Das 14-dimensionale Universum des Eric Weinstein

Ein als Hedgefonds-Berater tätiger Physiker will den Heiligen Gral der Physik gefunden haben. Das Problem dabei: Seine Gleichungen kennen bisher nur ein paar seiner Freunde

Als Albert Einstein Ende 1915 die endgültige Version der Allgemeinen Relativitätstheorie veröffentlichte, hörte die Forschergemeinde bei weitem nicht zum ersten Mal von seinen Konzepten. Schon sieben Jahre zuvor hatte er in einer Arbeit den Einfluss der Schwerkraft auf das Licht untersucht. Weitere Paper waren gefolgt, die zunächst noch voller Irrtümer steckten, wie Einstein erst über die Diskussion mit den Physiker- und Mathematiker-Kollegen seiner Zeit herausfand.

Falls der theoretische Physiker Eric Weinstein je in die Annalen der Physik eingehen sollte, dann über einen ungewöhnlichen Weg der Erstveröffentlichung: Die britische Tageszeitung The Guardian berichtete zuerst von seinen Theorien und zwar in einem Beitrag, geschrieben von Weinsteins Freund, dem Oxford-Mathematiker Marcus du Sautoy. Der hat sich mit Weinsteins Theorien, die er offenbar neben seiner Arbeit als Berater eines Hedgefonds entwickelte, in den vergangenen zwei Jahren ausführlich befasst. Und ist begeistert von der ihnen innewohnenden Klarheit und Logik.

Weinstein hat demnach mit seiner "Geometrischen Vereinigung" den Heiligen Gral der Physik gefunden, die Vereinigung von Allgemeiner Relativitätstheorie, Standardmodell und Quantenfeldtheorie. Er benötigt dazu ein 14-dimensionales Universum. Als Bewohner unserer eigenen vier Dimensionen, die nur einen Ausschnitt daraus bilden, spüren wir zwar die Auswirkungen dessen, was in den 14 Dimensionen passiert, können uns aber keinen Reim darauf machen.

Was sich für uns asymmetrisch anfühlt, ist auf höherer Ebene völlig symmetrisch. Zu den drei Generationen an Elementarteilchen des Standardmodells der Physik kämen noch einmal über 150 Teilchen hinzu, teilweise mit exotischen Eigenschaften wie einem Spin von 3/2. Die Dunkle Energie, die das Weltall immer schneller auseinandertreibt, erhebt Weinsteins Theorie neben Gravitation, Elektromagnetismus, schwacher und starker Wechselwirkung zur fünften Fundamentalkraft des Universums.

Wie kommt es, dass Weinstein trotzdem noch nicht als Nobelpreis-Kandidat gilt? Das hat eine einfache Ursache: Außer ihm selbst und einigen seiner Freunde hat noch niemand die Gleichungen zu Gesicht bekommen, die Weinstein aufgestellt hat. Der Guardian hat als Tageszeitung eine gewisse Reputation - doch als Wissenschaftsmagazin gilt er nicht. Physiker weltweit würden gern nachrechnen, ob sich aus den Gleichungen irgendwelche experimentell überprüfbaren Vorhersagen für die reale Welt ergeben. Doch da bisher keinerlei Veröffentlichung seitens Weinstein existiert, fehlt ihnen diese Gelegenheit.

Tatsächlich ist es gar nicht so kompliziert, eine Theorie so allgemein zu formulieren, dass in gewissen Spezialfällen der aktuelle Stand der Wissenschaft herauskommt. Wenn eine "Theorie von Allem" ernstgenommen werden will, muss sie deshalb mehr liefern: Konkrete, über den Stand der Physik hinausgehende Prognosen, die außerdem auch noch mit der Wirklichkeit übereinstimmen.

Der Vortrag, den Weinstein am vergangenen Donnerstag an der Oxford University über seine Thesen hielt, blieb von den Physikern leider unbemerkt – die Ankündigung, die an die physikalische Fakultät geschickt worden war, wurde aus unbekannten Gründen nicht weitergeleitet. (Matthias Gräbner)

Anzeige