschlafen. Das sollte in den nächsten 30 Jahren nicht nochmals passieren. Sonst stellt sich bald die Frage: Brauchen wir die alten Industriestaaten überhaupt?

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(Franz Alt)